In einer Stadt wie Berlin sind Babys oft das Resultat einer Vereinigung verschiedenster Nationalitäten, Religionen und Kulturen. 
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Ich sitze in einem Café in Mitte, am Tisch nebenan unterhält sich ein Paar laut auf Englisch. Die Gesprächspartner sind verliebt in Berlin, sie freuen sich über die Clubszene und über die Internationalität meiner Heimatstadt. Fast bin ich geneigt, mich in ihr Gespräch einzumischen, ich könnte ergänzen, dass Berlin eine der grünsten Hauptstädte der Welt ist, außerdem so schön ruhig und langsam, vergleicht man die Stadt mit London oder New York.

Und ich könnte ihnen erzählen, wie sich die Internationalität Berlins im Kreißsaal zeigt, wo Babys geboren werden, die das Ergebnis einer Vereinigung der Nationalitäten, Religionen und Kulturen sind. Finnland trifft auf Pakistan, Japan auf Ungarn, Indien verliebt sich in Tschechien und Argentinien in China. Es wird immer bunter.

Wenn diese Paare – die Tasche  gepackt, die Babysachen darin ordentlich zusammengelegt – an den Türen des Kreißsaals klingeln, wissen sie nicht, was sie erwartet. Sie haben versucht, sich in unserem Gesundheitssystem zurechtzufinden, aber meistens bleiben viele Fragen. Zum Beispiel: Wer kümmert sich um Frau und Kind im Wochenbett?

Informationen auf Englisch gibt es mittlerweile, aber was ist, wenn die Familie aus Syrien oder den Balkan-Staaten kein Englisch spricht? Nicht jeder lernt eine neue Sprache im Nullkommanix. Alle, die sich beschweren, wenn jemand nach einem Jahr hier kein gutes Deutsch spricht, sollten sich mal fragen, welche Fremdsprache sie denn beherrschen.

Ich weiß nicht, wie leicht es mir fallen würde, die Geburt meines Kindes in die Hände von Menschen zu legen, deren Sprache ich nicht verstehe und deren Sitten und Gebräuche mir nicht vertraut, ja vielleicht sogar befremdlich für mich sind.

Geboren wird ja überall gleich, höre ich oft im Dienstzimmer. Nein, das wird es nicht.

Die Geburt eines Kindes ist ein Zusammenspiel von Tradition, Sitten, Ammenmärchen, Religion. In Israel kommt die ganze Familie mit in den Kreißsaal, das würde hier keiner wollen; eine syrische Frau gebärt ihr Kind in einem anderen Kontext als eine Frau aus Norwegen.

In Berlin liegen beide zur selben Zeit Wand an Wand in unseren Kreißsälen.

Nicht selten in meinem eher anstrengenden Klinikalltag mit unterbesetzen Schichten fühle ich mich überfordert, diesen Frauen aus aller Welt gerecht zu werden.

Wir sind nicht geschult im Umgang mit Frauen, mit denen wir nicht kommunizieren können. Selten weiß ich etwas über die Gebärkultur in ihrer Heimat, über Umgangsformen oder ihre Religion. Im Südsudan, im Krankenhaus am anderen Ende der Welt, wo ich gerade vier Monate für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet habe, war ich die andere, die Weiße, die, die aus einer fremden Kultur und Gesellschaft kommt. Nicht immer stieß ich auf Verständnis und Toleranz. Meine eigene Toleranz wurde täglich auf die Probe gestellt und nicht selten ging ich mit eingezogenem Kopf in mein kleines Zuhause. Meine Offenheit für andere Sitten und Kulturen entsprach bei weitem nicht dem, was ich mir von mir selbst wünschte.

In Berlin komme ich zum Dienst, von meiner Kollegin  übernehme ich eine Frau von den Philippinen, die gerade ihr Kind geboren hat. Eingewickelt in ein großes blaues Moskitonetz aus starrem Kunststoff liegt sie in ihrem Bett. Sie hält das Netz fest um sich, darunter das Kind, und vergräbt ihr Gesicht darin. Sie spricht kein Deutsch oder Englisch.

Ich versuche ihr zu erklären, dass ich das Netz kurz wegnehmen muss, um ihre Wunde besser versorgen zu können. Sie schaut mich an, schmiegt ihr Gesicht an das Netz und sagt: „Home, home.“

Das Netz hält sie so fest, dass ich sehr fest daran ziehen müsste, um es ihr wegzunehmen.

Ich werde also mit dem blauen Moskitonetz zurechtkommen müssen.

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