„Ich arbeite als Hebamme, weil ich es kann. Mit Heldentum hat das nichts zu tun“, sagt unsere Kolumnistin.
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Berlin„Wir holen die Heldin vom Flughafen ab“, schreiben meine Freundinnen in unserer kleinen WhatsApp-Gruppe „It’s hot in Africa“. Abholen vom Flughafen ist eine der schönsten Gesten in einer Freundschaft, selbst wenn man nur einen Tag weg war. Da steht jemand, der einen erwartet, wie schön.

Doch so schön es ist, Freunde am Flughafen zu wissen, stört mich die Heldin im Text. Keine einzige Sekunde habe ich mich als Heldin gefühlt im Krankenhaus am anderen Ende der Welt. Ich hatte nur ein Mal einen Tschakka-tschakka-Moment, in einer Nacht, als wir durch die gute alte Hebammenhandwerkskunst einer Mutter und ihrem Kind das Leben retten konnten. Das war reine Freude, aber kein Heldenmoment. Warum fahre ich in ein solches Land und arbeite dort?, werde ich oft gefragt. Weil ich es kann.

Ich bin Hebamme und kann überall auf der Welt arbeiten. Ich wurde auf der besseren Seite der Erdkugel geboren. Eine privilegierte und sichere Kindheit und eine gute Ausbildung waren eine Selbstverständlichkeit. Dann fiel die Mauer, und die Welt eröffnete sich mir, auch als Hebamme. Darum arbeite ich dort, weil ich es kann. Mit Heldentum hat das nichts zu tun. Ich muss für eine begrenzte Zeit meine Komfortzone verlassen, bin immer gut und sicher aufgehoben. Ich werde gut vorbereitet und werde für meine Arbeit bezahlt.

Die einzige Gefahr in Afrika bestand darin, bei einem Autounfall verletzt zu werden. Das ist dort ein sehr häufiger Verletzungsgrund. Passieren kann mir das aber auch auch hier in Berlin. Mein Pass und mein damit verbundener Status sichern mir eine sichere Rückreise, wann immer ich ausreisen möchte. Immer noch kein Heldenmoment.

Als eines Nachts zwei leblose Babys auf dem Wickeltisch vor mir lagen und ich mich entscheiden musste, welches ich wiederbeleben würde, um am Ende doch beide Kinder zu verlieren, schwindet auch der kleinste Teil an Mut, den ich mitbrachte, um vielleicht einen Unterschied zu machen mit meiner Arbeit. Heimliche Antiheldentränen helfen mir durch die Nacht.

Über die wahren Helden spricht keiner, und deren Geschichten werde ich erzählen. Von Roda, Alexander, Jerome, Elizabeth, Angelina und all den anderen, die im Krieg ihre Hebammenausbildungen zu Ende brachten, vor Krieg und Gewalt flüchteten und nun im Flüchtlingscamp leben und im Krankenhaus am Ende der Welt arbeiten. Für sie gibt es keine Rückreise, keine Zukunft, so sehr sie sich auch bemühen, auch wenn es keine Mauer gibt im Südsudan, sie sind dort gefangen. Wenn ich wieder hier in meiner Komfortzone bin, wird eine andere Hebamme kommen, und so wird es weitergehen.

Sie empfangen mich mit Herzlichkeit, Wärme und einer Offenheit, die mich berührt. Wir leben in unterschiedlichen Welten und sind Hebammen. Das ist eine Verbindung, die uns zusammenhält. Als ich krank werde im Südsudan und meine Abreise sehr schnell und unverhofft kommt, besuchen sie mich, um sich zu verabschieden, meine Helden. Es fließen Tränen des Abschieds, denn unsere Zeit hat gerade begonnen. Als ich in der kleinen Propellermaschine fliege und von oben herab das Krankenhaus sehe und weiß, dass ich sie zurücklassen muss, bricht es mir fast das Herz, mein Hebammenherz.

Ich konnte so viel von ihnen lernen und erfahren, auch über mich und warum es gut ist, genau dort zu arbeiten. Sie haben mich viel gelehrt über Toleranz der Andersartigkeit, des Nicht-Besserwissens, nur weil ich eine andere Chance hatte im Leben, und was ein Held sein kann. Ich bin es nicht, aber ich komme wieder, um sie zu unterstützen im Krankenhaus am anderen Ende der Welt.