Berliner Pfleger Ricardo Lange: „In der Pflege ist die Mobbingrate am höchsten“

Der Intensivpfleger ist einer der wenigen, die offen über die Zustände in Kliniken reden. Dafür wird er angefeindet – auch aus den eigenen Reihen.

Intesivpfleger Ricardo Lange.
Intesivpfleger Ricardo Lange.Benjamin Pritzkuleit

Der Pflegenotstand ist seit Corona offensichtlich, doch obwohl die Pandemie deutlich die Gefahren auch für die Gesellschaft aufgezeigt hat, ändert sich in den Kliniken kaum etwas. Zusätzlich zu den Tabuthemen Tod, Krankheit und Sterben hat die Pflege damit zu kämpfen, dass sie sich gegenseitig zu wenig unterstützt. Auch das ist ein Tabuthema - über das der Berliner Intensivpfleger Ricardo Lange Auskunft gibt, als einer der wenigen seiner Zunft, die sich öffentlich mit Gesicht und mit Klarnamen und nicht nur über Twitter dazu äußern.

Herr Lange, wieso zerfleischt sich die Pflege selbst?

Ein Beispiel von mir: Ich wurde zuletzt zu Anne Will eingeladen und konnte dort endlich mal den Gesundheitsminister persönlich befragen. Für mich eine tolle Gelegenheit für die Pflege. Aber was passiert? Ich wurde vor der Sendung von Kollegen angerufen, die mir auftragen wollten, was ich zu sagen habe. Ich habe mich also schon vorab dafür entschuldigt, dass es nicht darum gehen wird, Lauterbach fertig zu machen, und dass es auch keine reine Pflege-Sendung werden wird. Ich war ja froh, überhaupt mal mit Karl Lauterbach sprechen zu können. Und dann wird nachher jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.

Von Ihren Kollegen – es gab einen Shitstorm bei Twitter.

Ich wurde von der eigenen Berufsgruppe als Querdenker, Leugner, Schwurbler und als dumm bezeichnet.

Warum?

Ich war der Meinung, dass man nach fast drei Jahren Pandemie die Aufgabe hat, den größtmöglichen Schaden von allen Menschen in diesem Land abzuwenden, nicht nur von den Kranken. Die Grundrechte gehören uns allen, über 80 Millionen Menschen. Da muss es natürlich das Ziel sein, so wenig Tote wie möglich zu haben, aber wir haben auch Kinder, und ich finde, die waren in dieser Pandemie die größten Verlierer. Und dann höre ich in der Sendung, dass die Evaluierung der Maßnahmen nach über zweieinhalb Jahren Pandemie immer noch nicht klar ist, deshalb habe ich Lauterbach gefragt, an welcher Stelle er denn meint, ab wann die Pflege als überlastet gilt. Das ist ja nie definiert worden.

Was gab es daran auszusetzen?

Die größte Kritik an meinem Auftritt war, dass ich gefragt habe, warum ich mich als dreifach geimpfte Pflegekraft testen lassen muss. Ich wusste das schon, aber es hat ja eine andere Qualität, wenn ein Experte die Antwort gibt und nicht ich als Pfleger. Mir ist klar, dass ich auch als Geimpfter Corona weitergeben kann. Ich wollte wissen, ob es nicht die Möglichkeit gibt, ungeimpftes Personal wieder einzusetzen, wenn es getestet ist. Anstatt den Kollegen mit Berufsverboten zu drohen. Diese Frage zu stellen, muss ja einfach mal erlaubt sein. Aber ich wurde danach sofort abgestempelt.

Das passiert anderen Berufsgruppen auch.

Ich finde es aber besonders vermessen, dass jemand als Querdenker bezeichnet wird, der seit zweieinhalb Jahren täglich Corona-Patienten versorgt, sich an jede Maßnahme hält, den Kopf hingehalten hat für die eigene Berufsgruppe, ein Buch darüber geschrieben und eine Kolumne zur Pflege hat. Die Leute hätten sich ja mal über mich informieren können. Stattdessen wurde ich über Twitter so übel beschimpft, dass ich ein paar Leute blockieren musste.

