Berlin - Ostern ist nicht mehr weit, weshalb kurz an das Symboltier für das dazugehörige, wie auch immer christianisierte Fest heidnischen Ursprungs erinnert sei: den Osterhasen. Den hoppelnden Eierlieferanten gibt es schon recht lange bei uns, zum ersten Mal wissenschaftlich erwähnt wird er 1682 in der Abhandlung „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ des Frankfurter Arzt Johannes Richier. Doch erst im 19. Jahrhundert erfuhr der Glaube an den Osterhasen einen kräftigen, bis heute währenden Aufschwung: Mit der industriellen Herstellung von billigem Rübenzucker wurde die massenhafte Produktion von erschwinglichen Schokoladenhasen und -eiern erst möglich.

Das nasskalte Mistwetter ist ist nicht gut für die Langohren

Daraus lernen wir, dass Glaube immer seine materiellen Grundlagen hat, im vorliegenden Fall: Rübenzucker und Massenproduktion. In einer verqueren Dialektik setzt die Industrialisierung dem natürlichen Vorbild des Osterhopplers, nämlich dem Feldhasen, allerdings erheblich zu. Seine Lebensräume schwanden durch die industrialisierte Landwirtschaft und Umweltzerstörung. Da lässt schon aufhorchen und frohlocken, dass ein trockener und warmer Frühling im vergangenen Jahr die Zahl der Feldhasen auf Deutschlands Äckern, Wiesen und Wäldern steigen ließ.

So teilte es jetzt der Deutsche Jagdverband in Berlin mit: Im Frühjahr 2020 lebten im Schnitt 14 Feldhasen pro Quadratkilometer Hasen-Lebensraum – das sind etwa zwei Hasen mehr als noch bei der vergangenen Hasen-Zählung 2019. Da bereits die vergangenen Frühjahre 2018 und 2019 trocken waren, setzt sich laut DJV damit ein leichter Aufwärtstrend bei der Feldhasen-Population fort. „Die Voraussetzungen sind gut, dass der leichte Aufwärtstrend auch dieses Jahr weitergehen kann – wenn das aktuelle Mistwetter aufhört“, so der DJV-Sprecher Torsten Reinwald.

Foto: dpa/Patrick Pleul
Ein Feldhase hoppelt an einem Märzmorgen über ein Feld im Oderbruch.

„Dieses nasskalte Wetter, das wir gerade haben, ist Gift für die jungen Feldhasen“, erläutert Reinwald. Das hat mit ihrer Lebensweise zu tun, denn anders als die Kaninchen, die in einem schützenden Bau unter der Erde leben, legen sich Feldhasen in sogenannte Sassen, kleinere Mulden auf Feldern. So sind sie der Witterung ausgesetzt. Und das heißt bei Regen: „Das Fell wird nass, klebt zusammen und die isolierende Luftschicht zwischen den Fellhaaren schwindet“, so Reinwald. Junge Feldhasen, die jetzt zur Osterzeit geboren werden, könnten an Unterkühlung sterben.

Feldhasen in Berlin und Brandenburg auf dem Rückzug

Naturschützer gehen davon aus, dass zwischen zwei und drei Millionen Feldhasen in Deutschland leben. Dennoch steht der Feldhase (Lepus europaeus) auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten. Er sei zwar nicht vom Aussterben bedroht, sagt Andreas Kinser, Wildbiologe der Deutschen Wildtier Stiftung. „Aber es gibt heute schon deutlich weniger Feldhasen als noch vor 30 oder 40 Jahren.“ Etwa seit zehn Jahren habe sich die Population auf niedrigem Niveau stabilisiert. Eben das bestätigt auch der DJV mit seinem Wildtier-Monitoring.

Der Feldhasen-Bestand variiert von Region zu Region: Besonders dicht ist die Population demnach im nordwestdeutschen Tiefland und im südwestdeutschen Mittelgebirge: Dort wurden durchschnittlich 18 Feldhasen pro Quadratkilometer gezählt. Im westdeutschen Mittelgebirge und im Alpenvorland waren es je zwölf, im ostdeutschen Mittelgebirge elf. Vergleichsweise wenig zu finden waren die Tiere im nordostdeutschen Tiefland mit durchschnittlich fünf Feldhasen. Die Bestände in Berlin und Brandenburg sind rückläufig.

„Der Feldhase hat große Probleme mit den ausgebauten Agrarflächen“, erklärt Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Landesverbandes des Naturschutzbundes Brandenburg. Er brauche Vielfalt in der Landschaft und beim Futter. „Ein Maisfeld ist für ihn nicht attraktiv.“ Die Körner schmeckten ihm nicht. Auf seinem Speiseplan stünden Wildkräuter und -gräser. Außerdem brauche es Hecken, Gräben und Randstreifen, denn sie böten Deckung vor den Fressfeinden. Durch intensive Landwirtschaft aber gehe das schützende Buschwerk verloren.

Ökonische: Ungepflegte Feldränder mit Gräsern und Kräutern

Naturschützer und Deutscher Jagdverband sind sich daher einig, dass es mehr Naturschutz in der landwirtschaftlichen Fläche brauche. „Kleine ökologische Trittsteine wie etwa ein ungepflegter Feldrand mit Gräsern und Kräutern, die helfen der Artenvielfalt und dem Feldhasen“, sagt DJV-Sprecher Reinwald. „Da brauchen wir die Landwirte als Partner, und es würde helfen, Artenvielfalt als Produktionsziel zu definieren.“ Die Agrarpolitik sollte deshalb nach Ansicht des DJV den Landwirten mehr Anreize dafür schaffen.

Wildbiologe Kinser sieht jetzt im Frühjahr noch ein anderes menschengemachtes Problem. Nach einem langen Corona-Winter ziehe es viele Menschen bei den ersten Sonnenstrahlen ins Freie – und immer wieder komme es vor, dass Spaziergänger junge Feldhasen, die vermeintlich verlassen am Wegesrand kauern, aufnehmen. „Da ist unser dringender Appell: Bitte junge Feldhasen nicht mitnehmen oder zu einer Tierauffangstation bringen“, macht Kinser deutlich. „Das ist völlig normal, wenn da einer am Weg liegt.“ (mit dpa)