Bin ich noch ganz gesund, wenn ich auf einen Trickdieb hereinfalle?

Suggestibilität ist, wenn man selbst den größten Blödsinn glaubt. Unseren Autoren kostet sie 20 Euro und einen Einkaufszettel.

Wurde er bestohlen? Ein Mann zählt das Geld in seinem Portemonnaie nach.
Wurde er bestohlen? Ein Mann zählt das Geld in seinem Portemonnaie nach.imago/Tobias Ott

Es ist schon wieder passiert. Ich habe mir selbst eine Diagnose gestellt ­­– Suggestibilität. Und das kam so: Ich wurde bestohlen, Tatort Mühlenberg-Center in Pankow, es geschah am helllichten Tag. Ein Typ sprach mich von schräg hinten an, als ich gerade mein Fahrrad anschließen wollte. Er hatte einen starken Akzent, sagte irgendetwas von „Kleingeld“ und „helfen“ und „zwanzig Cent“.

Im Sinne der Völkerfreundschaft kramte ich mein Portemonnaie aus der Jackentasche und fummelte zwei Münzen hervor, was den Mann aber nicht zufriedenstellte. Im Gegenteil: Er schien richtig zornig werden zu wollen, sagte mit Nachdruck „Praxis“, „Arzt“ und „anrufen“.

Merkwürdig, es war Sonnabend und der letzte Münzfernsprecher der Stadt vor kurzem abgeschaltet worden. Merkwürdig auch, dass der Typ die ganze Zeit einen Streckenplan der BVG in einer Hand hielt, darauf mit dem Daumen einen Euro fixierte und ständig versuchte, damit mein Portemonnaie zu verdecken. Andere Länder, andere Sitten, dachte ich zunächst, sagte dann aber, dass ich jetzt Besseres zu tun hätte. Ich sagte: „Und tschüss!“

Dass ein Zehner halb aus dem Fach für die Scheine herausschaute, führte ich auf meine eigene Schlampigkeit zurück. Beruhigt stellte ich zudem fest, dass Geldkarte, Ausweis und Fahrerlaubnis noch vorhanden waren. Der Einkauf konnte also wie geplant beginnen.

Dummerweise fand ich meinen Einkaufszettel nicht, war mir allerdings sicher, ihn – ins Portemonnaie gesteckt zu haben! Ich zählte erst mein Geld und anschließend eins und eins zusammen: Es fehlten 20 Euro. Der Typ hatte mich beklaut. Er hatte leichtes Spiel, weil ich ihm die dahingestammelten Ausflüchte abkaufte.

Das war doch nicht normal. So viel stand fest. Zu diesem Ergebnis gelangte wenig später auch meine Symptom-Analyse im Internet. Die Suchbegriffe „naiv“ und „krankhaft“ führten mich auf eine Seite namens „persoenlichkeitsstoerung.org“ oder „.com“ oder so. Die setzte mir auseinander, dass ich an ebenjener Suggestibilität litt. Oder laienhaft formuliert: Ich glaubte selbst den größten Schwachsinn.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Hypochonder-Glosse
Christian Schwager ist Redakteur für Gesundheit und schreibt alle zwei Wochen an dieser Stelle über seine eingebildeten Krankheiten.

Je eingehender ich mich mit dem Krankheitsbild befasste, desto mehr veränderte sich der Blick auf mein Leben: Bei Heranwachsenden, teilte mir die Seite zum Beispiel mit, ist die Suggestibilität stärker ausgeprägt, was erklären würde, warum ich oft für jünger gehalten werde, als ich bin. Dass ich Meinungsmache und Werbung besonders aufgeschlossen gegenüberstehe, dürfte sich spätestens im Februar bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus bestätigen.

Suggestibilität: Wenn Pan Tau ins Portemonnaie greift

Zu meiner Verteidigung konnte ich immerhin die Homepage einer Zeitschrift für Männergesundheit heranziehen, der zufolge sich die Suggestibilität mit zunehmender Müdigkeit erhöht. Tatsächlich setzte mir an diesem Sonnabendvormittag eine gewisse Schläfrigkeit zu. Außerdem ließ sich nicht ausschließen, dass mich das Gestammel in eine hypnotische Trance versetzte und zum willenlosen Opfer machte. Der Typ war womöglich ein international anerkannter Psychotherapeut, der sich am Wochenende vor Berliner Einkaufspassagen ein paar Euro dazuverdiente. Oder er war eine Art Pan Tau.

Ich warte ja immer noch auf seinen Anruf. Denn neben den 20 Euro und dem Einkaufszettel hat Pan Tau auch eine meiner Visitenkarten aus dem Portemonnaie gezaubert. Bestimmt meldet er sich demnächst, um zu fragen, ob ich die Milch lieber vollfett oder fettarm haben möchte und was genau mit vegetarischem Aufstrich gemeint ist.

Ja, ich weiß: Ich halte jeden Blödsinn für möglich.