Mehr als 7000 Schadstoffe findet man in einem Zigarettenfilter. In Berlin, so fand eine Studie der Technischen Universität (TU) heraus, pflastern 2,7 Kippen auf einem Quadratmeter den Boden.
Foto: Getty Images/Westend61

BerlinEin letzter tiefer Zug – und die Zigarette wird mit einer lässigen Fingerbewegung auf den Boden geschnipst. Schätzungsweise zwei Drittel aller gerauchten Zigaretten landen so und ähnlich auf dem Boden und nicht im Mülleimer. In Berlin, so fand eine Studie der Technischen Universität (TU) heraus, pflastern 2,7 Kippen auf einem Quadratmeter den Boden. Das sieht nicht nur unschön aus, sondern hat Folgen für Mensch, Tier und Pflanzen.

„In einem Filter einer ausgerauchten Zigarette gibt es über 7000 Schadstoffe, 50 davon sind krebserregend. Ein einziger Filter kann bis zu 1000 Liter Wasser verschmutzen“, erklärt Tobias Quast, Referent für Abfall- und Ressourcenpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland Berlin (BUND).

Verseuchtes Wasser könne Tiere vergiften, das Mikroplastik in die Nahrungskette gelangen. Das Wegwerfen einer Zigarette gelte als Kavaliersdelikt, kritisiert Quast. Es sei gesellschaftlich akzeptiert, die Kippe werde kaum als Müll wahrgenommen. „Das muss sich ändern“, findet Quast. Man müsse viel breiter auf die Umweltrisiken aufmerksam machen. „Denn das Bewusstsein dafür fehlt fast vollständig“, so der Umweltexperte. Und auch aus der Senatsumweltverwaltung heißt es: „Zigarettenkippen sind in Berlin in den letzten Jahren zunehmend zu einem Problem geworden.“

Bis zu 120 Euro Bußgeld für weggeworfene Zigaretten

Das Thema ist inzwischen in der Politik und Zivilgesellschaft angekommen – eine echte Strategie bezüglich weggeworfener Zigaretten fehlt aber bisher. Im Oktober hat der Senat zwar einen neuen Bußgeldkatalog beschlossen, seitdem kann es zwischen 80 und 120 Euro kosten, wenn man beim Kippenwegschmeißen erwischt wird. Die Erhöhung des Bußgeldes gehört zur Gesamtstrategie Saubere Stadt des Senats.

Doch die Ordnungsämter haben zu wenig Personal, um solche Verstöße ausreichend verfolgen und ahnden zu können. Auch wenn der Senat im Haushalt noch mal extra 102 Stellen für die Ordnungsämter bereitgestellt hat. In Pankow gab es zum Beispiel weder in diesem oder im letzten Jahr ein einziges Bußgeld, das verhängt wurde. Insgesamt 39 Beamte kümmern sich unter anderem um die „Kleinverschmutzung“ öffentlichen Straßenlandes. Aber: „Viele Ordnungswidrigkeiten werden in Gegenwart der Dienstkräfte des Ordnungsamtes einfach nicht begangen“, sagt das Bezirksamt.

Das Gleiche berichtet Steglitz-Zehlendorf. In Charlottenburg-Wilmersdorf gab es 2019 insgesamt 13 Bußgeldverfahren. Auch der SPD-Umweltpolitiker Daniel Buchholz bestätigt: Die Zahlen bewegen sich hier meist im einstelligen Bereich. Trotzdem erhofft er sich vom erhöhten Bußgeld einen „abschreckenden Effekt“.

„Müll-Hotspots“

Dabei wäre es so einfach: Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat 24.000 Mülleimer in der Stadt angebracht, ein separates Fach für Zigaretten gibt es, damit der restliche Müll kein Feuer fängt. „Es ist ärgerlich, wenn Menschen nicht einen Schritt weiter zum Mülleimer gehen können und ihre Kippen achtlos auf den Boden werfen. Für die BSR ist es sehr umständlich, die Kippen zwischen Mosaiksteinen zu entfernen“, sagt Sprecherin Sabine Thümler. Die Stadtreinigung ist daher im Gespräch mit den Bezirken, um sogenannte Ballot Bins an „Müll-Hotspots“ wie zum Beispiel U-Bahn-Eingängen oder Bushaltestellen zu testen.

Ballot Bins sind farblich auffällige Kisten, die man zum Beispiel an Hauswände schrauben kann – und in die Raucher ihre Stummel schmeißen. Zum ersten Mal wurden diese Kippen-Kästen 2019 in Wilhelmstadt in Spandau getestet. „Ein voller Erfolg“, nennt Projektleiter Sebastian Weise von „Wir Berlin“ den Testlauf. Mit Hilfe der 14 Ballot Bins wurden zwischen August und November 4500 Zigarettenfilter eingesammelt. Die Sauberkeit habe sich an 90 Prozent der Standorte verbessert. Zudem hätten auch andere Bezirke Interesse bekundet.

