Mutter-Jungtier-Paar der Großen Sackflügelfledermaus, Saccopteryx bilineata, im Tagesquartier. Das Jungtier (dunkle Fellfarbe) hält sich am Bauch der Mutter (helle Fellfarbe) fest.
Foto: Michael Stifter

Wenn Menschen sich ihren Kindern zuwenden, sprechen sie instinktiv anders als mit Erwachsenen. Ihre Stimme wird deutlich höher, sie reden langsamer und artikulieren die Worte überdeutlich. Ein Verhalten, das Forscher „Motherese“ oder „Baby Talk“ nennen und bisher vor allem beim Menschen beobachtet haben. Nun zeigt sich aber: Tiere machen das offenbar auch: Sie verfallen in eine andere Art von Sprache, wenn sie sich an ihren Nachwuchs wenden.

So ändern weibliche Fledermäuse die Klangfarbe ihrer Stimme je nachdem, ob sie mit Erwachsenen oder Jungtieren kommunizieren, wie Ahana Aurora Fernandez und Mirjam Knörnschild vom Museum für Naturkunde Berlin herausgefunden haben. Im Fachmagazin Frontiers in Ecology and Evolution beschreiben sie erstmals ein Phänomen in Fledermausrufen, das der Babysprache menschlicher Eltern ähnelt.

Seit 2015 hat die Biologin Ahana Fernandez jedes Jahr mehrere Monate in Panama und Costa Rica verbracht, um wilde Kolonien der Großen Sackflügelfledermaus Saccopteryx bilineata zu untersuchen. Statt in Höhlen hängen die Tiere mit etwas Abstand zueinander vertikal an Baumstämmen, so dass man sie gut beobachten kann. Ausgerüstet mit einem Ultraschall-Mikrofon verfolgte die Wissenschaftlerin jeden Tag zwölf Stunden lang, wie die Jungen mit ihren Müttern interagierten, bis sie mit etwa 12 Wochen flügge sind. Auf einem Laptop konnte sie in Echtzeit ein Sonogramm ihrer Rufe sehen.

„Die Sackflügelfledermaus hat generell ein großes Repertoire an verschiedenen Lauten, die sie zu unterschiedlichen Rufen zusammensetzt“, sagt Ahana Fernandez. Manche davon kann der Mensch gar nicht hören, weil sie in einem Frequenzbereich liegen, der für unsere Ohren nicht wahrnehmbar ist. Forscher beschreiben diese Geräusche als Bellen, Schwätzen, Pfeifen oder Kreischen. Mit einer Art Balzgesang begrüßen die Männchen jedes Weibchen, das ins Quartier zurückkehrt. Und um ihr Revier zu verteidigen, stimmen die männlichen Fledermäuse jeden Morgen und Abend einen bestimmten Ruf an. „Die Jungen lernen diesen Territorialgesang in den ersten Wochen ihres Lebens“, sagt Ahana Fernandez. Die Babysprache der Mutter könnte sie dabei unterstützen.

Die Berliner Biologin Ahana Fernandez untersuchte, wie die Jungen mit ihren Müttern interagierten.
Foto: Michael Stifter

Beim Menschen weiß man, dass der „Baby Talk“ der Eltern den Kindern bei der Sprachentwicklung hilft. „Vokales Lernen ist eine Grundvorrausetzung dafür, dass wir Menschen überhaupt sprechen lernen“, sagt Ahana Fernandez. Die höhere Stimmlage der Eltern steigert die Aufmerksamkeit von Kindern, so sind sie aufnahmebereiter, den Eltern überhaupt zuzuhören. Durch das langsamere und stark akzentuierte Sprechen können Kinder einfacher erkennen, wo ein Wort anfängt und wo es aufhört. Studien haben gezeigt, dass Kleinkinder größere Schwierigkeiten haben, aus dem Lautstrom ihrer Eltern die entscheidenden Einheiten herauszufiltern, wenn diese ganz normal mit ihnen reden.

Beim „Baby Talk“ geht es aber um mehr als nur deutliche Aussprache. Die veränderte Klangfarbe der Stimme der Eltern ist für Kinder ein wichtiges soziales Feedback, das ihnen Sicherheit und Bestätigung vermittelt. Es ist also ein Unterschied, ob Kinder Sprache von einem Video oder Audio hören oder direkt aus dem Mund der vertrauten Bezugspersonen.

Gerade die individuellen Stimmen der Eltern sind mit frühen Bindungserfahrungen verknüpft. Nicht umsonst können die Stimmen von Vater oder Mutter noch bei Erwachsenen sehr tiefe Gefühle und Erinnerungen auslösen. Wir erkennen sie, ohne die Personen sehen zu müssen. Die Stimmfarbe ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Zustande kommt dieser persönliche Klang durch viele verschiedene Faktoren: Bau des Stimmapparats und des Körpers insgesamt, aber auch emotionale Zustände spielen eine Rolle.

Das Motherese-Phänomen ist vermutlich ein universelles, angeborenes Verhalten, denn es lässt sich an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Sprachen belegen.

