Berlin - Es ist schon wieder passiert. Ich habe mir selbst eine Diagnose gestellt – hypofunktionelle Dysphonie. Und das kam so: Ich wurde auf der Arbeit angeschnauzt. Das bin ich ja gewöhnt, aber in letzter Zeit häuft sich dann doch die Frage: „WIE BITTE???“ Verbunden mit der Aufforderung: „SPRICH LAUTER, ICH VERSTEHE KEIN WORT!!!“

Am Anfang nahm ich an, das sei normal. Rennen ständig mit Airpods in oder Kopfhörern auf den Ohren herum, die lieben Kollegen, dachte ich, volles Rohr aufgedreht, nahm ich an, und verstehen dann irgendwann ihre Mitmenschen nicht mehr. Möglicherweise liegt es auch am Stress, dachte ich, der zum Hörsturz führt, nahm ich an, zu Tinnitus, diesem Dauerpiepsen im Ohr.

Aus reinem Mitgefühl habe ich mir vorgestellt, ich würde in der Pflege arbeiten: „SO, OMA KLAUKE, UND JETZT RUNTER MIT DER PILLE!“ Ich habe also geduldig mein Anliegen im zweiten Anlauf laut vernehmlich artikuliert: „WAS LIEGT AN?“ Und alles war gut.

Je öfter das jetzt aber in dieser Art passiert, desto mehr lässt mich die gefühlte Schreierei an meiner Theorie zweifeln. Schließlich hätten die Kollegen bereits andernorts wegen ihrer Schwerhörigkeit Probleme bekommen müssen und längst etwas dagegen unternommen. Auch halte ich es für unwahrscheinlich, dass sie mir gelegentlich ins Wort fallen, weil sie in einem Rhetorik-Ratgeber das Kapitel „Hohe Redeanteile signalisieren Kompetenz“ gelesen haben. Sollte ich wirklich zu leise sprechen?

Schlaffer Kehlkopf, leise Stimme

Nach einer eingehenden medizinischen Untersuchung mittels Internet bin ich mir inzwischen fast sicher, dass ich an einer Unterfunktion der Muskeln im Kehlkopfbereich leide. Darauf hat mich internet-doc.org oder so ähnlich gebracht. Der virtuelle Arzt klärte mich auf, dass ich über Stimmlippen verfüge, diese sich aber vor lauter Schlappheit nicht richtig schließen, was ein Hauchen hervorruft und mich leise und kraftlos klingen lässt.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Hypochonder-Glosse

Christian Schwager ist Redakteur für Gesundheit und schreibt alle zwei Wochen an dieser Stelle über seine eingebildeten Krankheiten.

Dysphonie eben. Das ist es! Obwohl keine der zu diesem Befund angebotenen schlimmen Krankheiten auf mich zutreffen dürfte. Das Unterbewusstsein spricht diesmal ebenfalls kein Wörtchen mit. Sagt ein Kollege, sein Befund: passive Aggressivität, leise sprechen, um andere zu triezen.

Ohne mich lange damit abzugeben, gehe ich jetzt direkt zur Therapie über. Ich habe sie von einer Website, irgendetwas mit Mind und Body oder Soul oder so. Ein Listicle, eine Auflistung, fünf Punkte. Listicles funktionieren immer:

1. Singen Sie!
Tief anfangen und den Ton langsam hochziehen. Übt ungemein, beruhigt und macht happy. Okay, das hebe ich mir für die U-Bahn auf, wenn ich ein paar Sitzreihen für mich allein haben möchte.

2. Geben Sie verschiedene Töne von sich!
Wie eine Sirene laut und leise jaulen. Dann mal ein F zischen, mal ein W summen. Das trainiert die Stimmbänder. Scheint ebenfalls etwas für die U-Bahn zu sein. Wenn ich ein paar Sitzreihen für mich allein haben und nach zwei Stationen vom Sicherheitsdienst aus dem Waggon begleitet werden möchte.

3. Strecken Sie den Kiefer!
Verspannte Muskeln im Gesicht drücken auf Stimme und Stimmung, lassen sich aber durch Grimassen lockern. Beim Gähnen etwa. Angeblich. Ich probiere das ständig. Bringt nichts.

4. Sprechen Sie häufig!
Mache ich ja schon. Mit mir selbst. Aber davon vielleicht beim nächsten Mal mehr.

5. Trinken Sie viel:
Damit fange ich an! Für eine Stimme am Morgen danach, die den Chansonnier Gilbert Bécaud neidisch gemacht hätte. Nicht so kräftig wie seine, aber genauso versoffen. Ich schrei dann mal: PROST!