Trotz Lärm und Dreck leben Füchse ganz gern in Berlin.
Foto: imago/Olaf Wagner

BerlinSie gelten geradezu als Erfinder der Dreistigkeit. Man sieht sie mitunter am hellen Tag durch Parks und Gärten streifen und vor Cafés oder Schnellrestaurants nach Fressbarem stöbern. Selbst auf dem Gelände des Kanzleramtes und des Bundesnachrichtendienstes sind sie schon aufgetaucht. Und wenn sie eine Straße überqueren, sieht es manchmal so aus, als würden sie gezielt auf Grün warten. Berlins Füchse scheinen auf den ersten Blick kaum Scheu vor ihren menschlichen Nachbarn zu kennen.

„Das täuscht allerdings“, sagt Sophia Kimmig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Mit genetischen Analysen, Kamerafallen und Sendehalsbändern haben sie und ihre Kollegen den Alltag der Hauptstadtfüchse und ihrer Artgenossen auf dem Land verglichen – mit überraschenden Ergebnissen. Offenbar ist keineswegs jeder Rotpelz ein Ausbund an Coolness.

„Wir wollten vor allem herausfinden, ob sich Stadt- und Landfüchse genetisch unterscheiden“, erläutert die Expertin. Also hat ein Team von Forschern aus Deutschland und Luxemburg Proben von mehr als 370 toten Tieren aus Berlin und dem Umland untersucht. Meist handelte es sich dabei um Verkehrsopfer, andere Füchse waren gejagt oder im Rahmen eines Programms zur Tollwutkontrolle geschossen worden.

Ein Blick in deren Erbgut verriet, dass es im Raum Berlin tatsächlich zwei genetisch unterschiedliche Populationen gibt. Die Hauptstadtfüchse leben offenbar auf einer Art urbanen Insel und haben relativ wenig Kontakt zu denen im Umland, berichtet das Team im Fachmagazin Molecular Ecology.

Die Stadtgrenze ist für Füchse eine stärkere Barriere als jeder Fluss.

Sophia Kimmig, Wildtierforscherin

Ein ähnliches Phänomen hatten Wissenschaftler 2002 auch bei den vierbeinigen Bewohnern von Zürich festgestellt. Allerdings hatten diese die Stadt erst rund 15 Jahre vorher als guten Lebensraum für sich entdeckt. Wenn damals nur wenige Pioniere die Population gegründet haben, könnte deren genetischer Stempel nach so kurzer Zeit noch deutlich sichtbar gewesen sein.

Tatsächlich haben Alexandra deCandida von der Princeton University in den USA und ihre Kollegen im vergangenen Jahr festgestellt, dass sich das Erbgut der Zürcher Stadt- und Landfüchse inzwischen angeglichen hat. Damit sind die Berliner Rotpelze nun die einzigen bekannten Vertreter ihrer Art, die auf einer städtischen Insel leben.

„Es kann durchaus sein, dass das in anderen Regionen auch so ist“, sagt Sophia Kimmig. Nur habe das bisher niemand untersucht. Vielleicht sind die Berliner Füchse aber auch tatsächlich in einer besonderen Situation. Schließlich hat die Mauer Jahrzehnte lang nicht nur Menschen, sondern auch Tiere in Ost und West voneinander getrennt. Das könnte nach Einschätzung der Forscher dazu geführt haben, dass genetische Unterschiede zwischen den Stadtfüchsen im Westen und ihren Kollegen im ländlichen Brandenburg entstanden.

Allerdings ist der Fall der Mauer inzwischen mehr als dreißig Jahre her – Zeit genug eigentlich, um aus zwei getrennten Populationen wieder eine gemeinsame zu machen. „Wenn wir diese Unterschiede jetzt immer noch finden, muss es also bis heute Barrieren zwischen Stadt und Land geben“, folgert Sophia Kimmig.

Mit Computermodellen haben sie und ihre Kollegen untersucht, wie diese Grenzen aussehen könnten. Dazu wurde Berlin und sein Umland virtuell aus der Fuchsperspektive betrachtet: Flüsse und Straßen, Gebäude und Grünflächen kann man in dieser Simulation mehr oder weniger durchlässig für umherstreifende Tiere machen.

Dann überprüften die Wissenschaftler, welche Varianten welche genetischen Auswirkungen haben. Hat der Rechner als Resultat zwei Fuchspopulationen, die sich ähnlich über die Landschaft verteilen wie in der Realität, ist man den Ursachen der genetischen Unterschiede wahrscheinlich auf die Spur gekommen.

Bei diesen Berechnungen hat sich gezeigt, dass Flüsse, Gebäude und andere physische Hindernisse den Austausch zwischen Stadt und Land tatsächlich behindern. „Allerdings ist die Stadtgrenze eine stärkere Barriere als jeder Fluss“, sagt Sophia Kimmig. „Damit hatten wir nicht gerechnet.“

Offenbar würden Landfüchse am liebsten keine Pfote nach Berlin setzen, die Stadtbewohner haben für Landpartien genauso wenig übrig. Und das gilt auch in Bereichen, wo die letzten Häuser direkt an die Felder grenzen und es auf den ersten Blick nichts gibt, was einem Ausflug über die Stadtgrenze im Wege stünde. „Was Stadt- und Landfüchse voneinander trennt, sind weniger die geografischen Hindernisse“, resümiert Sophia Kimmig. „Wichtiger sind ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen.“

