Berlin - Der Corona-Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers Astrazeneca kommt nicht aus den Negativ-Schlagzeilen heraus. Nach der neuesten Einschätzung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA könne der Impfstoff Anaphylaxie – schwere allergische Reaktionen – auslösen. Anaphylaxie sowie Überempfindlichkeitsreaktionen sollten deshalb in die Liste der möglichen Nebenwirkungen aufgenommen werden, erklärt die EMA am Freitag.

Die Arzneimittelbehörde beruft sich dabei auf Ergebnisse des für die Bewertung und Sicherheit von Humanarzneimitteln zuständige Pharmakovigilance Risk Assessement Committee (PRAC). In Großbritannien wurden bei etwa fünf Millionen Impfungen 41 Fälle schwerer allergischer Reaktionen gemeldet. „Nach sorgfältiger Prüfung der Daten kam der PRAC zu dem Schluss, dass zumindest in einigen dieser Fälle ein Zusammenhang mit dem Impfstoff wahrscheinlich ist“, heißt es in einer Mitteilung.

Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass Anaphylaxie im Risikomanagementplan für den Covid-19-Impfstoff von AstraZeneca als potenzielles Risiko bereits aufgeführt ist. Es gilt als bekannte Nebenwirkung, die sehr selten bei Impfstoffen auftreten kann. Die Produktinformation des Vakzins enthält daher bereits eine Warnung vor anaphylaktischen Reaktionen.

Die EMA empfiehlt, dass die Menschen, die nach der ersten Dosis des Impfstoffs eine allergische Reaktion entwickeln, keine zweite Dosis bekommen sollten. Das gelte für alle in der EU zugelassenen Covid-19-Vakzine.

Mehrere Länder stoppten Impfung mit Astrazeneca

Derzeit pausieren mehrere Länder die Impfung mit einer Produktcharge des Mittels AZD1222 von Astrazeneca. Grund hierfür waren Berichte über einen Todesfall in Dänemark und schwere Erkrankungen durch Blutgerinnsel nach der Impfung. Dänemark hatte entschieden, für 14 Tage niemanden mehr mit dem Corona-Vakzin zu impfen. Laut der dänischen Gesundheitsverwaltung eine reine Vorsichtsmaßnahme, man lehne das Astrazeneca-Mittel nicht ab, sondern setze die Verabreichung aus. Norwegen und Island folgten der Entscheidung, ebenso Thailand.

Die EMA hatte auch die gemeldeten Thrombose-Fälle geprüft: Es bestehe kein Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den aufgetretenen Blutgerinnseln und der Impfung. Die Anzahl von bisher gemeldeten 30 Thrombose-Fällen bei knapp fünf Millionen geimpften Personen im europäischen Wirtschaftsraum sei keine Häufung gegenüber dem Vorkommen in der Gesamtbevölkerung.

Blutgerinnungsstörungen treten insgesamt gesehen relativ häufig auf. „In Deutschland gibt es jährlich 100.000 Todesfälle aufgrund von thromboembolischen Ereignissen, diese stellen derzeit die dritthäufigste Todesursache dar. Auch die Erkrankung Covid-19 geht mit einem starken Risiko für Thrombosen einher“, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der Münchner Klinik Schwabing. Er beruft sich dabei auf eine aktuelle US-amerikanischen Auswertung. Dort traten bei insgesamt 533 von 3334 Covid-19-Patienten Blutgerinnungsstörungen auf. Das entspricht 16 Prozent.

Thrombose – Gefährliche Blutgerinnsel

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß oder im Herzen. Dadurch wird der Blutfluss behindert. Oftmals sind dabei die Beinvenen betroffen.

Risikofaktoren sind beispielsweise eine vorangegangene Operation. Aber auch Entzündungen, Krampfadern und Nierenleiden können die Gefahr erhöhen. Auch einige Medikamente weisen ein höheres Thrombose-Risiko auf. Allgemein bekannt ist dies von der Antibaby-Pille.

Symptome: Verschließt ein Blutgerinnsel eine Beinvene, kann sich das beim Aufstehen durch einen stechenden Schmerz in der Wade äußern. Weitere Anzeichen können eine Schwellung und bläuliche Verfärbung der Haut sein. Diese Symptome müssen nicht gemeinsam auftreten, schon bei einem davon sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine rasche Diagnose und Behandlung sind wichtig. Denn vor allem bei einer tiefen Beinvenenthrombose besteht das Risiko einer Lungenembolie.

Das in Deutschland als oberste Bundesbehörde für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut teilt die Einschätzung der EMA: Bislang gebe es „keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit der Corona-Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca in kausaler Verbindung steht. In Übereinstimmung mit der EMA überwiegt aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts der Nutzen der Impfung die bekannten Risiken.“

In Deutschland seien bis zum 11. März elf thromboembolische Ereignisse gemeldet worden. Vier Personen seien verstorben. Die aufgetretenen Ereignisse werden weiterhin auf mögliche Ursachen hin intensiv untersucht. Nach Impfungen werden häufig zufällig Krankheiten beobachtet, die besondere Aufmerksamkeit erfahren und als Verdachtsfälle gemeldet werden. Das geht aus einer Studie hervor, die 2017 auf der Seite des Europe PMC veröffentlicht wurde. In der überwiegenden Mehrheit hätten solche gemeldeten Verdachtsfälle kausal nichts mit den Impfstoffen zu tun.

Unangemessene Nutzen-Risiko-Abwägung

„Es ist wichtig und richtig, dass allen Ereignissen sehr sorgfältig nachgegangen wird. Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge“, sagt Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung der Charité Berlin. „Bislang zeigt sich nach Gabe von vielen Millionen Impfdosen des Astrazeneca-Impfstoffs zum Beispiel in Großbritannien keine Häufung von thrombotischen Ereignissen unter den Geimpften. Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten.“

Die Entscheidung der dänischen Behörden, die Verabreichung des Astrazeneca-Impfstoffs auszusetzen, schadet nach Ansicht des Mediziners Mathias Pletz viel mehr, als dass sie nützt. Pletz ist Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Jena. Durch das Aussetzen der Impfungen sei es sehr wahrscheinlich, dass nun mehr Menschen an Covid-19 erkranken als ohne diese Entscheidung – und etwa fünf Prozent davon sicherlich auch schwer. Das sei eine unangemessene Nutzen-Risiko-Abwägung gewesen. (mit afp/dpa)