Ein Altneubau in der Reinickendorfer Straße in Wedding. In den oberen Stockwerken leben Senioren in einem Wohnheim, unten liegen die Büros der AWO Gemeinnützigen Pflegegesellschaft mbH. Sieben Sozialstationen und vier Wohngemeinschaften betreibt die Arbeiterwohlfahrt, vor allem im Norden Berlins. Ihre 200 Mitarbeiter betreuen dort rund 600 Patienten. Über den Alltag in der ambulanten Pflege sprechen wir mit Geschäftsführer Dr. Timm Meike.

Herr Meike, Sie haben Politikwissenschaften studiert. Jetzt leiten Sie einen stadtweiten Pflegedienst. Wie passt das zusammen?

Mich hat die Aufgabe gereizt. Im Pflegebereich steckt großes Potenzial. Da wird sich in den kommenden Jahren viel ändern, weil wir das Alter anders gestalten müssen als heute, und das passiert nicht einfach so, das muss eingefordert werden.

Und Sie wollen das einfordern?

Ich hoffe auf die Unterstützung der nächsten Generation der Alten, auf die ehemaligen 68er zum Beispiel, die sich nichts mehr gefallen lassen und dann klar und deutlich sagen: Ich stelle mir mein Alter konkret so und so vor. Dann geht es nicht mehr nur um Pflegeheime oder ambulante Dienste, dann wird es mehr um aktives Gestalten gehen, um Gemeinschaften im Alter, spezielle WGs.

Bleiben wir in der Realität. Wie viele Patienten versorgt einer Ihrer Mitarbeiter pro Tag?

Das hängt von den Aufgaben ab. Eine Altenpflegerin mit dreijähriger Ausbildung hat zwischen 20 und 30 Patienten pro Tour. Sie ist oft nur wenige Minuten beim Patienten, gibt eine Spritze oder wechselt einen Verband. Und dann gibt es die normale Pflege, wenn wir beim Aufstehen helfen, etwas zu Essen kochen, bei der Körperpflege helfen. Da betreut eine Pflegerin, die eine 200-stündige Ausbildung hat, in der Regel fünf oder sechs Patienten am Tag. Sie ist bis zu einer Stunde bei einem Patienten.

In Berlin werden im kommenden Jahr laut Berechnungen des Senats 4000 Pflegekräfte fehlen. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Die ambulanten Pflegefälle werden mehr. Die Zahl der über 65-Jährigen wird in den nächsten Jahren in manchen Stadtteilen bis zu 40 Prozent zunehmen. Und ab 65 steigt das Risiko, dass jemand pflegebedürftig wird. Unsere Patienten sind oft über 65, die meisten über 70. Wir merken den demografischen Wandel schon jetzt sehr deutlich. In den letzten sechs Monaten nahmen die Anfragen nach ambulanter Hilfe drastisch zu. Viele Krankenhäuser und Angehörige fragen, ob wir noch jemanden versorgen können.

Können Sie? Was sagen Sie denen?

Kapazitäten gibt es noch, aber nicht mehr zu jeder Uhrzeit. Einen Verbandswechsel können wir in der Regel übernehmen. Jemanden zusätzlich morgens, mittags und abends versorgen, das ist oft nicht möglich, weil uns das Personal für solche Tätigkeiten fehlt.

Sie könnten Mitarbeiter einstellen.

Das würden wir sehr gerne. Aber wachsen kann man nur, wenn man Mitarbeiter findet, und die gibt es nicht. Leasingfirmen versuchen gerade massiv, Personal abzuwerben, um es dann zu hohen Preisen den Pflegediensten anzubieten. Uns rufen inzwischen andere Pflegestationen an und fragen, ob wir ihre Patienten versorgen können. Und das ist nur der Anfang, das wird ein Riesen-Problem.

Die Pflege hat keinen guten Ruf. Der Job ist anstrengend. Man pflegt jemanden, bis er stirbt, und bekommt dafür wenig gesellschaftliche Anerkennung. Mitarbeiter werden zudem schlecht bezahlt.

Pflegekräfte bekommen viel zu wenig Geld, wenn man bedenkt, welche Verantwortung sie haben und welchen Belastungen sie ausgesetzt sind, körperlich und psychisch. Ein Pfleger arbeitet immer dicht am Menschen. Er muss in einer Wohnung allein Entscheidungen treffen. Er ist emotional gefordert. Da geht jemand regelmäßig in eine Wohnung, wo ein Patient seit 30, 40 Jahren lebt, er sieht einen Teil seines Lebens, Fotos, wie er sich eingerichtet hat, führt Gespräche und erfährt viel aus dessen Leben. Da entsteht Vertrauen. Das macht für viele unserer Mitarbeiter den Reiz der ambulanten Pflege aus, bedeutet aber auch viel Verantwortung.

