Mit 15 kann man viele erste Male haben. Den ersten Kuss. Die erste Zigarette. Die erste Party. Franziska Wessel ist 15 – doch sie erlebt ganz andere Premieren: Sie hat in diesem Jahr ihre ersten Demonstrationen für Zehntausende Teilnehmer organisiert, hat zum ersten Mal mit der Bundesumweltministerin auf einem Podium diskutiert, war zum ersten Mal mit Spitzenpolitikern Mittagessen. Wessels Terminkalender ist voll gepackt,  Dutzende WhatsApp-Chats lassen ihr Handy im Minutentakt aufleuchten. Denn Wessel hat eine Mission: Sie will das Klima retten, nicht weniger als das.

Wessel ist eine von zahlreichen Organisatoren der „Fridays for Future“-Demonstrationen in Berlin. Eine Eintagsfliege, kommentierten viele Journalisten und Politiker die Proteste, als sie in Deutschland starteten. Die Kids wollen doch bloß Schule schwänzen, war einer der zentralen Vorwürfe, wartet nur ab.

Neun Monate später demonstrieren die Jugendlichen noch immer für mehr Klimaschutz und haben massiven Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein: Medien berichten laufend über die neu politisierte Jugend. Wissenschaftler und Unternehmen unterstützen sie. Die Kanzlerin lobt sie. Plötzlich steht Klimaschutz ganz oben auf der Agenda. Und das nicht bloß in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft. In Umfragen sehen die Deutschen den Klimawandel inzwischen als drängendstes Problem – erst danach folgen die üblichen Dauer-Spitzenreiter Zuwanderung und Integration.

Zentrales Ziel von „Fridays for Future": die Erderwärmung stoppen

„Fridays for Future“ erhebt viele Forderungen: weniger Plastik, weniger Kohlekraftwerke, weniger Treibhausgas-Emissionen. Sie alle sind auf ein übergeordnetes Ziel ausgerichtet: das Begrenzen der globalen Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius.  So, wie es 197 Länder bereits 2016 im Pariser Klimaabkommen versprochen haben. Gegenargumente wie das Sichern von Arbeitsplätzen oder Wettbewerbsfähigkeit lässt die Jugend-Protestbewegung nicht gelten. „Unsere Erde stirbt“, sagt Wessel. „Wenn wir jetzt nichts tun, ist es zu spät.“

Wessel war Mitte Januar zum ersten Mal bei einer Demonstration von „Fridays for Future“ und bot danach ihre Hilfe bei der Organisation an. Nur zwei Wochen später wurde sie zur bundesweiten Social-Media-Managerin ernannt, kurz darauf übernahm sie auch maßgeblich die Kommunikation mit der Berliner Presse. 50 Mails pro Tag erhält sie im Schnitt und Dutzende Anrufe. Dazu kommt die interne Planung: Täglich postet sie Infos in Dutzenden WhatsApp-Chats, dem Hauptkommunikationskanal der „Fridays“. Dienstags geht sie zum Plenum, freitags zu Streik und Vernetzungstreffen, sonntags nimmt sie den ganzen Tag an Telefonkonferenzen mit anderen Ortsgruppen in Deutschland teil, von denen es inzwischen mehr als 500 gibt.

Ein Vollzeitjob mit Überstunden – und das neben der Schule. Es sei viel Arbeit, sagt Wessel. Doch sie sieht vor allem die positiven Seiten: „Ich habe mich in der Zeit ziemlich verändert, ich bin viel offener geworden“, sagt sie. „Das ist ziemlich cool.“

Dass es in der Schule trotzdem gut läuft, darauf achtet sie selbst.  Ihr Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf kam den Klimaaktivisten lange entgegen, legte Klausuren und wichtige Veranstaltungen auf andere Tage. Jetzt aber ist die Kulanz langsam aufgebraucht, auch freitags werden wieder Prüfungen geschrieben. Und Wessel hat am Streik-Tag Deutsch und Philosophie, ihre Leistungskurse. „Inzwischen kann ich es mir nicht mehr leisten, jedes Mal zu fehlen“, sagt sie. Deswegen organisiert sie vieles vorab und läuft  seit den Sommerferien nicht mehr an jedem  Freitag selbst mit.

In den vergangenen Monaten hat „Fridays for Future“ ungeahnte Höhepunkte erreicht. Wessels eindrücklichste Erinnerung: der Streik am 15. März, dem ersten globalen Protesttag der Bewegung, als man in Berlin mit 10.000 Demonstranten rechnete. Am Ende zählte die Polizei doppelt so viele.  Es sei schwer zu erklären, sagt Wessel und lächelt bei der Erinnerung an die  vollen Straßen. „Das Adrenalin, das dir durch den Körper schießt, wenn du nur junge Leute siehst und du denkst: Wow, das haben wir organisiert.“

Doch die Bewegung hat auch schon interne Krisen überwinden müssen. Und sie kämpft noch immer mit Schwierigkeiten. Schnell wurde sie groß, rasch stürzten sich die Medien auf sie und suchten sich Gesichter, Menschen, an denen sie das Phänomen erklären, manchmal auch hochjubeln oder zerreißen konnten. Allen voran im Fokus: Greta Thunberg, die 16-jährige Schwedin, die mit ihrem Schulstreik vor dem Parlament in Stockholm den Anstoß zu den Protesten gab. Gefolgt von Luisa Neubauer, einer Geografie-Studentin, die rasch zur „deutschen Greta“ hochgeschrieben wurde.