Zur Person
Ricardo Lange, Jahrgang 1981, wuchs in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Hellersdorf auf. Um sich dort gegen Übergriffe wehren zu können, betrieb er Kampfsport und Bodybuilding. Nach Stationen unter anderem als Fitnesstrainer und bei der Polizei fand er seine Berufung als Intensivpfleger.

In Berliner Kliniken
arbeitet er heute  als Leasingkraft und schreibt und spricht öffentlich über den Pflegenotstand. Im Januar hat er ein Buch über den Pflegenotstand veröffentlicht: „Intensiv: Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist – Ein Notruf“ (dtv).

Ich habe den Eindruck, in der Pflege ist der Umgangston auch abseits dieses Themas oft besonders ungut. Woran liegt es denn, dass sich die Branche so zerstreitet, zusätzlich zu der ohnehin starken Belastung?

Auch das sieht man an den Kommentaren zu meinem Auftritt bei Anne Will: Viele sagen, sie hätten selbst dort sitzen müssen. Oder eine Frau hätte da sitzen müssen. Wir sind eh eine Berufsgruppe, die sehr viel jammert. Oft zu Recht. Aber wir zeigen auch gerne mit dem Finger auf andere, ohne uns selbst zu bewegen. Man sieht es auch wieder an NRW. Da haben die Pflegekräfte zuletzt drei Monate lang gestreikt. Die Pflegekräfte aus den anderen Bundesländern oder Kliniken sind zuhause geblieben. Sie hätten ja mit streiken und für sich auch etwas bewirken können.

Was hätten Sie sich stattdessen gewünscht von Ihren Kollegen nach Ihrem Auftritt?

Viele Pflegekräfte neigen dazu, vieles besser zu wissen. Was ja auch so sein kann, aber ich hätte mir gewünscht, dass mich Kollegen unterstützen, die auf bestimmten Gebieten einfach besser sind als ich. Etwa der Personalrat zum Thema Gesundheitspolitik. Ich hätte mich gefreut, wenn man die Stärken bündelt, anstatt sich anzufeinden. Man hätte doch sagen können: Du hast die Kontakte, ich biete Dir mein Wissen an. Aber es ist wie im Pflegealltag.

Wie ist es denn im Pflegealltag?

Sie müssen sich vorstellen: Wenn Sie als Pflegekraft ein Zimmer übergeben, schaut der nachfolgende Dienst meist nur danach: Hat der Kollege alles richtig gemacht, was hat er nicht gemacht, was hat er falsch gemacht? Anstatt anzuerkennen, was gut geklappt hat. Anstatt auch mal zu loben und zu sagen: Das hast Du gut gemacht.

Woran liegt das?

Klar, es ist ein Beruf, in dem viel Stress und viel Frustration herrscht. Aber es ist auch durch Studien belegt, dass in der Pflege die Mobbingrate am höchsten ist. Das ist ein ganz großes Problem in dieser Berufsgruppe. Anstatt sich gegenseitig zu helfen, wird gemobbt. Und dann ist es nicht mal so, dass die Pflegekraft zu einem selbst kommt mit Kritik, sondern sie geht direkt zum Vorgesetzten und, damit der Kollege zeigt, wie toll er ist, wird gerne auch noch ein Zettel geschrieben und dieser Zettel wird einem über eine dritte Person überreicht. Deshalb fahren wir das ganze an die Wand. So ist das in dem Beruf. Viele Kollegen denken ja auch, es sei mir zugeflogen, dass ich da bei Anne Will sitze oder mit Jens Spahn gesprochen habe in der Bundespressekonferenz. Aber das war harte Arbeit zu einem Zeitpunkt, als es noch nicht so populär war wie heute, dass die Pflege öffentlich über Pflege spricht.

Liegt dieses Problem ausschließlich am Stress und dem Pflegemangel oder gibt es dafür noch andere Faktoren? Ich frage, weil ich zuletzt selbst ein absurdes Erlebnis bei Twitter hatte. Ich fragte nach einem Interviewpartner und erntete sofort selbst einen kleinen Shitstorm, als ich darauf verwies, dass die Presse, anders als dort dargestellt, durchaus oft über die Zustände in der Pflege berichtet.