Wie lange pflegen Sie Patienten?

Wir haben viele Patienten, die werden zehn, 15 Jahre von uns betreut. Ein Großteil wird von Angehörigen gepflegt. Es gibt aber auch viele Alte, die allein leben. Die meisten Menschen wollen zu Hause bleiben. Viele haben Angst, ihre Selbständigkeit zu verlieren und nicht mehr Herr über ihren Alltag zu sein. Bei uns kaufen sie ganz konkrete Leistungen ein, alles andere macht man selbstständig weiter.

Was verdient eine Pflegekraft?

Ein Altenpfleger mit dreijähriger Ausbildung erhält in Berlin je nach Dienstzeiten ungefähr zwischen 2400 und 2900 Euro brutto. Eine Pflegekraft mit 200 Stunden Ausbildung erhält etwa zwischen 1900 und 2400 Euro.

Sie könnten etwas drauflegen.

Da gibt es Grenzen. Wir rechnen unsere Leistungen ja mit den Krankenkassen und der Pflegeversicherung ab, da sind wir an bestimmte Sätze gebunden. Wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen, wir schütten keine Gewinne aus. Das heißt, das Geld, das wir verdienen, landet zum allergrößten Teil auch bei unseren Mitarbeitern.

Was tun Sie dafür, dass Ihre Mitarbeiter bleiben?

Wir schauen immer mehr auf gute Arbeitsbedingungen, damit sie sich wohlfühlen.

Was verstehen Sie unter guten Arbeitsbedingungen?

Das Wichtigste sind flexible Angebote. Die jungen Leute sagen heute deutlich: Ich will meine Kinder nicht morgens um sechs in die Kita bringen. Also schaffe mir Arbeitsbedingungen, dass ich etwas von meinen Kindern habe. Wir versuchen dann, ihnen eine Arbeitszeit von 8 bis 14 Uhr zu organisieren. Anderen, die keine kleinen Kinder mehr haben und dafür flexibler sind, bieten wir finanzielle Anreize oder mehr freie Tage. Gerade ermitteln wir, was die Mitarbeiter sich im Rahmen von betrieblichem Gesundheitsmanagement wünschen. Das können so Dinge sein wie Supervision oder eine Massage.

Politiker haben vorgeschlagen, auch Flüchtlinge in Pflegeberufen auszubilden.

Für die ambulante Pflege ist das kein Weg, da brauchen wir Pfleger mit enorm guten Sprachkenntnissen. Die müssen kommunizieren können, sie sind allein mit einem Patienten, müssen ihn verstehen, sich in ihn hineinfühlen, ihn beruhigen können und spontan entscheiden, ob etwa ein Arzt gebraucht wird. Ein verwirrter Mensch hat wenig Verständnis, wenn ihn jemand nicht versteht.

Seit Januar gilt ein neues Pflegegesetz. Es gibt unter anderem mehr Pflegegrade, Demenzkranke werden besser berücksichtigt. Was halten Sie von den Änderungen?

Das neue Pflegegesetz ist ein guter Ansatz dafür, das Alter nicht nur als defizitär anzusehen. Es ermöglicht auch Maßnahmen, um Patienten zu unterstützen, damit sie möglichst lange selbstständig sind. So können wir jetzt schon ab Pflegegrad 1 Leistungen abrechnen, die nicht direkt mit der Pflege zu tun haben. Also mal jemanden zum Einkauf begleiten oder zum Grab des Ehepartners, mal ein Kaffeekränzchen organisieren oder einfach nur Zeit für ein Gespräch haben.

Und das rechnet sich für Sie?

Ja, wir machen das, und es ist nicht unwirtschaftlich.

Und was ist negativ am neuen Pflegegesetz?

Dass es nicht genug Personal für alle neuen möglichen Leistungen gibt.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, wie Sie im Alter leben wollen?

Nicht konkret. Aber ich weiß, dass ich ab einem gewissen Alter darauf achten werde, wirklich altersgerecht zu wohnen, damit ich jederzeit aus dem Haus gehen kann und nicht etwa viele Treppen steigen muss. Das ist sehr wichtig, denn das hält mobil und verlängert die Eigenständigkeit. Das sage ich auch immer wieder meinen Eltern.

Das Gespräch führte Sabine Deckwerth.