Bettina Mutschler, Rainer Wohlfarth und ihr Hund: Alle drei arbeiten als Therapeuten. 
Foto: Peter von Felbert

BerlinStressgeplagte Großstädter bekommt das Ehepaar Mutschler-Wohlfarth oft zu sehen: Am Rande des Schwarzwalds, im Kurort Sasbachwalden, mitten in den Weinbergen, therapieren sie solche mithilfe ihrer Tiere. Ein Interview mit dem Psychotherapeuten Rainer Wohlfarth über ihr Buch „Die Heilkraft der Tiere“. 

Berliner Zeitung: Herr Wohlfarth, sind Tiere die besseren Therapeuten?

Rainer Wohlfarth: Nein, auf keinen Fall. Aber sie ergänzen die Therapie, die wir machen, oft sehr gut.

Wie funktioniert das? Ich komme zu Ihnen in die Therapie und Sie sitzen da mit Ihrem Hund?

So ähnlich. Wer sich bei mir als Psychotherapeut oder bei meiner Frau als Coach anmeldet, kann ganz normal die Therapie durchlaufen. Die Tiere setzen wir immer dann ein, wenn wir nicht weiterkommen - und dann geht es oft schnell, bis wir Ergebnisse erzielen. Meist in fünf bis sechs Sitzungen.

Katzen gehen deutlich früher in Rente als Hunde

Welche Ergebnisse sind das? Wie können Tiere heilen?

Wenn wir sie als Co-Therapeuten einsetzen, sehen wir den Effekt, dass Tiere Mimik, Gestik und Stimmung viel feiner und eindeutiger aufnehmen. Patienten können sich dann besser öffnen. Außerdem gehen Tiere unvoreingenommener auf Personen zu, weil sie nicht in menschlichen Schubladen denken. Wir haben oft bestimmte Vorstellungen von jemandem. Tiere dagegen sind unvoreingenommen. Sie ergänzen insofern das Mängelwesen Mensch und sind einfach eine andere Art von Therapeut als wir.

Sie beschreiben in Ihrem Buch Fälle, in denen Ihre Tiere Menschen geholfen haben, etwa bei Depressionen, Demenz, Autismus, Traumata oder ADHS. Aber Sie sagen, auch die ganz normalen Haustiere beugen Krankheiten vor und helfen damit, Arztkosten zu sparen.

Leider sind wir nicht mehr ständig umgeben von Tieren wie unsere Vorfahren. Aber unsere ganz normalen Haustiere haben auch ganz viele Auswirkungen auf uns. Viele Hunde- und Katzenbesitzer kennen das: Tiere wirken wie ein Stresspuffer. Allein die Anwesenheit eines entspannten Tieres kann wie ein Reset-Knopf sein, psychisch und physisch. Das beugt etwa Herz-Kreislauferkrankungen vor. Wir wissen außerdem, dass das Kuschel-Hormon Oxytocin Einfluss auf die Stressachse hat. Streicheln und Kuscheln wirken deutlich stressreduzierend. So ersparen Tierbesitzer dem Gesundheitssystem Millionen, auch dazu gibt es Studien. Und gerade zu Corona-Zeiten hilft uns der Kontakt zu einem Haustier, mit dem ich sprechen kann. Mit dem Hund kann ich raus und auch durch ihn wieder soziale Kontakte knüpfen.

Was ist mit Katzen?

Katzen können als Haustiere für ihre Halter sehr wertvoll sein. In der Therapie geben sie aber oft nach zwei bis drei Jahren ihre Arbeit auf und gehen dann in Rente. Eine Kollegin, die in einem Therapiezentrum Katzen einsetzt, hat inzwischen etwa 30 Rentnerkatzen, weil die irgendwann keine Lust mehr hatten. Hunde sind weniger eigenständig und arbeiten in der Regel sehr gerne mit Menschen. Sie sind auch schon viel länger domestiziert.

Sie sprechen sich dezidiert gegen den Einsatz von Wildtieren aus, zu denen auch Delfine gehören. Sie selbst arbeiten mit einem Hund, einer Katze und mittlerweile vier Eseln. Wie sind Sie auf den Esel gekommen?

Wir haben uns angeschaut, was unsere Patienten mehrheitlich brauchen. Zu uns kommen viele mit Burnout, da ist es oft wichtig, Grenzen setzen zu lernen. Es geht auch um Nähe und Distanz sowie um Themen wie Führen und Geführtwerden. Wir hätten auch Pferde nehmen können, aber meine Frau ist Eselliebhaberin. Esel haben diese besondere Ruhe und wirken oft etwas störrisch. Aber das sind sie gar nicht. Sie sind nur sehr vorsichtig. Wenn etwas unklar ist, bleiben sie einfach stehen. Als Eselführer muss ich also sehr klar sein. Viele Manager sind sprachlich klar, körperlich aber uneindeutig.

Was genau lernen Manager bei Ihnen von Eseln?

Einen Esel zuzuquatschen, funktioniert nicht. Außerdem haben viele Menschen große Hemmungen, ihre Bedürfnisse zu äußern, sind aber beleidigt, wenn diese nicht erfüllt werden. Esel dagegen zeigen ihre Bedürfnisse sehr deutlich, sind aber nicht beleidigt, wenn sie nicht erfüllt werden. Es geht darum, Dinge an sich zu entdecken, die vorher nicht bewusst waren.