Ein Rotfuchs sitzt in einem Park in Berlin.
Foto: imago/Andreas Gora

Generell sind Füchse sehr anpassungsfähige Opportunisten, die mit den Herausforderungen der unterschiedlichsten Lebensräume zurechtkommen. Da fällt es ihnen nicht schwer, auch die Chancen des Stadtlebens zu nutzen. In Berlin sind die ersten Tiere schon in den 1950er-Jahren aufgetaucht, spätestens Anfang der 1990er-Jahre eroberten sie die ganze Stadt. Schließlich findet sich in direkter Nachbarschaft des Menschen nicht nur reichlich Futter von Mäusen über Essensreste bis hin zu Obst aus den Gärten. Es sind dort auch keine Jäger unterwegs. Aus Sicht eines Berliner Fuchses ist ein Ausflug aufs Land also wenig attraktiv.

Das gleiche gilt aber auch umgekehrt. Denn um die Vorteile des Stadtlebens nutzen zu können, muss man Menschen und ihre Aktivitäten in seiner Nähe aushalten. Und da Landfüchse darin nicht besonders gut sind, trauen sie sich wohl nicht so recht über die Stadtgrenze.

Von den 5000 bis 10.000 Füchsen, die schätzungsweise in Berlin leben, bekommen wir die meisten kaum zu sehen.

Sophia Kimmig, Wildtierforscherin

Die Metropolen-Füchse sind da deutlich mutiger und toleranter. Doch auch sie sind in der Regel nicht die dreisten Draufgänger, für die man sie auf den ersten Blick halten würde. Es gibt zwar eine verhaltensauffällige Fraktion, die in Parks aktiv um Futter bettelt. Und eine weitere, die ihre zweibeinigen Nachbarn schlicht ignoriert. Die Mehrheit aber geht den Menschen offenbar auch in der Stadt so weit wie möglich aus dem Weg. „Das hat uns selbst überrascht“, sagt Sophia Kimmig. „Von den 5000 bis 10.000 Füchsen, die schätzungsweise in Berlin leben, bekommen wir die meisten kaum zu sehen.“

So verraten die Kamerafallen und Sendehalsbänder, dass auch in Berlin die meisten Füchse in der Dämmerung und nachts aktiv sind. Tagsüber nutzen sie dagegen gern Bereiche, in denen sie sich besonders sicher fühlen. Die Forscherin hat schon Tiere nur wenige Meter neben einem Weg an einem Bahndamm herumlaufen sehen – offenbar in vollem Bewusstsein, dass der Zaun dazwischen für die menschlichen Passanten nicht zu überwinden war.

So sind es den Computersimulationen zufolge dann auch nicht die Grünanlagen, in denen Berliner Füchse am häufigsten ihre Stadt durchqueren. Viel wichtigere Routen sind die Autobahnränder und S-Bahn-Trassen – und das, obwohl der Verkehr für Hauptstadtfüchse die Todesursache Nummer eins ist. Von den 17 Tieren, die das Team vom IZW in Berlin mit Sendern ausgerüstet hat, sind fast alle überfahren worden.

„Uns hat dieses Ergebnis auch gewundert“, sagt Sophia Kimmig. „Es wäre für die Tiere ja viel sicherer, wenn sie sich auf Bereiche mit weniger Verkehr konzentrieren würden.“ Sie vermutet, dass es den vierbeinigen Hauptstädtern trotz aller Anpassungsfähigkeit noch immer an Risikobewusstsein fehlt. Vor allem die noch unerfahrenen Jungfüchse können wohl nicht einschätzen, dass die wirklichen Gefahren heutzutage von Autos und Zügen ausgehen und nicht von in der Regel harmlosen Fußgängern im Park. Die alte Angst vor Jägern auf zwei Beinen ist offenbar im Erbgut verankert. Und sie sitzt tief.

Steckbrief Rotfuchs

Verbreitung: Weltweit gibt es eine ganz Reihe verschiedener Fuchs-Arten, in Mitteleuropa ist aber nur der Rotfuchs (Vulpes vulpes) zuhause. Diese Art hat von allen Landraubtieren der Erde die größte geografische Verbreitung: Sie streift durch große Teile Eurasiens und Nordamerikas, und auch in Australien haben sich die zu Jagdzwecken angesiedelten Tiere ausgebreitet. 

Lebensraum: Das Erfolgsgeheimnis der Rotfüchse ist ihre Anpassungsfähigkeit. Sowohl in den harschen Regionen nördlich des Polarkreises als auch in Gebieten mit beinahe tropischem Klima kommen sie bestens zurecht. Wälder bieten ihnen ebenso einen geeigneten Lebensraum wie Grasland oder Äcker. Die ersten Stadtfüchse wurden schon in den 1930er-Jahren in Londoner Vororten gesichtet, seit den 1980er-Jahren greift dieser Trend auf immer mehr Städte über. 

Nahrung: Was ihren Speiseplan angeht, sind Rotfüchse nicht anspruchsvoll: Was leicht verfügbar ist und genügend Energie liefert, wird gefressen. Die wichtigste lebende Beute sind Mäuse, dazu kommen aber auch noch verschiedene andere Tiere - von Regenwürmern bis zu Kaninchen. Aas verschmähen die Raubtiere ebenso wenig wie Küchenabfälle und Katzenfutter. Und sie haben eine große Schwäche für Obst, besonders für süße Früchte wie Kirschen.