BerlinDie neue Coronavirus-Linie B.1.1.7 beschäftigt Virologen und Impfstoffentwickler weiterhin. Neben der noch durch Laborexperimente zu klärenden Frage, ob die genetischen Veränderungen (Mutationen) diese Variante von Sars-CoV-2 ansteckender machen, ist unsicher, ob die vorhandenen Impfstoffe weiterhin wirken.

Die Untersuchungen zur Wirksamkeit des Impfstoffs bei der neuen Linie nehme man sofort in Angriff, sagte Ugur Sahin, Vorstandsvorsitzender der Mainzer Firma Biontech, bei einem Pressegespräch am Dienstag. „In 14 Tagen werden die experimentellen Daten vorliegen“, so der Wissenschaftler. Biontech ist Vorreiter bei der Entwicklung von Corona-Impfstoffen und hat für sein RNA-Vakzin mittlerweile in 45 Ländern eine bedingte, temporäre oder notfallmäßige Zulassung erhalten. Zuletzt erteilte die EU am Montag die bedingte Zulassung für die 27 europäischen Mitgliedsstaaten.

Neun Mutationen im Spikeprotein

In Alarmstimmung ist man bei Biontech nicht. Er halte es für „außerordentlich wahrscheinlich“, dass der Impfstoff auch vor Erkrankungen durch die Linie B.1.1.7 schützen werde, sagte Sahin. Denn auch zuvor seien bereits einzelne Mutationen in den für das Spikeprotein wichtigen Genabschnitten aufgetreten. „Immer wenn eine dominante Mutation aufgetreten ist, haben wir geprüft, ob unser Impfstoff weiterhin wirkt – und bisher war das der Fall“, berichtete Sahin. Immerhin jedoch versammeln sich in B.1.1.7 neun Mutationen im Spikeprotein, dazu kommen Veränderungen in anderen Erbgutabschnitten.

Das Spikeprotein spielt eine Schlüsselrolle bei der Infektion, denn es ermöglicht dem Erreger, an die menschlichen Zellen anzudocken und in sie einzudringen. Der Biontech-Impfstoff enthält die genetische Bauanleitung für das komplette sogenannte Spikeprotein von Sars-CoV-2. Sie liegt in Form von RNA vor und wird mithilfe einer Lipidhülle in die menschlichen Zellen geschleust. Die Zellmaschinerie stellt daraufhin das Spikeprotein des Virus her. Auf diese Weise lernt das Immunsystem, Sars-CoV-2 zu erkennen und hält ein Arsenal von Immunzellen bereit. Darunter sind Antikörper, die das Virus neutralisieren, bevor es in die Zellen eindringen kann, und sogenannte T-Zellen, die das Virus auch dann bekämpfen können, wenn es sich bereits in den Zellen befindet.

In der Diskussion über die neuen Mutationen ist wichtig zu wissen, dass es Dutzende Antikörper gibt, die an verschiedene Stellen des Spikeproteins binden. Auf diese Weise gibt es also eine gewisse Fehlertoleranz bei der Immunantwort. Ohnehin ist allein das Spikeprotein recht komplex. Es besteht aus gut 1200 Eiweißbausteinen, Aminosäuren genannt. Der genetische Code für das Protein ist dreimal so groß, denn immer drei RNA-Bausteine (Nukleotide) informieren die Eiweißfabriken der Zelle darüber, welche Aminosäure hergestellt werden soll. Dass die jetzt festgestellten Mutationen die Immunantwort grundlegend beeinflussen, ist also nicht zwingend.

Bei den aktuellen Beschränkungen dürfte diese Variante hierzulande eher schwer Fuß fassen.

Christian Drosten, Institut für Virologie, Charité Berlin

Allerdings weiß man über die meisten dieser Mutationen noch nicht allzu viel. Drei der neun Mutationen sind einem Bericht der englischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) zufolge besonders im Fokus, weil sie im Spikeprotein vorkommen und deswegen potenzielle biologische Effekte haben können. Die drei Mutationen tragen die Bezeichnungen N501Y, 69-70del und P681H. „Die ungewöhnlichste und besorgniserregendste Mutation ist N501Y“, schreiben die britischen Experten. Sie könne sowohl die Übertragbarkeit des Virus erhöhen als auch die Abwehr des Virus durch Antikörper beeinträchtigen, denn sie befinde sich an der Stelle, an der die meisten neutralisierenden Antikörper ansetzen. Die Mutation N501Y ist auch in Südafrika aufgetreten und wurde bereits näher untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass sie eine stärkere Bindung des Spikeproteins an die menschliche Zelle bewirkt.