US-amerikanische Forscher vom Princeton Neuroscience Institute zeichneten einmal die Stimmen von Müttern auf, die ganz unterschiedliche Sprachen sprechen, darunter Englisch, Deutsch, Hebräisch, Russisch oder Mandarin. Bei allen zeigte sich dasselbe Muster: Sobald sie mit ihren Kindern redeten, nahm ihre Sprache intuitiv eine spezielle Stimmfarbe an, die sich von der, mit der sie mit Erwachsenen redeten, eindeutig unterschied. Schon eine Sekunde Tondokument reichte, damit ein Computerprogramm diese Veränderung erkannte.

„Baby Talk“ als soziales Feedback für die Jungtiere

Auch bei den Fledermäusen konnte Ahana Fernandez mit Hilfe einer Computersoftware zeigen, dass sich – genau wie beim Menschen – der Klang der Stimme der Weibchen konsequent verändert, je nachdem, ob sie sich an ihre Jungtiere oder an erwachsene Artgenossen richten. Ob dies ähnliche Funktionen hat wie beim Menschen, will sie nun noch weiter untersuchen. Beobachten konnte sie aber bereits zwei Situationen: Zum einen setzten die Fledermaus-Mütter „Motherese“ ein, wenn die Jungen sich zu weit von ihr entfernt hatten, um sie zurückzupfeifen. Zum anderen verwendete sie die Babysprache aber auch, während die Jungen neue Laute übten. „Ein Verhalten, das dem kanonischen Brabbeln menschlicher Babys verblüffend ähnlich ist“, sagt Ahana Fernandez. Während die Kleinen rege vor sich hinbrabbelten, schaltete sich die Mutter immer wieder mit Baby Talk ein. Möglicherweise, vermutet die Biologin, mache sie das, um ihren Jungen soziales Feedback zu geben, sie immer wieder in dem zu bestärken, was sie tun. Als Mensch würde man vielleicht sagen: „Fein, kleine Fledermaus! Weiter so!“

Außer bei Fledermäusen gibt es bisher nur zwei Berichte über Babysprache im Tierreich. Ende der 80er-Jahre beschrieben US-Wissenschaftler am National Institute of Child Health and Human Development in Maryland erstmals einen speziellen Ruf weiblicher Totenkopfäffchen, der nur beim Säugen oder Herumtragen ihrer Jungen zu hören war.

Bei den Zebrafinken sind es offenbar die Männchen, die sich mit einer speziellen kindgerechten Sprache an ihre Söhne richten. Sie haben nämlich die Aufgabe, den männlichen Nachkommen ihre Lieder beizubringen. Die Jungvögel hören erst zu und versuchen dann, das Gehörte zu imitieren. 2016 konnten kanadische Forscher der McGill University in Quebec zeigen, dass die Männchen ihre Songs anders zwitschern, wenn es darum geht, sie ihren Jungen beizubringen. Sie singen dann langsamer, lassen mehr Lücken zwischen den einzelnen Lauten, wechseln in eine tiefere Frequenz. „Es gibt auch akustische Parameter, die zeigen, dass sich die Männchen in der Lernsituation mehr Mühe geben, den Song reiner klingen zu lassen, als wenn sie ihn nur für sich singen“, sagt Ahana Fernandez. Die Forscher konnten auch beobachten, dass die Jungtiere aufmerksamer lauschten, wenn die „reinere“ Version von einem erwachsenen Tier vorgetragen wurde.

„Als Menschen mit einer sehr elaborierten Sprache unterschätzen wir häufig, wozu auch Tiere mit ihrer Kommunikation in der Lage sind“, sagt Ahana Fernandez, die hofft, dass sie nach Corona bald wieder nach Südamerika fliegen und weiterforschen kann. Denn in der sozialen Interaktion zwischen Eltern und Jungtieren gibt es auch im Tierreich wohl noch einiges zu entdecken.

Fledermäuse und Corona

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie berichten Menschen, die im Tierschutz oder in der Forschung arbeiten, von vermehrten besorgten Anfragen zur Gefahr von einheimischen Fledermäusen bei der Übertragung von Viren auf den Menschen. „Einheimische Fledermausarten sind nicht mit Sars-CoV2 infiziert“, betonen Experten des Museums für Naturkunde. So konnten zwar verschiedene Coronaviren in heimischen Fledermausarten nachgewiesen werden, diese seien jedoch nur entfernt mit humanen Sars-Coronaviren verwandt und daher für den Menschen nicht relevant. Genetisch ähnliche Viren finden sich bei in China vorkommenden Hufeisennasen und in Schuppentieren. Der unmittelbare Ursprung von Sars-CoV 2 sei aber nach wie vor nicht zweifellos geklärt. Es ist wahrscheinlich, dass das Virus in einem Wildtier seinen Ursprung hatte, sich dann aber schrittweise erst in einem Zwischenwirt und nach der Übertragung auf den Menschen so verändert hat, dass es Covid-19 auslösen konnte.