Foto: Peter von Felbert
Zur Person


Rainer Wohlfarth, Jahrgang 1960, gehört zu den führenden Vertretern in der tiergestützten Therapie. Der Psychotherapeut mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Neuropsychologie arbeitet mit seiner Frau Bettina Mutschler in eigener Praxis am nördlichen Rande des Schwarzwaldes. Mutschler, geboren 1968, ebenfalls Spezialistin für tiergestützte Therapie, leitet eine Schule zur bindungsgeleiteten Hundeerziehung und gibt bundesweit Seminare.

Ihr gemeinsames Buch heißt „Die Heilkraft der Tiere. Wie der Kontakt mit Tieren uns gesund macht“ (btb). Darin erläutern die Autoren auf wissenschaftlicher Basis und mit Humor, dass die Heilkraft von Tieren nichts mit Esoterik zu tun hat: Tiere beeinflussen Menschen über grundlegende neuronale, physiologische und hormonelle Prozesse, die sich in unserer gemeinsamen Evolution herausgebildet haben. Wichtig ist beiden Autoren ein ethisch vertretbarer Einsatz von Tieren, der Wildtiere ausschließt.  

Sich mit einem Esel zu vergleichen, kann also helfen, weil es einfacher ist, als sich mit einem Menschen zu vergleichen?

Absolut. Wir schaffen mit den Tieren Erlebnisräume, dadurch verknüpfen sich Neuronen im Hirn neu. Ich als Therapeut kann dann ergänzend eingreifen und etwa fragen: Was würde es bedeuten, Bedürfnisse von Mitarbeitern ernst zunehmen? Oder: Was würde es bedeuten, meinem Chef zu sagen, ich mache das nicht? Oder es geht darum, einen Weidezweig zu verteidigen. Die Esel wollen den leckeren Weidezweig unbedingt haben, und sie können untereinander ganz schön körperlich werden. Auch da kann ich lernen, Grenzen zu setzen. Mir zu erlauben, körperlich zu werden, Raum einzufordern. Oder man sitzt zwischen zwei Eseln, die dann Kontakt aufnehmen. Dann geht es darum: Kann ich Nähe zulassen?

Bettina Mutschler mit ihrem Co-Therapeuten in den Weinbergen: Esel können Patienten mit ihrer vorsichtigen Art besonders gut helfen. 
Foto: Peter von Felbert

Und wenn man keine Esel oder gar keine Tiere mag?

Ich kann die tiergestützte Therapie nicht mit jedem machen. Genau wie eine Tanztherapie, Maltherapie oder Musiktherapie nicht für jeden geeignet ist. Aber es gibt auch erstaunliche Ergebnisse mit Leuten, die vorher keine Tiere mochten. Zum Beispiel ein Patient, der mit niemandem etwas zu tun haben wollte, auch nicht mit Tieren. Bei uns hat er sich dem größten Esel bald sehr nahe gefühlt und Gefühle geäußert, die er sonst nicht offenbart hätte. Inzwischen ist er verheiratet und glücklicher Vater. Es sind immer viele kleine Dinge, die zu Veränderungen führen. In diesem Fall scheint die tiergestützte Therapie ein Stückchen mit dazu beigetragen zu haben.

Sie schreiben, dass Tiere für Kinder geradezu Entwicklungshelfer sind. Wobei helfen Haustiere Kindern?

Vor allem bei der Empathie. Tiere sind die besten Entwicklungshelfer für Empathie, die ich mir vorstellen kann. Sie machen ihre Bedürfnisse deutlich klar und das Kind merkt: Wenn ich mit ihm auskommen und es verstehen will, muss ich mich in das Tier hineinversetzen. So lernen sie die Gefühlssprache des anderen. Außerdem lernen sie, Verantwortung zu übernehmen für ein Lebewesen, das von ihnen abhängig ist. Allerdings nur, wenn die Eltern auch gut mit dem Tier umgehen. Eltern sind immer das Vorbild. Nach einer US-Studie sind Gefängnisinsassen heute außerdem öfter an der frischen Luft als das amerikanische Durchschnittskind. Tiere sind Natur, durch sie können wir ihr wieder näherkommen. Und Kinder sind biophil, also sehr naturverbunden. Kinder, die Haustiere haben, werden von ihren Kameraden als sympathischer und offener eingeschätzt.

Haben Sie Tipps für Tierbesitzer oder solche, die es werden wollen?

Man sollte die Mensch-Tier-Beziehung nicht nur vom Menschen her denken. Wir sind immer dafür verantwortlich, dass es auch dem Tier gut geht. Vor der Anschaffung sollte man gut überlegen, ob ein Tier bis zu 15 Jahre dauerhaft in die eigene Lebenswelt passt. Dazu gibt es Checklisten im Netz, mit Kosten und Anforderungen, etwa vom Tierschutzbund. Gerade bei Hunden gehe wir noch viel zu sehr nach dem Äußeren. Wir sollten uns mehr für die rassetypischen Bedürfnisse interessieren. Nur wenn es Mensch und Tier miteinander gut geht, ist die Beziehung für beide Seiten gesund.