Berlin - Julia Rittereiser, 36, findet, dass man über Pipi reden muss. Zumindest dann, wenn eine Krankheit wie Blasenschwäche dahintersteckt. Doch für viele Menschen sei es ein Tabuthema, sich mit ihrem eigenen Urin und der Bedeutung für den Körper auseinanderzusetzen. Diesen Umstand will die Berliner Gründerin des nachhaltigen Unterwäsche-Start-ups Kora Mikino ändern. Zum Weltfrauentag am 8. März hat ihr Label eine Unterwäsche-Kollektion – speziell für Frauen – gegen Blasenschwäche gelauncht. 

Damit will Rittereiser nicht nur ältere Damen für das Thema sensibilisieren. Denn auch jüngere Frauen sind inzwischen häufig betroffen. Laut der Deutschen Inkontinenzgesellschaft leiden neun Millionen Menschen an einer schwachen Blase. Bei Frauen tritt das Problem häufiger auf als bei Männern. Rund 47 Prozent der Frauen befinden sich dabei allerdings nicht im hochbetagten Alter, sondern sind in ihren 30ern. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie im Auftrag von Kora Mikino. Rittereiser will den Umgang mit natürlichen Körperflüssigkeiten stärken und gleichzeitig das Leiden der Betroffenen lindern. „Wir möchten an das Tabu ran und Körperflüssigkeiten sichtbar und besprechbar machen“, sagt Rittereiser.

Dazu hat sie mit ihrem Team Unterwäsche für Frauen in verschiedenen Formen und Farben entwickelt. Damit möchte Rittereiser vor allem die Lebensqualität von Frauen verbessern, die einen aktiven Lifestyle haben, sagt sie. Dass es ein Bedürfnis für eine spezielle Blasenschwäche-Unterwäsche gibt, hat Rittereiser in den letzten Monaten vermehrt festgestellt. Betroffene seien auf sie zugekommen und hätten sich erkundigt, ob sie auch etwas gegen Inkontinenz im Angebot hätte. 

Foto: Kora Mikino
Unternehmerin Julia Rittereiser.

Denn Rittereiser befasst sich nicht erst seit dem Launch ihrer neuen Kollektion mit Unterwäsche. Ihr Start-up bietet auch Perioden-Unterwäsche an, die während der Menstruation für Hygiene und Frische sorgen soll. Einen siebenstelligen Umsatz habe Kora Mikino im vergangenen Jahr gemacht. Für 2021 rechnet Rittereiser damit, dass sie rund 100.000 Stücke ihrer Unterwäsche verkaufen werde.

Mit Perioden- und Blasenschwäche-Unterwäsche ist Rittereiser nicht die einzige Berlinerin auf dem Markt. Kati Ernst und Kristine Zeller gründeten 2018 die Marke ooia und entwickeln seitdem Perioden-Unterwäsche, die Binden und Tampons ersetzen kann. Mit Susanne Rönnefarth als dritter Frau im Bunde und Ida’s Place ist im letzten Jahr ein Ableger von ooia dazugekommen, der speziell Produkte gegen Blasenschwäche im Sortiment hat und Frauen wieder ein sichereres Gefühl geben soll.

Inkontinenz-Unterwäsche sei dahingehend sinnvoll, als dass sie viel mehr Flüssigkeit aufnehmen kann als beispielsweise Perioden-Unterwäsche, sagt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. „Sie sind auch erstattungsfähig, das heißt, die Krankenkassen können gegebenenfalls die Kosten übernehmen.“ Dies sollte aber die allerletzte Option sein. Vorab sollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, eine Blasenschwäche zu diagnostizieren, zu behandeln und im besten Fall zu beseitigen. 

Bei den Untersuchungen der Frauen stelle sich vielfach heraus, dass es vielen Frauen peinlich sei und dass sie die Ursache bei sich selbst suchen, sei es Übergewicht oder mangelhaftes Beckenbodentraining. Neben einem schwachen Beckenboden, in einigen Fällen durch die Geburt ausgelöst, als langwierigem Grund sei eine Infektion von Harnröhre oder Harnblase der häufigste Grund für eine vorübergehende Blasenschwäche, so Albring.

„Frauen erleben die Blasenschwäche wie einen persönlichen Fehler, versorgen sich selbst mit Einlagen, passen ihre Trinkmengen im Alltag so an, dass die Blasenschwäche sie nicht unterwegs in Not bringt, und wissen nicht, dass es gute und erfolgreiche medizinische Behandlungen gibt“, sagt Albring.

Laut der Studie von Kora Mikino fliegen bei 85 Prozent der von Blasenschwäche betroffenen Frauen beim Niesen darüber hinaus nicht nur Tröpfchen in die Luft, sondern auch etwas Urin in den Slip. Rittereiser ist es neben der Linderung der Probleme auch wichtig, Wegwerfprodukte wie beispielweise Einlagen überflüssig zu machen. Lebensqualität steigern und an nachhaltigen Lösungen arbeiten: Beides treibt Rittereiser gleichermaßen an.