Ab und zu hat sie wohl jeder mal: die Nächte, in denen man nicht einschläft, weil unzählige Dinge im Hirn kreisen.
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BerlinGuter Schlaf kann möglicherweise das Risiko für Herzerkrankungen, Infarkt und Schlaganfall senken. Dies gilt einer Studie zufolge auch für jene Menschen, die genetisch besonders anfällig für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. Gesunder Schlaf könne demnach möglicherweise jeden zehnten Herzinfarkt und Schlaganfall verhindern, schreibt das Team um Lu Qi von der Tulane University in New Orleans im European Heart Journal. Michael Arzt von der Universitätsklinik Regensburg spricht von sehr robusten Daten aus einer riesigen Kohorte. „Das Schlafmuster hat Einfluss auf die kardiovaskuläre Gesundheit“, sagt der Schlafmediziner, der nicht an der Arbeit beteiligt war.

Herzinfarkte und Schlaganfälle zählen zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Studien deuten darauf hin, dass neben Lebensstil und Erbgut auch die Dauer und Qualität des Schlafes eine Rolle etwa für die Entstehung der koronaren Herzkrankheit spielen könnten. Um den Einfluss genauer abzuschätzen, werteten die Forscherinnen und Forscher um Qi eine britische Datenbank mit Informationen zu mehr als 357.000 Menschen europäischer Abstammung aus. Diese waren zu Studienbeginn 37 bis 73 Jahre alt und hatten keine Herzerkrankung.

Viele Einflüsse wirken

Zudem erfassten die Forscherinnen und Forscher Daten zu 84 genetischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie zur Schlafqualität der Teilnehmer – Schlafdauer, Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie), Schnarchen, Tagesschläfrigkeit sowie Angaben zum Chronotyp, also ob jemand eher eine Nachteule oder eine Lerche (Morgentyp) ist.

In den folgenden durchschnittlich 8,5 Jahren registrierten die Forscher bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern knapp 7300 Herz-Kreislauf-Erkrankungen, darunter rund 4670 koronare Herzkrankheiten und etwa 2650 Schlaganfälle. Die Analyse ergab, dass ausreichend Schlaf, kaum Schlafstörungen, wenig Tagesschläfrigkeit sowie ein Lerchen-Chronotyp unabhängig voneinander mit einer geringeren Gefährdung einhergingen. Lediglich für Schnarchen fanden die Forscher keine klare Verbindung. Menschen mit insgesamt sehr gutem Schlaf waren demnach generell um ein Drittel (34 bis 35 Prozent) weniger gefährdet als Menschen mit besonders schlechter Nachtruhe.

Bei der Analyse berücksichtigten die Autoren auch andere Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, körperliche Bewegung, Rauchen, Alkoholkonsum oder Körper-Masse-Index (BMI). Ob es sich um eine kausale Beziehung zwischen Schlaf und Herz-Kreislauf-Gefährdung handelt, wissen die Forscher nicht. Sollte dies aber der Fall sein, könnte guter Schlaf jeweils zehn Prozent aller Herzinfarkte und Schlaganfälle vermeiden, schreiben sie.

Demnach geht die Kombination von genetisch hoher Belastung und schlechtem Schlaf – verglichen mit geringer erblicher Last und gutem Schlaf – mit einem 2,5-fach erhöhten Risiko für Herzkrankheiten und einer um das 1,5-Fache erhöhten Wahrscheinlichkeit für Schlaganfälle einher. Wer genetisch stark gefährdet war, aber gut schlief, hatte ein 2,1-fach erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen und eine um das 1,3-Fache erhöhte Gefahr für einen Schlaganfall. „Ein hohes genetisches Risiko kann durch gesunde Schlafmuster teilweise abgefangen werden“, sagt der Forscher Lu Qi. „Zudem können Menschen mit geringem genetischem Risiko diesen Schutz verlieren, wenn sie schlechte Schlafgewohnheiten haben.“

Für Michael Arzt, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Uniklinikum Regensburg, analysiert die Untersuchung einen bislang kaum erforschten Zusammenhang. Eine Kausalbeziehung zwischen schlechtem Schlaf und Herz-Kreislauf-Erkrankungen könne die Beobachtungsstudie aber nicht herstellen. Dennoch sei ein ursächlicher Zusammenhang möglich. Studien zufolge könne etwa Schlafmangel den Blutdruck erhöhen oder den Glukose-Stoffwechsel beeinträchtigen.

Hilfe gegen Schlafapnoe

Die Vermutung der Forscher, dass gesunder Schlaf möglicherweise jeden zehnten Herzinfarkt und Schlaganfall vermeiden könnte, hält Michael Arzt für zu optimistisch. „Schlechter Schlaf kann ohnehin schon ein Hinweis dafür sein, wie gesund ein Mensch ist“, sagt er. Zu den wichtigsten Schlafproblemen zählen nach seinen Angaben Ein- und Durchschlafstörungen, periodische Beinbewegungen im Schlaf und obstruktive Schlafapnoe, die sich in Schnarchen und nächtlichen Atemaussetzern äußert. Etwa die Hälfte der Schnarcher hat demnach eine solche Schlafapnoe, die ab etwa 30 Atemaussetzern pro Stunde schwer ausgeprägt ist. Helfen könnten dann etwa Kieferschienen und Atemmasken, die sogenannte CPAP-Therapie.

Eine eigene Form von Schlafstörung sei ein verhaltensbedingtes Schlafdefizit – wenn also eine Nachteule häufig erst spät zu Bett gehe, obwohl sie morgens etwa wegen des Berufs früh aufstehen müsse. Auch dies könne zu Schlafmangel führen, sagt Arzt. „Unsere Gesellschaft ist nicht auf Nachteulen ausgelegt.“