Noch gibt es keinen Covid-19-Impfstoff.
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BerlinIm vorigen Jahrhundert war es normal, jemanden zu kennen, der hinkend durchs Leben ging, weil ihn die Kinderlähmung erwischt hatte. Der systematische Schutz vor Polioviren, die diese Infektionskrankheit auslösen, wurde erst ab Anfang der 1960er-Jahre durch die Schluckimpfung möglich.

Heute ist Europa frei von Kinderlähmung, der Rest der Welt noch nicht ganz. Deshalb wird weiter geimpft. Doch die Kinderlähmung ist für uns nur noch eine abstrakte Gefahr, ebenso wie Diphtherie und die anderen Infektionskrankheiten, die seit Jahrzehnten mit Impfstoffen verhütet werden. Und deshalb ist die Erkenntnis verblasst, dass Impfstoffe ein Segen sein können, dass sie Leben retten, Leid verhindern – und im Sinne der Gemeinschaft sind, weil sie die Schwächsten schützen.

Als Sars-CoV-2 sich in die Welt aufmachte, in einem Land nach dem anderen die Krankenhäuser vor Patienten überquellen ließ und binnen kurzer Zeit Tausende Todesopfer forderte, wurde vielen Menschen der Sinn und Zweck von Impfstoffen wieder bewusst. Die wichtigste Frage schien zu sein, wann wir uns endlich impfen lassen können. Entsprechend groß war hierzulande auch die Bereitschaft dazu. Mitte April lag sie bei 79 Prozent, wie die Online-Umfrage Cosmo zeigte, für die Forscher der Universität Erfurt im Wochentakt ermitteln, wie Menschen hierzulande die Covid-19-Risiken wahrnehmen.

Doch die Lage ändert sich. Die Maßnahmen gegen die Pandemie werden gelockert, die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Aus Wuhan, Bergamo, Madrid und New York kommen keine schlimmen Bilder mehr im Fernsehen – und nun ist das mit dem Impfstoff vielen Menschen hierzulande doch nicht mehr so wichtig. Aktuell würden sich der Cosmo-Umfrage nach nur noch 63 Prozent der Befragten gegen Covid-19 impfen lassen.

Das ist enttäuschend. Denn es zeigt, wie schnell Menschen ein Problem aus dem Blickfeld verlieren, wenn sie nicht direkt betroffen sind. Es drängt sich die Frage auf, ob es hierzulande doch noch richtig schlimm werden muss, damit die Einsicht wieder wächst.

Der Trend ist aber auch alarmierend, weil die Mythen zum Ursprung von Corona, über die Gefahr durch Impfungen allgemein und die angeblichen Machenschaften von Bill Gates im Besonderen offenbar fruchten. Auch wenn es nur wenige sind, die diese Ansichten vehement vertreten, schüren sie doch eine Atmosphäre des Misstrauens, Zweifelns und der Feindlichkeit gegenüber seriösen Wissenschaftlern. In der Cosmo-Umfrage halten immerhin 17 Prozent der Befragten Corona für einen Schwindel.

Gesellschaftlich betrachtet ist die sinkende Impfbereitschaft ein Armutszeugnis. Denn nach jetzigen Erkenntnissen wäre selbst bei einem perfekt wirksamen Impfstoff eine Quote von 63 Prozent nicht ausreichend, um Herdenimmunität zu erreichen und die Verbreitung des Virus zu stoppen. Und das bedeutet nicht nur Pech für diejenigen, die Corona zu harmlos finden, um sich impfen zu lassen – und dann womöglich doch an die Beatmungsmaschine müssen oder einen Schlaganfall erleiden. Unter Impf-Ignoranz leiden dann auch diejenigen, die sich nicht impfen lassen können, weil sie zum Beispiel unter einer Immunschwäche leiden.

Bis Impfstoffe gegen Covid-19 gefunden und breit verfügbar sind, wird es wohl noch ein Jahr dauern. Das ist tragisch, denn es bedeutet, dass bis dahin weltweit weiterhin Tausende Menschen sterben werden. Diese Wartezeit bietet aber auch die Chance, unermüdlich aufzuklären, Fakten zu liefern und Transparenz zu schaffen über die Risiken von Corona und die Impffrage. Denn das ist offenbar dringend nötig.

Zurzeit verdichten sich die Anzeichen, dass Covid-19 auch für jüngere und weitgehend gesunde Menschen gefährlich werden kann und womöglich langfristig Schäden hinterlässt. Das wäre ein Argument für den Egoisten in uns, sich für eine Impfung zu entscheiden. Doch auch die Sache mit der Herdenimmunität muss im Zusammenhang mit der Covid-Impfung besser kommuniziert werden. Denn dieses Virus lässt sich nur dann bezwingen, wenn sich Gemeinsinn entfaltet. Dieses Jahr tragen wir Masken, um die anderen zu schützen. Nächstes Jahr können wir uns hoffentlich impfen lassen, um uns und die anderen zu schützen.