So sieht das Modell eines Nikotinmoleküls aus.
Foto: Viktor Cap

„Scheinlösung“ oder sinnvoll?

Allerdings ist längst nicht sicher, ob solche Mülleimer wirklich den erhofften Nutzen erzielen. „Diejenigen, die die Kippe auf den Boden werfen wollen, tun das auch“, glaubt Wolfgang Albers, Gesundheitspolitiker der Linken. Solche Mülleimer seien nur eine „Scheinlösung“, wichtiger sei es, dass die Menschen ein Bewusstsein für die Umweltverschmutzung bekämen.

Das sei auch der Grund, warum er und die anderen Gesundheitspolitiker von SPD und Grüne am Montag im Gesundheitsausschuss den FDP-Antrag für eine flächendeckende Installation von Ballot Bins abgelehnt hätten. Die Ablehnung zeige, dass der vom Senat verabschiedete neue Bußgeldkatalog nur auf „Schaufensterpolitik“ basiere, kritisierte der Sprecher für Gesundheitspolitik der FDP, Florian Kluckert, später.

SPD-Mann Buchholz ist ebenfalls der Meinung, dass die Ergebnisse aus Spandau „überschaubar“ seien. Mehr Mülleimer seien gut, aber eben nur ein Teil der Lösung. Auch die Senatsumweltverwaltung verweist darauf, dass eine ordnungsgemäße Entsorgung durch die BSR-Abfallbehälter „sehr wohl möglich sei“. Und die richtige Entsorgung werde auch durch die BSR regelmäßig im Rahmen von Sauberkeitskampagnen kommuniziert.

Pro Zigarette sollte eine Abgabe verlangt werden

Für Buchholz ist klar: Die Hersteller müssen zur Verantwortung gezogen werden. „Aber solche Überlegungen sind der FDP natürlich fremd“, sagt Buchholz. Er schlägt vor, dass pro Zigarette eine Abgabe verlangt werden müsse, ähnlich wie beim Einweggeschirr. „Die Hersteller müssen haftbar gemacht werden, denn sie bringen die Umweltgifte in den Umlauf“, betont Buchholz.

So abwegig ist das nicht. Denn auch auf EU-Ebene hat sich ein Paradigmenwechsel angedeutet: Die EU-Kunststoffrichtlinie von 2018 schreibt vor, dass die „Inverkehrbringer“ bestimmter Einwegprodukte – also auch Zigarettenfilter – für Reinigung und Entsorgung finanziell zur Verantwortung gezogen werden sollen. Bis 2021 muss die Richtlinie auch in Deutschland umgesetzt werden.

So sieht das Modell eines Nikotinmoleküls aus. Viktor Cap
So schädlich sind Zigaretten-Kippen

Stadt und Strand: Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (Tobacco and its environmental impact, WHO 2017) machen Zigarettenstummel weltweit den größten Anteil der Abfälle aus, die in Städten und an Stränden aufgesammelt werden. Sogar im Meereis der Arktis wurden Chemikalien aus Zigarettenfiltern gefunden. Die Zelluloseazetatfilter enthalten krebserzeugende Substanzen wie Nikotin, Arsen und polyzyklische Kohlenwasserstoffe, die in Boden und Gewässer gelangen. Auch Blei, Kupfer, Cadmium oder Benzol kommen vor.

Nervengift: Filter und Tabak sind umweltschädlich. Nikotin ist ein Nervengift und wird zum Beispiel in der Insektenvernichtung verwendet. Weil das Grundwasser verunreinigt wird, wird auch das Pflanzenwachstum negativ beeinflusst. Allein im Süßwasser dauert es laut Naturschutzbund 15 Jahre, bis die Filter vollständig zerfallen. Meeresschutzorganisationen gehen sogar von bis zu 400 Jahren aus. Die Verrottungszeit ist aber abhängig von den Umweltbedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit und pH-Wert.

Gigantischer Müllberg: Man geht jährlich von 4,5 Billionen weggeschnippten Zigaretten weltweit aus. Pro Jahr verschmutzen so laut WWF zwischen 340 000 und 680 000 Tonnen Kippen unseren Planeten – ein gigantischer Berg von toxischem Sondermüll.

Meeresbewohner: In Versuchen mit Seeringelwürmern wurden die Auswirkungen von Schadstoffen aus benutzen Zigarettenfiltern untersucht. Bei deutlich geringeren Konzentrationen, als sie aus städtischen Oberflächenabflüssen bekannt sind, zeigten Seeringelwürmer bereits längere Eingrabungszeiten, Gewichtsverluste von mehr als 30 Prozent und DNA-Schäden. Zudem stellen Zigarettenkippen eine Bedrohung für Meereslebewesen dar. Diese können im Wasser befindliche Partikel jeder Art mit Nahrung verwechseln, was zur Verstopfung im Verdauungsapparat mit möglicher Todesfolge oder zum Verhungern mit gefülltem Magen führen kann.