Die Ananas zu klein, die Zucchini zu groß, die Gurke zu krumm: Lebensmittel ohne Idealmaß haben in Supermärkten kaum eine Chance. Bis zu 18 Millionen Tonnen Gemüse, Obst, Brot und Milchprodukte landen in Deutschland jährlich im Müll, weil sie nicht den allgemeinen Normen entsprechen. Eine Gruppe Berliner will die Außenseiter unter den Lebensmitteln retten. Möglichst viele sollen in einem geplanten Restaurant verarbeitet werden.

„Es ist erschreckend, dass nur das gekauft wird, was makellos aussieht“, sagt Stefan Wingendorf. Der 24-Jährige hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitet in einer Unternehmensberatung. Seit langem ärgert er sich über den oberflächlichen Umgang mit Lebensmitteln.

Mehr Wertschätzung für Lebensmittel

„Wenn Bauern bis zu einem Drittel ihrer Ernte wegschmeißen, weil ihre Produkte vom Handel als nicht verkäuflich eingestuft werden, stimmt etwas nicht“, sagt er. Dabei seien Möhren mit drei Fingern oder kleine Äpfel genauso schmackhaft wie fehlerfreie Produkte, die oft von fernen Kontinenten herangeschafft würden. Und wenn Supermärkte einwandfreie Lebensmittel entsorgten, weil sie Lagerplatz brauchten oder weil Konserven falsch etikettiert seien, sei das nur noch ärgerlich.

Stefan Wingendorf gehört zu einer Gruppe Berliner, die seit Herbst 2014 für die Rettung von aussortierten Lebensmitteln arbeitet. „Essensretter“ nennen sie sich. Eine Umweltwissenschaftlerin, eine Politikwissenschaftlerin, eine Lehrerin und eine Köchin gehören dazu. Auch Aline Henkys, 27 Jahre alt und Grafik-Designerin, macht mit.

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„Wir sind überzeugt, dass wir unseren Sinnen mehr vertrauen und Lebensmitteln wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen sollten“, sagt sie. Um dies sinnlich erlebbar zu machen, planen sie ein Restaurant, in dem fast ausnahmslos gerettete Lebensmittel verarbeitet werden. „Restlos glücklich“, so soll das Restaurant heißen. Man will die Zutaten von Bauern der Region holen, die zu kleine Kirschen und Äpfel bislang unterpflügten.

Von Groß- und Zwischenhändlern, die Lebensmittel wegwerfen, weil die Verpackungskartons kaputt sind. Von einem Tiramisu-Hersteller, der nur Eigelb verwendet und deshalb Eiweiß übrig hat. Lebensmittel wie Öl, Fleisch und Fisch sollen normal im Großmarkt gekauft werden. Anderen Lebensmittelrettern wie der Tafel e.V. will man nicht in die Quere kommen; deshalb zählen Supermärkte nicht zu den Partnern.

Hauptgericht für elf Euro

Vorbild für das Projekt ist das Non-Profit-Lokal Rub & Stub in Kopenhagen. Dort wird seit Längerem mit geretteten Lebensmitteln gekocht, der Laden läuft gut. Auch das Unternehmen Culinary Misfits in Kreuzberg arbeitet mit saisonalen Überschüssen – fürs Catering und in der eigenen Gemüsewerkstatt.

Im Herbst soll das Lokal öffnen, in Kreuzberg, Neukölln oder Moabit. Für Ausstattung, Miete und zwei Köche sammelt man seit Dienstag Geld – mittels einer Crowdfunding-Aktion sollen 50.000 Euro zusammenkommen. Am ersten Abend waren schon knapp 4000 Euro beisammen. Die Aktivisten, die ehrenamtlich im Service mithelfen wollen, tüfteln in einem Kreuzberger Gründerzentrum am Konzept. Die Hauptgerichte sollen maximal 11 Euro kosten. Die Speisekarte erfordere viel Kreativität, sagt Wingendorf: „Wir wissen ja nicht, was jeden Tag an Zutaten reinkommt.“

Restlos glücklich: Infos zum Crowdfunding unter www.startnext.com/restlosgluecklich