Die Presse hat über zwei Jahre fast täglich darüber berichtet, die Pflege hatte alle Aufmerksamkeit der Welt. Was hat sie gemacht, um die Zustände zu ändern? Nichts. Das ist genau das Problem: Alle anderen sollen es richten. Es wird aber kein Held auf einem Beatmungsgerät angeritten kommen, um für uns den Karren aus dem Dreck zu ziehen! Die Pflege hätte genau jetzt ihre größte Chance gehabt. Sie hätte sagen können: Die Politik hat uns nun schon das zweite Jahr hintereinander vergessen und uns unvorbereitet in die Pandemie rennen lassen. Ihr habt uns verheizt und verarscht. Jetzt ist Schluss. Stattdessen wurde sich beklagt: Die Presse hätte ja nicht ausreichend darüber berichtet.

Wir würden manchmal gerne noch mehr darüber berichten, vor allem über Umstände, die man noch nicht so gut kennt, aber wir stehen oft vor dem Problem, dass die Protagonisten aus Pflege und Medizin nicht mit Klarnamen genannt werden wollen. Manche sprechen anonym, die meisten ducken sich aber weg, nur die wenigsten wollen sich öffentlich äußern.

Das ist ja mein Kritikpunkt: Heute ist es ungefährlicher, darüber zu berichten, als noch zu Beginn der Pandemie. Da war die Situation noch eine ganz andere, und ich habe es trotzdem gemacht. Aber diejenigen, die mit ihrem Gesicht und Klarnamen an die Öffentlichkeit gehen, riskieren ihren Job. Ich zum Beispiel bin mittlerweile in zwei Berliner Kliniken gesperrt. Davor haben viele verständlicherweise auch Angst.

Abgesehen von Ihren Kollegen: Woran liegt es Ihrer Beobachtung nach, dass sich auch große Teile der Öffentlichkeit nicht dafür zu interessieren scheinen, wie kaputt das Pflege- und Gesundheitssystem in Deutschland wirklich ist?

Das kann ich Ihnen erklären. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein gestandener Mensch und werden plötzlich krank, mitten aus dem Leben gerissen. Jetzt müssen Sie in einem Krankenhaus oder später Pflegeheim versorgt werden von uns, wir wechseln Ihnen die Windeln und setzen Sie in den Rollstuhl. Sie haben dann eine so überschwängliche Dankbarkeit, dass wir Ihnen in einem solchen Moment helfen, weil das ein unheimliches Schamgefühl ist. Dieses Schamgefühl sorgt dafür, dass nur sehr wenige Patienten sich beklagen über die Pflege. Und die Patienten, die aufgrund von Pflegemangel zu Tode kommen, können sich nicht mehr beklagen.

Es könnten sich aber viel mehr Angehörige darüber beklagen.

Aber dass der Herzinfarkt Ihres Angehörigen vielleicht deshalb nicht erkannt wurde, weil auf der Station Personalmangel herrschte, das wird Ihnen niemand sagen. Das ist der Grund, warum sich so wenige Menschen beschweren. Auch hier übe ich wieder Kritik an meiner Berufsgruppe: Jede Pflegekraft, die auf der einen Seite den Personalmangel kritisiert und die Umstände beklagt, aber auf der anderen Seite trotzdem jedes Mal ihren Urlaub unterbricht, um einzuspringen, macht sich doch mitschuldig am permanenten Personalmangel! Dann findet nämlich immer irgendwie eine Versorgung statt und es ist immer irgendjemand zur Stelle. Den Leuten da draußen ist es doch komplett egal, ob die Pflegekraft jetzt schon die dritte Schicht in Folge arbeitet, Hauptsache ihre Angehörigen sind irgendwie versorgt.

