Der Biber (Castor fiber) war auch in der Region von Berlin und Brandenburg einst so gut wie ausgerottet. 1994 kehrten die ersten zurück.
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BerlinWenn er in der Dämmerung im Wasser schwimmt, ist so ein Biber gar nicht so leicht zu erkennen. Sichtbar ist ohnehin nur der Kopf. Und Augen und Nase liegen so weit oben, dass insgesamt nur ein paar Zentimeter Nagetier aus dem Wasser ragen. In vielen Gewässern in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind solche Begegnungen schon lange so alltäglich, dass regelmäßige Biber-Touren angeboten werden.

In Berlin aber wäre das Beobachten eines Bibers für mehr als 200 Jahre so unwahrscheinlich gewesen wie die Sichtung eines Ufos. Wegen ihres dichten Pelzes, ihres Fleisches und ihres für Medizin und Parfüms genutzten Sekrets namens Bibergeil wurden sie gnadenlos gejagt und in Europa fast komplett ausgerottet. Mittlerweile haben die Biber aber auch das Berliner Stadtgebiet zurückerobert.

„Derzeit leben etwa 60 bis 80 Biberfamilien in Berlin“, sagt Manfred Krauß. Gemeinsam mit seiner Frau ist er Ende der 1980er-Jahre zum Biberschutz gekommen. Seit vielen Jahren ist Umweltschützer Krauß vom Senat beauftragter Biber-Berater für Berlin.

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Einst fast ausgerottet

Anfang des 20. Jahrhundert war der Biber in Deutschland bis auf etwa 200 Tiere an der Mittleren Elbe ausgerottet. Biber wurden wegen ihres dichten Fells und ihres Fleisches gejagt. Wegen seines geschuppten Schwanzes wurde der Biber von der Katholischen Kirche im späten Mittelalter teilweise den Fischen zugeordnet. Damit durfte er auch in der Fastenzeit verspeist werden.

Ein weiterer Grund für die Bejagung war das Bibergeil. Das moschusähnliches Duftsekret wurde unter anderem in der Medizin und zur Parfümherstellung verwendet.

Durch Unterschutzstellungen und Aussetzungen an verschiedenen Orten haben sich die Bestände deutlich erholt. Heute leben wieder etwa 40.000 Biber in Deutschland

„Die ersten Biber kehrten 1994 selbständig und ohne Nachhilfe durch den Menschen über die Oberhavel von Oranienburg aus in den Norden Berlins zurück“, sagt Krauß. 1995 entstand die erste Biberburg auf der Insel Valentinswerder im Tegeler See. Die Rückbesiedlung ging zunächst langsam vonstatten: Bis 2005 siedelten sich in dem Bereich um die Spandauer Oberhavel und den Tegeler See fünf Biberfamilien an.

Seitdem hat sich die Population rasant entwickelt, was vor allem daran liegt, dass der Zustrom nach Berlin seit 2005 aus drei Richtungen erfolgt: Um 2006 ließen sich Biber auch im Südwesten der Stadt nieder. Die Tiere, die aus dem Einzugsgebiet der Unteren Havel und der Elbe eingewandert waren, bauten eine erste Burg auf der Pfaueninsel. Etwa zur gleichen Zeit tauchten die ersten Biber auch am Müggelsee im Südosten der Stadt auf.

„Die starke Entwicklung der Biber in der Umgebung hat auch Auswirkungen auf Berlin“, sagt Krauß. In Brandenburg leben heute geschätzt wieder rund 4000 Biber. Das Land ist fast flächendeckend besiedelt. Da liegt es nahe, dass die Tiere auch in die mehr oder weniger naturnahen Gebiete der Stadt drängen. Und weil der Zustrom jetzt von drei Seiten erfolgt, fallen auch die Hindernisse nicht mehr so ins Gewicht, die zuvor die Ausbreitung der Nagetiere verlangsamt haben.

Biber bewegen sich am liebsten im Wasser fort. Schleusen und Wehre sind deshalb zum Teil unüberwindbare Hindernisse für sie. So hat die Spandauer Schleuse jahrelang eine Ausdehnung der Biber in Richtung Südwesten verhindert. Besiedelt wurde die Berliner Unterhavel erst mit dem Zustrom der Biber aus dem Einzugsgebiet der Unteren Havel und Elbe.

Eine Familie lebt im Schlosspark Charlottenburg

„Inzwischen sind fast alle Berliner Gewässer, die für Biber halbwegs akzeptabel sind, besiedelt“, sagt Krauß. Ausnahmen bilden die Grunewald-Seen, die keinen Zufluss haben und deshalb von Bibern nur schwer zu erreichen sind.

