Ein serbischer Kraftwerksbau. Vor allem kleine Wasserkraftwerke sind eine der wesentlichen Ursachen für die immer länger werdende Rote Liste bedrohter Fischarten.
Foto: Amel Emric

BerlinDie Frauen von Kruscica haben viel erreicht. Von August 2017 bis Dezember 2018 haben sie eine Brücke über den gleichnamigen Fluss blockiert, der an ihrem Dorf in Bosnien-Herzegowina vorbeifließt. Mehr als 500 Tage und Nächte lang haben sie ausgeharrt und so schließlich den Bau zweier kleiner Wasserkraftwerke verhindert, die ihnen den Zugang zum Fluss verwehrt hätten. Und gerade hat das Parlament der Föderation Bosnien-Herzegowina sogar beschlossen, dass landesweit keine solchen Anlagen mehr genehmigt werden dürfen und die schon geplanten Projekte überprüft werden müssen.

Gabriel Schwaderer von der Naturschutzstiftung Euronatur in Radolfzell am Bodensee sieht das als großen Erfolg. Denn er und seine Kollegen befürchten schon lange, dass der Wasserkraft-Boom auf dem Balkan, der Iberischen Halbinsel und in anderen Regionen rund ums Mittelmeer den Flüssen massiv schadet. Bestätigt fühlen sie sich durch die Ergebnisse einer neuen wissenschaftlichen Studie, die Euronatur gemeinsam mit River Watch und anderen Naturschutzorganisationen in Auftrag gegeben hat. „Wir wollten wissen, welchen Einfluss Wasserkraftwerke auf bedrohte Fische in der Region haben“, sagt Gabriel Schwaderer. Dazu gibt es nun zum ersten Mal eine umfassende Analyse

Durchgeführt hat sie ein Team um Jörg Freyhof vom Museum für Naturkunde in Berlin, das schon viel über die Süßwasser-Fische des Mittelmeer-Gebietes geforscht hat. Zwar leben in anderen Teilen Europas durchaus mehr Fischarten. Die größte Vielfalt herrscht in der Donauregion. „Dafür gibt es am Mittelmeer aber besonders viele bedrohte Arten“, sagt Jörg Freyhof. Das liegt daran, dass die mediterranen Fische oft nur in einem einzigen Bach vorkommen.

Die Frauen von Kruscica in Bosnien-Herzegowina haben 500 Tage und Nächte auf einer Brücke ausgeharrt, um den Bau zweier Wasserkraftwerke zu verhindern.
Foto: Andrew Burr

In der Zentral-Türkei kennt der Berliner Forscher eine Quellregion, die schon seit Millionen Jahren von allen anderen Gewässern isoliert ist. Darin leben fünf Fischarten, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. „Solche sogenannten Endemiten sind viel verwundbarer als weiter verbreitete Arten“, erklärt Jörg Freyhof. Die Zerstörung eines einzigen Bachlaufs kann genügen, um sie auszurotten. Und es ist keineswegs so, dass in solchen besonders sensiblen Refugien keine Wasserkraftwerke geplant würden. 

Kraftwerksbau in Albanien. Foto: Mirjan Aliaj
Eine artenreiche Region

Rings um das Mittelmeer erstreckt sich eine der reichsten Schatzkammern der weltweiten Artenvielfalt. Das mehr als zwei Millionen Quadratkilometer große Gebiet reicht vom Westen Portugals bis in den Osten der Türkei und von Italien nach Süden bis zu den Kapverdischen Inseln.

Es ist nicht nur die einzige Region auf der Welt, in der die Flora und Fauna von drei Kontinenten aufeinandertrifft. Sie umfasst auch die verschiedensten Lebensräume von hohen Gebirgen bis zu flachen Meeresküsten. Entsprechend ist hier eine ungewöhnlich vielfältige Flora und Fauna zu Hause, in der Arten aus den gemäßigten Klimazonen ebenso ihren Platz haben wie solche aus den Subtropen. Zudem hat das Gebiet eine bewegte Geologie, die im Laufe der Erdgeschichte immer wieder einzelne Regionen voneinander isoliert und später wieder zusammengeführt hat. Das hat die Entstehung von immer neuen Arten gefördert.

Berühmt ist die mediterrane Schatzkammer vor allem für ihren enormen Pflanzenreichtum. Botaniker kennen hier rund 25.000 Arten von höheren Pflanzen, von denen etwa die Hälfte nirgendwo sonst auf der Welt vorkommt. Daneben gibt es aber auch ungewöhnlich viele einzigartige Reptilien, Amphibien, Süßwasserfische und Wirbellose.

Mehr als 5200 solcher Anlagen sind rund ums Mittelmeer bereits in Betrieb, mehr als 200 werden gerade gebaut, mehr als 6300 weitere sind geplant. Haben sich die schon bestehenden Kraftwerke bereits auf die Bestände von bedrohten Arten ausgewirkt? Und was könnte passieren, wenn die geplanten Vorhaben tatsächlich alle umgesetzt werden? Um diese Fragen zu beantworten, mussten sich die Forscher erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, wo die gefährdeten Fische überhaupt vorkommen und wie sich ihre Bestände in letzter Zeit entwickelt haben.

