Die Adresse ist passend gewählt. Die Invalidenstraße in Berlin, die sich die Gründer von Pflegia als Firmensitz ausgesucht haben, passt vom Namen her schon mal ganz gut zum Thema: Pflege.

Felix Westphal und Masoud Shahryari aus Hamburg sowie Lennart Steuer aus München sind für ihr vor dreieinhalb Jahren gegründetes Start-up nach Berlin gezogen, um die Bewerbungsverfahren in der Pflege und damit die gesamte Branche zu modernisieren. Ein Gespräch über ein komplexes Arbeitsfeld, aktuelle Probleme und gute Zukunftsaussichten.

Berliner Zeitung: Sie sind alle noch recht jung, wie kamen Sie auf das Thema Pflege?

Felix Westphal: Heutzutage hat ja leider fast jeder familiär oder persönlich irgendwie mit dem Thema zu tun. Meine Schwester hat außerdem im Hospiz gearbeitet. Bei Besuchen in den Einrichtungen vor Ort merkt man dann schnell: Das läuft alles andere als rund. Und da bleibt sehr viel auf den Schultern der Pflegekräfte liegen.

Masoud Shahryari: Viele meiner Freunde und Verwandten arbeiten in der Pflege, auch mein Bruder ist im medizinischen Bereich tätig.

Lennart Steuer: Ich habe schon während meines Studiums gewusst, dass ich etwas mit sozialem Mehrwert machen möchte.

Zu den Personen

Masoud Sharyari ist 29 Jahre alt und stammt wie der 26-jährige Felix Westphal aus Hamburg. Der 27-jährige Lennart Steuer kommt aus München und hat BWL, VWL und Social Entrepreneurship studiert. Masoud Shahryari hat Betriebswirtschaftslehre studiert, Felix Westphal Volkswirtschaftslehre. Alle drei haben während des Studiums angefangen, das Start-up Pflegia zu gründen, anfangs alleine. Inzwischen beschäftigen sie rund 50 Mitarbeiter in Vollzeit und vermitteln bundesweit nach eigenen Angaben monatlich etwa 5000 Vorstellungstermine im Pflegebereich. Firmensitz ist Berlin-Mitte. Die drei jungen Firmengründer leben auch in der Hauptstadt.

Der soziale Mehrwert ist in der Pflege ja unbestritten, erst recht seit Corona. Woran liegt es, dass diese sozial so wichtige und auch existenzielle Arbeit in unserer Marktwirtschaft nach wie vor vergleichsweise schlecht bezahlt wird bzw. viele Pflegekräfte insgesamt unzufrieden sind?

Lennart Steuer: Es liegt an Intransparenz der Jobzuschreibungen und der Gehälter und an fehlender Wertschätzung, außerdem an einer richtig schlechten Imagebildung. Wenn ich etwa in der Ausbildung angeschrien werde, ist das nicht besonders hilfreich. Und es liegt für mich auch an der fehlenden Akademisierung der Ausbildung zur Pflege. Dabei müssen Pflegekräfte so viele Skills haben – wenn ich etwa die Anforderungen zum Gesundheits- und Krankenpfleger mit denen während meines BWL-Studiums vergleiche…

Masoud Shahryari: Positiv ist, dass wir die Digitalisierung in den vergangenen Jahren vorantreiben konnten. Mit einer besseren Dienstplangestaltung hätte man präventiv viele Arbeitnehmer in der Branche halten können. Stattdessen presst man immer noch viele Pflegekräfte in eine Drei-Schicht-Belastung.

Felix Westphal: In der Pflege gibt es eine hohe Arbeitsbelastung bei hoher Flexibilität. Wir haben damals gedacht: Eine Branche, die so eine Nachfrage erlebt, muss doch den Bewerber in den Mittelpunkt stellen! So wie es auch der IT-Bereich, das Management und das Headhunting machen. Aber entweder haben wir nicht gut genug gesucht, oder es gab zu dem Zeitpunkt, als wir vor drei Jahren angefangen haben, einfach nichts in dieser Richtung. Also haben wir uns selbstständig gemacht mit der Idee, die Pflegekraft in den Mittelpunkt zu stellen. Und zwar unabhängig davon, ob sie alleinerziehend ist, nur 50 Prozent arbeiten möchte oder in welchen Teilbereich der Pflege sie will: Die Arbeitskräfte bekommen bei uns Bewerbungen von Arbeitgebern. Nach dem Prinzip des Reverse Recruiting, also des umgekehrten Bewerbungsverfahrens.

Wurde das angenommen?

