Eng verbunden zu sein, ist die beste Voraussetzung für guten Sex.
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BerlinKlaus Beier leitet das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité. Rund 20 Prozent seiner Patienten sind ältere Menschen mit Problemen beim Sex, berichtet er. Häufig lägen ihren Problemen irrtümliche Vorstellungen über körperliche Liebe zugrunde.

Herr Beier, wir sprechen über ein Thema, das im Allgemeinen tabu ist.

Das stimmt leider. Doch es ist ein sehr wichtiges Thema und dadurch, dass es nicht offen besprochen wird, entstehen viele falsche Vorstellungen über Sex im Alter.

Dann sagen Sie uns, was richtig ist.

Richtig ist, dass die menschliche Sexualität durch mindestens drei Erlebnisdimensionen gekennzeichnet ist: die Lustdimension, die Fortpflanzungsdimension und die Beziehungsdimension.

In den Zeiten von Tinder kommt die letzte Dimension überraschend.

Weil Sexualität mit Lustgewinn, sexueller Erregung und Orgasmen gleichgesetzt wird. Die Beziehungsdimension wird grundsätzlich unterschätzt. Obwohl jeder bejaht, dass er sich vertrauensvolle Beziehungen wünscht. Diese sind von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, unser Grundbedürfnis zu erfüllen, uns sicher und angenommen zu fühlen. Dennoch ist den meisten nicht klar, dass sich genau das durch körperliche Nähe mit einer vertrauten Person erreichen lässt. Und zwar auch ohne Erregungshöhepunkte.

Die Prozesse im Gehirn und im Nervensystem, die dem zugrunde liegen, sind gut erforscht. Sie dämpfen die Stresssysteme ab, und das wird als wohltuend und entspannend wahrgenommen.

Die Evolution hat diesen Mechanismus entwickelt. Sie finden ihn bei allen Säugetieren. Denken Sie an Kinder: Wenn sie Angst haben, flüchten sie sich in die Arme ihrer Mutter oder ihres Vaters und schnell ist alles wieder gut.

Prof. Klaus M. Beier
Zur Person

Klaus M. Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité. Professor Beier ist seit 30 Jahren klinisch und wissenschaftlich in der Sexualmedizin tätig. Auf ihn gehen neue Konzepte der Sexualtherapie zur Verbesserung der sexuellen und partnerschaftlichen Beziehungszufriedenheit zurück. Außerdem hat er einen Konzept zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch entwickelt, das verursacherbezogen ist. Beier wird auch als Sachverständiger in Kriminalfällen hinzugezogen.

Das heißt, der Sexualpartner sollte uns auch als Mensch lieben.

Der Grund ist: Menschen, die uns in dem Gefühl bestärken, dass wir unersetzlich sind, stärken unsere Abwehrkräfte. Das Stresserleben wird vermindert. Dadurch ist das Immunsystem weniger gefordert. Auf diese Weise verbessern diese Menschen und die Nähe zu ihnen unsere Gesundheit. Das ist jedem Menschen zu wünschen.

Ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Liebe das Leben verlängert?

Es ist belegt, dass die Sterblichkeit von erkrankten Menschen am meisten davon abhängt, ob sie starke soziale Beziehungen haben. Anders ausgedrückt: Menschen mit guten Bindungen zu anderen leben länger. Starke Beziehungen sind statistisch ein stärkerer Faktor, als mit dem Rauchen aufzuhören.

Sie haben ein Fünftel ältere Patienten. Was sind deren Probleme?

Die körperlichen Prozesse sind im Alter verlangsamt. Zum Beispiel dauert es viel länger, bis beim Mann eine Erektion zustande kommt. Bei der Frau dauert es länger, bis die Scheide feucht wird. Wir haben gerade diesbezügliche Ergebnisse der Berliner Altersstudie (BASE II) veröffentlicht.

Da die Vorstellung von Sex häufig auf Penetration und Orgasmus reduziert wird, kommt es bei vielen Menschen zu Frustrationen. Oder noch schlimmer: zu Schmerzen. Das passiert zum Beispiel, wenn der Mann in die Frau eindringt, bevor sie feucht genug ist. Nach einer solchen Erfahrung wird die sexuelle Aktivität manchmal völlig eingestellt.

Oder der Mann erlebt, dass er nicht in der Lage ist, eine Erektion zu haben und dass es nicht zum Verkehr kommt. Danach ziehen sich manche frustriert zurück. Aus sexualmedizinischer Sicht sollten ältere Menschen unbedingt ermutigt werden, eine aktive Sexualität zu leben, eben weil diese eine so wichtige, gesundheiterhaltende Ressource ist.

Wie helfen Sie den Menschen in Ihrem Institut?

In der Sexualtherapie fragen wir zunächst nach der aktuellen Situation in der Partnerschaft. Wo sieht sich der eine, wo der andere Partner? Sofern sich beide in der Beziehung richtig fühlen und die sexuelle Zufriedenheit verbessern wollen, ermutigen wir die Paare zu mehr allgemeiner und sexueller Kommunikation. Das kann durch Streicheln und Körperkontakt genauso geschehen wie durch Geschlechtsverkehr. Es ist wichtig, dass beide es unbefangen genießen können. Und obwohl das – unabhängig vom Alter – auf jeden Fall möglich ist, geschieht es leider viel zu selten.

Aber warum fällt es Männern so schwer, den Frauen Streicheleinheiten zu geben?

Männer haben häufig eine eingeengte Sicht auf Sexualität. Sex heißt Funktionieren, also Erektion vollbringen und zum Orgasmus kommen, nicht selten verbunden mit der Annahme, für den Orgasmus der Partnerin ebenfalls zuständig zu sein. Vor diesem Hintergrund wird Streicheln schnell als mehr oder weniger wertlos empfunden. Wenn schon, dann sollte es zum Verkehr kommen, und das klappt dann nicht mehr so wie früher. Dann kann man es gleich ganz lassen.

Spielt der Orgasmus überhaupt keine Rolle?

Doch, klar. Erregung und Orgasmen sind ebenfalls bandstiftend und bindungsfördernd. Das wissen wir auch durch die Ausschüttung von entsprechenden Neuropeptiden wie zum Beispiel Oxytocin. Aber das passiert auch durch körperliche Nähe ohne Einbeziehung der Genitalien und ohne Erregungshöhepunkt.

Was halten Sie von Potenzmitteln?

Die Sexualtherapie steht an erster Stelle. Durch sie lässt sich viel erreichen. Und sie lässt sich mit Medikamenten durchaus kombinieren. Es kommt vor, dass beide Partner sagen: „Verkehr finden wir super, wir möchten das erleben und sind bereit, Medikamente zu nehmen.“ Ich betone: beide. Häufig erfolgt die Entscheidung an der Partnerin vorbei. Männer versuchen nicht selten, in Eigenregie auf erektionsfördernde Medikamente zurückzugreifen.

Das ist eine ungünstige Beziehungsaussage und die Frauen fühlen sich zurecht enttäuscht. Es kann der Eindruck entstehen: Er findet mich nicht attraktiv und die Chemie ersetzt die Erregung im Kopf. Die Entscheidung für Potenzmittel sollten beide treffen.