Eine Frau mit einer Schutzmaske vor dem Mailänder Dom. (Symbolbild)
Foto: AFP/Andreas Solaro

BerlinEs ist besetzt. Seit drei Stunden schon wähle ich alle zehn bis zwanzig Minuten die 030/90282828. Die einzige Nummer, die die Senatsgesundheitsverwaltung bis zum frühen Mittag auf ihrer Homepage angegeben hat. Die Nummer, unter der mir Experten verraten sollen, ob ich ein Corona-Verdachtsfall bin. Ob ich ins Großraumbüro arbeiten gehen kann, wo mich nur zwei Meter von meinen Kollegen trennen. Oder ob ich zum Arzt gehen soll. Doch es ist hoffnungslos. Die Leitungen sind dicht.

Am Sonntag hat die Senatsverwaltung für Gesundheit die Empfehlung herausgegeben, dass Menschen, die in den vom Ausbruch der Lungenkrankheit Covid-19 in Norditalien betroffenen Regionen waren und nach Berlin zurückkommen, sicherheitshalber einen Arzt oder die Corona-Hotline der Verwaltung kontaktieren sollen. Außerdem sollten auch Personen, die „Kontakt zu jemandem aus dem betroffenen Gebiet“ hatten, eine „telefonische Abklärung vornehmen lassen.“.

Das teilte Lena Högemann, Pressesprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, der Deutschen Presseagentur am Sonntag auf Nachfrage mit. Eine Pressemitteilung dazu findet sich nicht auf der Homepage der Verwaltung. Nach Verbreitung über das Agentur-Netzwerk wurde die Nachricht dennoch wie üblich von fast allen Berliner Medien gemeldet.

Doch mit ihrer in wenigen Sätzen verbreiteten Mitteilung geht die Senatsverwaltung weit über das hinaus, was Experten raten.

Vier Tage Urlaub in Neapel - bin ich ein Verdachtsfall?

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, dass zwei Gruppen sich entweder bei ihrem Gesundheitsamt melden oder einen Arzt aufsuchen sollen: Menschen, die mit einer „in Italien an COVID-19 erkrankten Person einen persönlichen Kontakt“ hatten. Oder jene, die selbst die beiden betroffenen Regionen in Norditalien bereist haben – allerdings nur, wenn sie „innerhalb von 14 Tagen nach der Rückreise Fieber, Husten oder Atemnot entwickeln“.

Übersicht über die gemeldeten Corona-Infektionen weltweit.
Foto: BLZ

Ich erhielt die Meldung von der Empfehlung der Verwaltung am Sonntagabend per Push-Nachricht von der Berliner Morgenpost auf mein Handy – am Flughafen von Neapel, wo ich mit Hunderten anderen auf meinen Rückflug nach Berlin wartete. Vier Tage Urlaub mit Freunden lagen hinter mir. Neapel liegt in Süditalien, nicht in den betroffenen Regionen Lombardei und Venetien, wo der Karneval abgesagt und ein Gebiet mit 50.000 Einwohnern abgeriegelt wurde.

Nach der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts bin ich kein Verdachtsfall, bräuchte nichts zu unternehmen. Doch für die Senatsgesundheitsverwaltung ist nicht entscheidend, wo ich selbst war. Sondern auch, mit wem ich Kontakt hatte.

Abgeriegelte Orte in Italien.
Grafik: BLZ/Galanty, Quelle: Italienisches Gesundheitsministerium

Damit sollte auch ich mich beim Amt oder Arzt melden. Ebenso wie alle Reisenden, die von den 20 großen und mehr als ein Dutzend kleineren Flughäfen in Italien abheben. Denn ich habe vier Tage lang in Italien verbracht. Habe Hände geschüttelt, in Restaurants mit Kellnern mit Limoncello angestoßen, Küsschen links und rechts gegeben. Es ist mir schlicht unmöglich auszuschließen, dass jemand dabei war, der gerade aus den betroffenen Gebieten kam.

Senatsgesundheitsverwaltung: Auch symptomfreie Rückkehrer sollen sich melden

Die Berliner Verwaltung geht mit ihrer Einschätzung auch über die Haltung der Bundespolitik hinaus. Der Bundesgesundheitsminister hält sich mit Warnhinweisen in Bezug auf Italien zurück. Jens Spahn (CDU) sagte am Montag zwar, man müsse damit rechnen, dass sich die Epidemie auch in Deutschland ausbreite. Er riet zu häufigem Händewaschen, will Reisende in Zukunft noch besser informieren. Ein verhältnismäßiges und transparentes Vorgehen der Behörden aber, so Spahn, sei das beste „Gegenmittel gegen eine solche Epidemie“. „Theoretisch denkbar ist vieles, praktisch umsetzbar ist dann schon deutlich schwieriger“, so Spahn. „Die viel spannendere Frage ist: Ist es notwendig? Ist es angemessen?“

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Auf Nachfrage der Berliner Zeitung erklärt Högemann, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, dass für das Land Berlin der Bevölkerungsschutz „an erster Stelle“ stehe und man deswegen schon mit der Empfehlung, dass sich symptomfreie Rückkehrer aus betroffenen Regionen melden sollen, über die „derzeit geltenden Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hinaus“ gehe.

Nach wiederholter Nachfrage, ob die Verwaltung bei ihrer Einschätzung bleibe, dass auch Personen sich melden sollen, die nie selbst dort waren, lediglich Kontakt zu Personen von dort hatten, formuliert die Verwaltung am Montagabend plötzlich um. Für diese Menschen gelte: Ihnen stünde ihr Hausarzt zur Verfügung, „wenn sie Symptome haben oder sich Sorgen machen“.

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Da ist es schon zu spät. Ich bin nicht ins Büro gegangen. Nach drei Stunden Besetztzeichen auf der Corona-Hotline der Verwaltung habe ich den Patientenservice angerufen. 20 Minuten hänge ich in der Warteschleife. „Sie müssen keine Panik haben“, sagt eine Ärztin zu mir. „Sie gehören nicht zu den als Risikokontakt identifizierten Menschen.“