Schwerpunkte der Verbreitung sind die naturnahen Ufer von Havel und Spree inklusive Müggelsee. „Dort gibt es über viele Jahre die stabilsten Siedlungen“, sagt Krauß. Andere Gewässer wie die zahlreichen Kanäle der Stadt werden ebenfalls angenommen. Allerdings ist dort die Fluktuation bedeutend größer.

Einige Familien haben auch die großen Parks der Stadt erobert. Aus den Gondeln, die in Hellersdorf in luftiger Höhe über das Gelände der Gärten der Welt gleiten, blickt man runter auf die Wuhle - und direkt auf eine Biberburg.

Im Tiergarten haben die Nager 2018 für Schlagzeilen gesorgt, weil ein Teil der Gewässer trockengefallen war. Verantwortlich dafür waren einige Staudämme, die im Bereich des Neuen Sees für höhere Wasserstände sorgten. Damit reagierten die Tiere vermutlich auf die lang anhaltende Trockenheit, durch die die Tiergartengewässer auszutrocknen drohten: Sie wollten sich einfach ein paar Flächen angenehm feucht halten.

Auch im Schlosspark Charlottenburg tummelt sich eine Biberfamilie, die man im Sommer in der Dämmerung ab und zu von der Bogenbrücke am Ende des Karpfenteiches beobachten kann. Nach anfänglicher Skepsis hat sich die Parkverwaltung dort mittlerweile mit den Bibern arrangiert, zum Glück, wie Krauß findet: „Wenn Biber und andere Wildtiere sich in den Stadtparks wohlfühlen, ist das doch eine schöne Gelegenheit für die Berliner, vor der eigenen Haustür in Kontakt mit der Natur zu kommen.“ Größere Schäden durch die Nagetiere sind ohnehin nicht zu befürchten. „In den 90er Jahren, als die Berliner noch nicht an Biber gewöhnt waren, haben die Tiere in Kleingärten oder Parks mal ein paar Bäume gefällt, mehr nicht“, sagt Krauß.

Wenn man weiß, dass Biber im Gebiet unterwegs sind, kann man die Stämme einfach schützen, indem man sie mit einem Maschendraht umwickelt. Dann können die kräftigen Zähne gar nicht erst zum Nagen ansetzen. Auch die Fähigkeit der Biber, Dämme zu bauen, wird nur selten zum Problem. Gebaut wird ohnehin nur in Ausnahmefällen. Wenn der Wasserspiegel plötzlich sinkt und der Eingang zur Biberburg trocken zu fallen droht.

Die Nahrungsquellen werden wieder knapp

Für die Zukunft rechnet der Biberexperte eher nicht mit einer weiteren Zunahme der Biberbestände. „Während an den naturnahen Ufern von Havel und Spree die Population ziemlich stabil ist, ist die Fluktuation an den weniger günstigen Standorten schon jetzt ziemlich hoch“, sagt Krauß.

An den künstlichen Gewässern, die ohnehin nicht so dicht mit Bäumen bestanden sind, haben die Biber ihre Lieblingsbäume (vor allem Zitterpappeln und Weiden) schon lange gefällt und aufgefressen. Auch die Schifffahrtsverwaltung sorgt an den Ufern der Wasserstraßen gerne für zu viel Ordnung und beseitigt Bäume und Sträucher. „Irgendwann wird der Weg zur Nahrung für die Tiere zu weit. Dann räumen sie die Gebiete wieder“, sagt Krauß.

Es gibt ein paar einfache Mittel, mit denen man den Bibern im Stadtgebiet helfen könnte: Wenn ein Teil des Grünschnitts, der bei der Gewässer- oder Parkpflege anfällt, am Ufer abgelegt statt abtransportiert würde, hätten die Biber eine wichtige zusätzliche Nahrungsquelle. Im Schlosspark Charlottenburg wird das bereits so praktiziert. Auch Ausstiegshilfen an künstlichen Ufern, die von Fischottern und Bibern genutzt werden können, sind so eine Maßnahme. Bislang gibt es nur eine einzige am Friedrichshainer Ufer der Spree.

Grundsätzlich aber dürfte das Leben der Biber in Berlin in Zukunft eher komplizierter als leichter werden. Die Stadt wächst. Jedes Jahr werden es rund 40.000 Berliner mehr. Besonders begehrt sind Grundstücke am Wasser, zum Beispiel an der Rummelsburger Bucht. Früher blieb zwischen Neubauten und Wasser oft noch ein breiter Uferstreifen, der von Menschen und Wildtieren gleichermaßen genutzt werden konnte. Heute wird immer öfter fast direkt ans Wasser gebaut, so dass kein Platz mehr für Biber und n erholungssuchende Berliner bleibt.

Um so wichtiger, dass die Biber nicht aus den großen Stadtparks vertrieben werden. Dort sind sie wenigstens vor dem zunehmenden Nutzungsdruck sicher.