Für die Bewegung ist der Personenkult schwer zu bewältigen. Denn wie jede Protestbewegung gewinnt sie ihre Macht aus der Menge, nicht aus dem Individuum. Viele Hundert Jugendliche setzen sich bei „Fridays for Future“ ein, die Organisation soll bewusst basisdemokratisch gehalten werden. Stehen wichtige Entscheidungen an, wird die zentrale Frage über WhatsApp oder GoogleDocs kommuniziert und ein Zeitfenster eingeräumt, in dem alle mit „Ja“ oder „Nein“, Daumen hoch oder Daumen runter, abstimmen dürfen.

Besonders der Hype um Luisa Neubauer sorgte für scharfe Kritik nicht nur in der Berliner Gruppe: Warum schon wieder Neubauer in die Talkshow fahre? Warum nicht mal jemand anderes?

„Wir versuchen inzwischen, Luisas Anfragen anders zu verteilen“, sagt Franziska Wessel. Immer wieder würden  die Termine von großen Medien dann aber ganz abgesagt. Trotzdem finde sie eine Absage besser als einen weiteren Neubauer-Auftritt. Es ginge nicht, dass viele Hunderte arbeiten, aber immer nur eine in den Medien sei. „Das ist interner Stress, den wir momentan noch zu klären versuchen.“

Ganz ähnlich denkt Wessel in Bezug auf Greta Thunberg, die sie schon mehrfach persönlich in Berlin getroffen hat. Thunberg sei ein Vorbild, sie habe gezeigt, was möglich sei, habe alles angestoßen, sagt Wessel. Doch nun sei sie nur noch eine von vielen, der Hype um ihre Person „komisch“, findet sie. „Krasser, als dass Greta nach New York fährt, ist, wenn Menschen in irgendwelchen Dörfern in Deutschland alleine fürs Klima demonstrieren.“
Immer wieder werden die Demonstranten auch mit dem Vorwurf konfrontiert, dass gerade auch die junge Generation die Welt mit ihrem Konsum zugrunde richtet: Smartphones,  McDonald’s nach der Demo, Weltreisen nach dem Abitur. Und hat Greta da etwa gerade aus einer Plastikflasche getrunken?   

Wessel kann diese Vorwürfe  von sich weisen. Ihre Eltern sind Journalisten, mit der gesamten Familie haben sie für ein Jahr lang versucht, so klimaneutral zu leben wie möglich. Ihre Eltern haben ein Buch über das Experiment geschrieben. Seither lebt die 15-Jährige weiterhin so: Ihr Handy ist Jahre alt, zu Terminen fährt sie mit dem Rad oder den Öffis, fliegen würde ihr nicht einfallen, sagt sie. Für Urlaub hat sie ohnehin keine Zeit – in diesem Jahr hat sie in den Ferien einen Sommerkongress für 2 000 Teilnehmer mitgeplant. Warum so wenige Menschen ihr Leben umstellen, ist für sie nicht zu verstehen.

Der scharfe Gegenwind, der den Aktivisten  entgegenschlägt, ist für Wessel Ausdruck von der Stärke der Bewegung – und der Angst der Unbeweglichen.   „Wir treffen sie mit unserer Kritik so hart, dass sie auf die persönliche Ebene gehen.“

Oft aber fürchtet Wessel, dass die Unbeweglichen in der Mehrheit bleiben werden, dass alles Protestieren nichts nützen wird. „Ich bin zurzeit fast etwas frustriert“, sagt sie.   Seit Monaten schon protestiere „Fridays for Future“. Doch die Parteien würden immer wieder nur auf das verweisen, was sie in Sachen Klimaschutz ohnehin schon tun. „Aber das ist nicht genug“, sagt Wessel.

Das klingt nach leichten Ermüdungserscheinungen. Doch Wessel will nicht aufgeben.  Vor allem nicht jetzt, in dieser Woche, in der sich alles ums Klima dreht.  Am Freitag tagt das Klimakabinett in Berlin, das konkrete Antworten auf die Frage liefern soll, wie Deutschland seine CO2-Emissionen senken kann. Vom 21. bis 23. September findet der UN-Klimagipfel statt, Greta Thunberg wird dann vor der Vollversammlung in New York sprechen. Die „Fridays“ haben am Freitag einen Weltklimastreik und in der gesamten Woche Aktionen geplant. Mehr als 15.000 Demonstranten in Berlin sind angemeldet, vermutlich werden wesentlich mehr kommen. „Wir wollen den Politikern das Zeichen geben: Nehmt euch in Acht!“, sagt Wessel. „Ihr könnt uns nicht einfach aussitzen.“