Dazu haben die Wissenschaftler das Netzwerk von Fischexperten der Weltnaturschutzunion IUCN genutzt, in dem auch Jörg Freyhof mitarbeitet. „So haben wir die aktuellsten Informationen über die 251 Süßwasserfische des Mittelmeergebietes bekommen, die auf der Roten Liste der IUCN in verschiedenen Gefährdungskategorien aufgeführt sind“, erklärt der Biologe. Deren Verbreitungsgebiete glichen die Forscher dann mit den Standorten der schon vorhandenen und noch geplanten Wasserkraftwerke ab. Und aus den Ansprüchen der einzelnen Kandidaten leiteten sie ab, wie anfällig diese für solche Eingriffe in ihre Lebensräume sind. 

Düster sind die Aussichten demnach vor allem für Fische, die in allen Lebensphasen rasch fließendes Wasser brauchen. Denn wenn sich die Stauwehre der Kraftwerke dicht hintereinander reihen, verwandeln sie den Fluss in eine Kette von Seen. Das Nachsehen haben dann strömungsliebende Arten wie der eindrucksvolle, mehr als einen Meter lange Huchen (Hucho hucho), der auch als Donau-Lachs bekannt und bei Anglern sehr beliebt ist. Oder Raritäten wie der Balkan-Streber (Zingel balcanicus), der nur noch in einem einzigen, schnell fließenden Bachabschnitt in Nord-Mazedonien lebt. „Auch dieses letzte Refugium könnte er durch den Ausbau der Wasserkraft verlieren“, befürchtet Jörg Freyhof. Damit hätte die Welt dann einen Flussfisch weniger.

Doch selbst für Arten, die mit ruhigem Wasser überhaupt kein Problem haben, kann der Ausbau der Wasserkraft gefährlich werden. Das liegt daran, dass bei vielen Wasserkraft-Projekten die Staubereiche zu Anglerparadiesen entwickelt und mit exotischen Fischen bestückt werden. Die aber neigen oft dazu, die heimischen Arten zu verdrängen. In Algerien, wo hinter den Stauwehren routinemäßig aus Ungarn importierte Karpfen und Barsche, Zander und Hechte eingesetzt werden, hat das die einzigartige Fischfauna schon massiv in Bedrängnis gebracht. Doch auch in anderen Regionen wird es kritisch, wenn neue Raubtiere wie der Hecht auf eine Fischgemeinschaft treffen, die auf solche Feinde nicht eingestellt ist. 

Verschwinden können die angestammten Arten aber auch dann, wenn nahe Verwandte auftauchen und sich mit ihnen kreuzen. Die Oberitalienische Plötze (Rutilus aula) zum Beispiel sei noch vor etwa 15 Jahren überall in der Po-Region vorgekommen, sagt Jörg Freyhof. „Selbst hinter Staumauern und in stark verschmutzten Kanälen.“ Doch seit man das verwandte Rotauge (Rutilus rutilus) als Angelfisch ausgesetzt hat, sind die Bestände um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen. 

All diese Effekte flossen in die neue Einschätzung zu den Konsequenzen der Wasserkraftnutzung ein. So haben von den 251 Fischarten rund ums Mittelmeer, die auf der Roten Liste stehen, 63 Prozent schon mit bestehenden Anlagen ihre Schwierigkeiten. Sollten alle bisher bekannten Ausbaupläne verwirklicht werden, dürften sogar 74 Prozent der untersuchten Arten darunter leiden. Sieben davon könnten sogar komplett aussterben.

„Es ist niederschmetternd zu sehen, wie massiv die Bedrohung heute schon ist und wie sich die Lage noch zuspitzen könnte“, findet Gabriel Schwaderer von Euronatur. Die Konsequenzen sind für ihn klar: Auch wenn die Wasserkraft als erneuerbare Energie nach wie vor ein grünes Image habe, sei ihr Ausbau eben nicht umweltverträglich und daher auch nicht mehr zeitgemäß. Das gelte besonders für kleine Anlagen mit einer Leistung von weniger als zehn Megawatt, zu denen am Mittelmeer je nach Region zwischen 80 und 95 Prozent aller Projekte gehören. „Die liefern nur einen sehr geringen Beitrag zur Stromproduktion, richten aber umso mehr Schaden an.“

Jörg Freyhof hält einen kompletten Baustopp trotzdem nicht für realistisch. Er hofft aber, dass die Studie zumindest helfen kann, solche Projekte an besonders sensiblen Gewässern mit gefährdeten Fischarten zu verhindern. „Unsere Ergebnisse stehen frei im Internet, sodass auch lokale Naturschutzorganisationen darauf zugreifen und sie als Argumente nutzen können“, sagt der Forscher. Wie wichtig das für die Fluss-Schützer vor Ort ist, weiß Gabriel Schwaderer aus eigener Erfahrung. „Das Engagement der Frauen von Kruscica hatte eine Signalwirkung für den ganzen Balkan“, berichtet er. Auch in Serbien, Nord-Mazedonien und etlichen anderen Ländern gebe es inzwischen Initiativen gegen Wasserkraftwerke. „Wir haben deshalb die wachsende  Hoffnung, dass es gelingt, die wundervollen Flüsse auf dem Balkan und in anderen Regionen rund ums Mittelmeer zu erhalten.“