Also ich zum Beispiel gehöre zu den Angehörigen, die das merken und sich beschweren, wenn gefährliche Pflege stattfindet. Aber viele Pflegekräfte oder auch Ärzte sehen das gar nicht gerne, wenn man Versorgungsfehler kritisiert, so meine Erfahrung in fast 15 Jahren Pflege meiner Eltern. Ich habe eher den Eindruck, dass viele Beschäftigte den Pflegenotstand permanent verschleiern wollen. Der Pflegekritiker Claus Fussek aus München sagt nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit dem Thema: Die Pflegekräfte seien selbst schuld an dem kaputten System, weil sie es auf diese Weise stützen würden, wenn sie die Probleme nicht nach außen adressieren, sondern immer nur nach innen.

Ich glaube schon, dass die meisten Pflegekräfte auch ein gewisses Verantwortungsgefühl haben, sonst würden sie den Beruf nicht machen. Aber ich muss als Pflegekraft auch an dieser Stelle Verantwortung übernehmen. Denn ich kann meine Patienten nicht verantwortungsbewusst pflegen, wenn ich ausgebrannt bin. Irgendwann geht dabei jegliche Empathie verloren. Viele Pflegekräfte lassen sich emotional erpressen. Dabei ist es nicht die Aufgabe des Arbeitnehmers, für genügend Personal zu sorgen, sondern die Aufgabe der Kliniken und vor allem der Politik.

Wenn jemand den Pflegenotstand auf die Patienten und die Angehörigen abwälzt, weil Personal fehlt, dann ist es in letzter Instanz die Politik. Denn die Klinik kann auch nur so viel Personal einstellen, wie es von den Krankenkassen finanziert wird. Keine Klinik würde zusätzliches Personal ablehnen. Die Kliniken sind da auch eingeschränkt, die haben ihre Fallpauschalen für jeden Patienten, die Karl Lauterbach einst mit eingeführt hat. Dadurch bekommen sie pro Krankheitsbild nur eine begrenzte Summe bezahlt. Auch wenn die Pflege da inzwischen ein bisschen herausgerechnet wurde, hat sich nicht viel daran geändert. Die Fallpauschalen sind so akzeptiert und gewollt von der Politik.

Wie ließe sich das Problem aus Ihrer Sicht lösen?

Wenn die Politik etwa dafür sorgen würde, dass Pflegekräfte früher in Rente gehen könnten, das würde den Beruf schon viel attraktiver machen. Außerdem sollten Kliniken keine gewinnorientierten Unternehmen sein, denn so können sie Pflegekräfte nicht besonders gut bezahlen.

Wobei ich immer wieder vernehme, dass die Bezahlung längst nicht das vorrangige Problem in der Pflege sei.

An mehr Geld gewöhnt man sich, es wird eh alles teurer. An was man sich aber nicht gewöhnt, sind schlechte Arbeitsbedingungen. Man wird sich nie daran gewöhnen, seine Familie viel zu wenig zu sehen. Und man wird sich nie daran gewöhnen, mit dem Gewissen nach Hause zu gehen, einen Patienten beim Sterben alleine gelassen zu haben. Das muss sich ändern.

Was würde denn konkret helfen?

Wenn die Pflege sich endlich gegen die Umstände wehren würde. Wir sind seit zweieinhalb Jahren in einer Pandemie, es sind über 100.000 Menschen in Deutschland gestorben, wir haben überlastete Krankenhäuser und wir hatten zwischendurch sogar Bundestagswahl. Trotzdem ist nichts passiert – weil die Pflege sich alles gefallen lässt. Das muss man knallhart so sagen. Würde sich die Pflege auf die Hinterbeine stellen und überall dort Änderungen einfordern, wo sie nötig sind, würde das auch anders laufen.

Aber solange der Profit in Gesundheit und Pflege an oberster Stelle steht, und sich niemand dagegen wehrt, wird sich nichts ändern. Es gibt mittlerweile Investmentfirmen aus dem Ausland, die kaufen Altenheime auf und holen da Geld raus, das eigentlich für die Beitragszahler gedacht ist. Und es gibt Kliniken, die sind an Aktienunternehmen gebunden, da werden Dividende ausgeschüttet. Alles von Geldern, die eigentlich für Personal und Patienten gedacht sind.

Da ist viel Lobbyismus im Spiel. Solange sich die Pflege nicht geschlossen dagegen wehrt, wird die Politik das nicht von sich aus ändern.