Lennart Steuer: Wir sind gestartet mit einer simplen Landingpage, wo die Pflegekraft sich registrieren kann und erzählt, welche Qualifikation sie mitbringt und vor allem: welche Wünsche und Anforderungen sie an einen Arbeitsplatz hat. Also zum Beispiel: Ich bin gelernter Altenpfleger, möchte im Seniorenheim arbeiten, zu 75 Prozent – aber nur in Berlin-Wedding. Und ich möchte mindestens 3300 Euro brutto verdienen. Wir haben insgesamt 14 dieser Touchpoints zur Auswahl, also Kriterien, die mir als Pflegekraft wichtig sind. Damals hatten wir binnen drei Wochen schon 250 Nutzer und dachten uns: Cool, lass uns das ausrollen! Es schien zur Lage zu passen, dass die Pflegekraft gesucht wird und nicht der Job. Darauf haben wir dann ein Job Matching Tool aufgebaut und einen Career Coach Service entwickelt.

Sie haben zu dritt angefangen und sind jetzt wie viele?

Lennart Steuer: Mittlerweile haben wir etwa 50 Vollzeitmitarbeiter. Und wir haben rund 100.000 registrierte Pflegekräfte bundesweit, dazu etwa 4500 Arbeitgeber, das ergibt circa 27.000 Jobs auf der Plattform.

Es läuft also gut – für Sie?

Felix Westphal: Wir matchen immer mehr Arbeitgeber und Pflegekräfte, haben mittlerweile überall in Deutschland genug Jobangebote und freuen uns besonders, dass wir immer mehr Stellen auch in entlegeneren Regionen anbieten können. Was anfangs gar nicht so einfach war. Die Pflege ist sehr dezentral aufgestellt. Mittlerweile melden sich auch Kandidaten im Führungskräftebereich bei uns an und lassen ihr Profil so lange bei uns liegen, bis das passende Angebot kommt.

Lennart Steuer: Personalvermittlungen gab es ja schon lange vor Pflegia, aber die waren sehr hochpreisig und haben zwei Monatsgehälter für die Vermittlung verlangt, also je nach Gehalt 7000 bis 15.000 Euro. Das war Ausnutzen einer Notsituation in dem Bereich. Wir stellen umgekehrt ganz klar die Pflegekraft in den Mittelpunkt, und unsere Preise liegen zu 50 bis 70 Prozent niedriger als die der üblichen Personalvermittlungen. Um so viele Arbeitgeber und Jobs wie möglich auf unsere Plattform zu holen. Mittlerweile haben wir etwa 5000 Matches pro Monat.

Was zahlt die Pflegekraft für Ihre Vermittlung?

Felix Westphal: Gar nichts. Nur der Arbeitgeber zahlt. Aber auch nur dann, wenn es zu einer erfolgreichen Einstellung kam. Unser gesamter Service vorab und unsere Beratung sind auch für den Arbeitgeber kostenfrei. Wir wollen unser Geschäft so ausrichten, dass es sich für Pflegia nur dann lohnt, wenn alle glücklich sind. Und wir gehen noch einen Schritt weiter: Bei vorzeitiger Auflösung des Arbeitsverhältnisses arbeiten wir mit Rückerstattung unserer Vermittlungsgebühr. Denn wir haben ein Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit mit beiden Seiten.

Klingt ja alles super. Gibt es auch Probleme? Wie lief es während Corona?

Felix Westphal: Wir hatten anfangs Bedenken. Wir dachten, in der Pandemie wechselt niemand seinen Arbeitgeber. Aber es wurde weiter gewechselt und gesucht. Tools wie Zoom wurden bald sehr gut angenommen – und wir durften in der Branche auch ein wenig Nachhilfe bei der Digitalisierung leisten. Aber natürlich hat für die Pflegekräfte die Arbeitsbelastung in der Pandemie stark zugenommen. In den Lockdowns durften etwa die Angehörigen nicht mehr in die Heime. Das war eine Tragödie für alle – und eine Dreifachbelastung für die Pflegekräfte. Viele sind ausgefallen in den Lockdowns, und die Patienten wurden kaum noch betreut.

Masoud Shahryari: Für uns als Plattform gab es kaum Einschränkungen, aber in unserem Career Coaching haben wir direkten Kontakt mit den Pflegekräften, und das war schon hart. Die haben krass gekämpft in den Lockdowns, es wurden ganze Wohnbereiche abgesperrt. Und Erkrankte haben sich schuldig gefühlt, wenn ihre Kollegen auch noch für sie mitarbeiten mussten. Inzwischen sagen viele: Ich bin für mein Team da. Denn wenn ich jetzt gehe, bedeutet das drei Schichten mehr für meine Kollegen. Das ist ein Teufelskreis.