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité äußerte sich via Kurznachrichtendienst Twitter zu den PHE-Daten: „Das sieht leider nicht gut aus“, schrieb er. Positiv sei aber, dass B.1.1.7-Fälle bislang nur in Gebieten zugenommen haben, wo die Gesamtinzidenz hoch oder ansteigend war. „Kontaktreduktion wirkt also auch gegen die Verbreitung der Mutante“, schreibt Drosten. Es sei zwar recht wahrscheinlich, dass die Variante mittlerweile auch in Deutschland sei. „Aber bei den aktuellen Beschränkungen dürfte diese Variante hierzulande eher schwer Fuß fassen“, sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur. Darauf deuteten auch die PHE-Daten hin. 

Positiv zu werten sei, dass der neuen Variante ein bestimmtes Gen fehle, dass eigentlich die Krankheitsschwere verstärkt, sagte Drosten. „Das ist die gute Nachricht.“ Es könnte also durchaus sein, dass B.1.1.7 harmloser ist. Möglicherweise sei das auch ein Grund für die schnellere Verbreitung. Denn Menschen ohne oder mit nur leichten Symptomen isolieren sich eher nicht und können dadurch vermehrt andere anstecken.

Über die Feiertage und danach werden Forscher nun also jede Menge zu tun haben, um die Folgen der genetischen Veränderungen abschätzen zu können. Sollten sich die Bedenken bestätigen, dass die vorhandenen Impfstoffe schlechter wirken, lassen sich diese aber relativ leicht nachbessern. „Technisch sind wir in der Lage, den Impfstoff binnen sechs Wochen an eine neue Variante anzupassen“, sagte Biontech-Chef Ugur Sahin. Wie schnell der adaptierte Impfstoff dann verabreicht werden könne, müssten die regulierenden Behörden entscheiden.

Der Biontech-Impfstoff heißt jetzt Comirnaty

Derweil hat das Biontech-Vakzin, das bislang unter dem Studiennamen BNT162b2 bekannt ist, einen Handelsnamen erhalten: Comirnaty. Die Bezeichnung leite sich ab von den Begriffen Covid-19, mRNA, Community und Immunisation, erläuterte Sean Marrett, Vorstandsmitglied bei Biontech. Damit spielt der Handelsname also an auf die Krankheit, die Substanz mit der geimpft wird und auf die Bedeutung der Gemeinschaft für die Immunisierung.

Nach der Zulassung am Montag könnten die ersten Auslieferungen von Comirnaty an diesem Mittwoch starten. Alle EU-Länder würden binnen fünf Tagen beliefert, sagte Marrett. Bis Ende des Jahres stünden 12,5 Millionen Dosen für die EU bereit. Die Impfdosen werden derzeit im Werk des US-amerikanischen Biontech-Partners Pfizer im belgischen Puurs gelagert. Dort werden die Ausgangsstoffe, die in den verschiedenen Produktionsstätten von Biontech hergestellt werden, weiterverarbeitet und abgefüllt. Bis zum 26. Dezember sollten die Dosen in jedem EU-Mitgliedsland sein, damit die Impfungen am 27. beginnen könnten, sagte Biontech-Finanzvorstand Sierk Poeting.

Ab Februar wird Comirnaty auch im hessischen Marburg produziert, wo Biontech eine Anlage des Novartis-Konzerns übernommen hat, die sich zurzeit im Umbau befindet. Insgesamt haben Biontech und Pfizer angekündigt, bis Ende 2021 bis zu 1,3 Milliarden Impfdosen zu produzieren. In den kommenden Monaten wollen die Forscher im Rahmen von Studien klären, ob der Impfstoff auch für Schwangere, jüngere Kinder und Menschen mit Immunschwäche geeignet ist. Die Untersuchungen zu der wichtigen Frage, ob der Impfstoff nicht nur die Erkrankung Covid-19 sondern auch asymptomatische Infektionen verhindert, laufen bereits. Erste Ergebnisse kündigte Sahin für Ende Januar oder Anfang Februar an. Fest steht bereits, dass der Impfstoff vor Covid-19-Erkrankungen schützen kann – und zwar mit einer Wirksamkeit von 95 Prozent. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Linie B.1.1.7 daran nichts ändert.