Haben Sie miterlebt, wie Pflegekräfte ganz abgewandert sind, weil es ihnen zu belastend wurde?

Lennart Steuer: Im Intensivpflegebereich und im Covid-Bereich in den Kliniken war die Situation schon sehr kritisch. Wir haben damals viele Pflegekräfte selbst betreut. Einige waren so am Anschlag, dass ihre Stimme am Telefon ganz zittrig war, weil sie immense Angst vor dieser immensen Arbeitsbelastung hatten. Die Stationen waren schon vorher überlastet, dann noch mehr. In der zweiten Welle hat die Impfung dann viele geängstigt. Jetzt bewegt die einrichtungsbezogene Impfpflicht einige dazu, die Branche zu verlassen.

Felix Westphal: Wir würden es sehr begrüßen, wenn sich mehr Leute impfen lassen. Wir selbst sind bei Pflegia zu hundert Prozent geimpft und wir verstehen, warum die Politik die einrichtungsbezogene Impfpflicht eingeführt hat, um die Vulnerablen zu schützen. Aber es ist eben auch so, dass sich nicht alle Pflegekräfte impfen lassen werden. Das können wir nicht ändern – und damit müssen wir umgehen. Die dürfen wir nicht verlieren in dieser Branche, die eh völlig unterbesetzt ist. Eine Studie der Charité geht davon aus, dass sich bis zu 100.000 Pflegekräfte nicht impfen lassen werden. Wenn wir die in der Branche vom einen auf den anderen Tag verlieren würden, wäre das eine Katastrophe.

Was schlagen Sie vor? Im Moment scheint es so zu sein, dass viele Arbeitgeber und auch Gesundheitsämter das Problem aussitzen wollen, bis die Pflege-Impfpflicht womöglich im nächsten Jahr ausläuft. Bis dahin werden Ungeimpfte weiter beschäftigt, weil man nicht auf sie verzichten kann.

Lennart Steuer: Wir brauchen in jedem Fall Sicherheit für die Pflegekräfte, wie es mit der einrichtungsbezogenen Impfpflicht weitergeht. Im September könnte dann auch noch der Booster verpflichtend werden. Auch das schwebt im Raum.

Masoud Shahryari: Die Leute haben Angst vor Arbeitsplatzverlust und stellen sich die Frage nach Lohnfortzahlung, all das ist noch in der Schwebe und nicht konkret geregelt. Außerdem muss dann auch wieder das Team der Geimpften den Workload auffangen, wenn die Ungeimpften ausfallen. Da haben wir wieder den Teufelskreis.

Felix Westphal: Wir haben aber nicht den Eindruck, dass die ungeimpften Pflegekräfte gemobbt werden. Es wirkt sehr solidarisch – und es ist schön zu sehen, wie die Kollegen an einem Strang ziehen. Insgesamt haben viele Pflegkräfte, ob geimpft oder ungeimpft, das Gefühl der Diskriminierung durch die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Wenn ich eh die Branche wechseln möchte, weil ich unglücklich bin, gehe ich als Pflegekraft vielleicht eher jetzt in eine andere Branche, wo auch viel gesucht wird und wo nicht diese zusätzliche Belastung noch obendrauf kommt. Für uns und die Arbeitgeber ergibt sich durch den Einstellungsstopp für Ungeimpfte: Wir haben dieselben Herausforderungen wie vor der Pandemie, jetzt kommt noch hinzu: Wir haben fünf bis zehn Prozent weniger Auswahl an Personal.

Masoud Shahryari: Und das in einer Branche, die gegenüber Politik und Privatisierung und vielen gesellschaftlichen Umbrüchen eh schon recht misstrauisch ist. Man muss mit dieser Branche sehr sensibel umgehen.

Letzte Frage: Was verdienen Pflegekräfte aktuell im Schnitt?

Lennart Steuer: Das ist je nach Einsatzgebiet und Ausbildung sehr unterschiedlich, vor allem regional. In München kann eine Vollzeit-Pflegekraft auf einer Intensivstation 50.000 Euro, eine Pflegehilfskraft in einem Brandenburger Krankenhaus auf dem Land eher 20.000 Euro im Jahr bekommen.

Felix Westphal: Dass hier mehr Transparenz reinkommt, ist auch unser Anliegen. Wir verstehen uns da ganz als Anwalt der Pflegekräfte. Und wir fragen auch schon mal von unserer Seite aus beim Arbeitgeber nach, ob da nicht mehr drin wäre, wenn die Pflegekraft während des Bewerbungsgesprächs ganz vergessen hat, nach dem Gehalt zu fragen, weil das Gespräch so nett war.