Berlin - Der Dezember 2020 wird wohl als derjenige Monat in Erinnerung bleiben, in dem es Zulassungen hagelte. Vor allem für die Mainzer Firma Biontech und ihren Corona-Impfstoff, den sie zusammen mit Pfizer zur Marktreife brachte, läuft es richtig gut. Am 2. Dezember erhielt ihr RNA-Vakzin BNT161b2 die weltweit erste Zulassung in Großbritannien, eine Notfallzulassung zwar, aber immerhin. Eine Woche später zog Kanada nach mit einer „vorläufigen Genehmigung für die Notfallverwendung“. Nun der endgültige Ritterschlag: Die generell als streng geltende Behörde FDA hat für das Mittel auch in den USA eine Notfallzulassung erteilt.

Damit erhalten auch die USA den ersten Impfstoff. FDA-Chef Stephen Hahn bezeichnete das Ereignis als „Meilenstein im Kampf gegen die verheerende Pandemie“ und betonte, dass der Begutachtungsprozess mit äußerster Sorgfalt erfolgt sein. Die Zulassung gilt für Personen ab 16 Jahren. 25 Millionen Impfdosen wollen Biontech und Pfizer noch in diesem Jahr liefern. So ist es zumindest vereinbart.

Nur in Europa müssen sich die meisten Länder noch gedulden. Hier läuft die Prüfung durch die European Medicines Agency (EMA) noch. Parallel bearbeitet man dort die Zulassungsunterlagen für weitere Impfstoffe: einen Vektorimpfstoff, den AstraZeneca zusammen mit der Oxford University entwickelt hat, und einen weiteren RNA-Impfstoff der US-Firma Moderna.

Der Tag, der die Wende brachte, war der 9. November 2020. Seitdem gab es gute Gründe zu erwarten, dass ein Impfstoff gegen die Corona-Pandemie machbar und in Reichweite ist. Noch dazu schien es möglich, hochwirksame Mittel zum Schutz gegen Covid-19 zu entwickeln. Am 9. November verkündete die Firma Biontech aus Mainz zusammen mit dem Pharmakonzern Pfizer der Welt ihre ersten Ergebnisse aus den großen klinischen Studien der Phase III – per Pressemitteilung. Und es klang fast zu gut, um wahr zu sein: Der RNA-Impfstoff habe eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent auch in der älteren Probandengruppe und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Die FDA und ein unabhängiges Expertengremium haben die vorliegenden Daten der Phase-III-Studie gesichtet, die am Donnerstag im Fachjournal New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden. An dieser großen klinischen Studie nahmen 44.000 Probanden teil. Die Hälfte davon erhielt den Impfstoff (Verum), die andere eine Scheinimpfung (Placebo). Primäres Ziel der Studie war es zu beobachten, ob Covid-19-Erkrankungen in der Gruppe der tatsächlich Geimpften seltener auftreten. Weil die FDA den Zulassungsprozess transparent gestaltet, sind die für die Zulassung relevanten Dokumente auch der Öffentlichkeit zugänglich. Laien können damit wenig anfangen, für Experten aber sind diese Dokumente eine Fundgrube für nähere Erkenntnisse über die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen des Impfstoffs.

„So sieht ein Zeugnis voll mit der Note 1+ für einen Impfstoff aus“, sagte Akiko Iwasaki, Immunologin an der Yale University, der Zeitung New York Times. Und auch deutsche Experten sind angetan. „Insgesamt kommt die FDA zu einem positiven Urteil hinsichtlich des Nutzen-/Risikoprofils von BNT162b“, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing in einem Statement für das deutsche Science Media Center. Der Mehrwert der Impfung sowohl für das geimpfte Individuum als auch durch den graduellen Aufbau einer Herdenimmunität in der Bevölkerung sei unstrittig.

Voller Impfschutz sieben Tage nach der zweiten Impfung

Die Analysen beruhen auf einer Zwischenauswertung, nachdem insgesamt 170 Covid-19-Fälle aufgetreten sind. Acht davon ereigneten sich in der Impfgruppe, 162 in der Placebogruppe. Aus diesem Unterschied errechnet sich die Impfeffektivität von 95 Prozent, was die FDA als hochwirksam wertet. Generell wurden zwei Dosen des Impfstoffs im Abstand von drei Wochen gespritzt. Die Daten deuten auch darauf hin, dass der Impfstoff bereits nach der ersten Dosis einige Fälle von Covid-19 verhindern kann – und zwar mit einer Effizienz von 52 Prozent. Der volle Impfschutz baut sich sieben Tage nach der zweiten Impfung auf.

Was Clemens Wendtner positiv auffällt, ist die Tatsache, dass die Wirksamkeit bei älteren Patienten im Alter zwischen 64 und 74 Jahren mit 92,9 Prozent nur leicht niedriger ist als die insgesamt festgestellte von knapp 95 Prozent. „Bei mehr als 800 Patienten jenseits des 75. Lebensjahres trat in der Verum-Gruppe keine Covid-19 Erkrankung auf“, sagt der Medizinprofessor. Auch bei den 58 Probanden im Alter zwischen 16 und 17 Jahren habe BNT162b einen vollständiger Schutz bewirkt. „Insgesamt zeigte sich daher eine sehr hohe Schutzwirkung der Vakzine über alle Altersgruppen“, sagt Wendtner.

Ein weiteres Plus: Auch bei Patienten mit Risikofaktoren wie Adipositas, Diabetes, Lungenvorerkrankungen oder anderen Begleiterkrankungen hätten sich keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit des Impfstoffes ergeben. „Einschränkend muss man jedoch sagen, dass Probanden mit einem eingeschränkten Immunsystem zum Beispiel aufgrund einer HIV-Infektion oder einer Tumorerkrankung in der Studie unterrepräsentiert waren und daher keine belastbaren Daten zu diesen Subgruppen vorliegen“, sagt Wendtner.

Wenige Nebenwirkungen

Die Analyse der Zulassungsdaten ergab weiterhin erfreulich wenige Nebenwirkungen des RNA-Impfstoffs, der eine völlig neue Technologie darstellt. Schmerzen in der Einstichstelle, Müdigkeit und Kopfschmerzen waren die drei häufigsten Nebenwirkungen. „Interessanterweise zeigten sich schwerwiegende Nebenwirkungen häufiger nach der zweiten Impfdosis und vermehrt bei Probanden, die jünger als 55 Jahre alt waren“, sagt der Münchner Infektiologe.

Bei vier Personen in der Gruppe, die den Impfstoff erhielt, trat eine Lähmung eines Gesichtsnervs, eine sogenannte idiopathische Fazialisparese, auf. In der Placebo-Gruppe gab es keine derartigen Vorfälle. Angesichts der Häufigkeit dieser Hirnnervenerkrankung hält Wendtner einen ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung jedoch für fraglich. Denn diese Lähmungserkrankung tritt im Laufe eines Jahres bei 25 pro 100.000 Menschen auf. „Ansonsten ergab sich eine gute Verträglichkeit über alle Altersgruppen und unabhängig von vorbestehenden Erkrankungen“, resümiert Wendtner.

Derweil wurden am Tag zwei der Impfungen in Großbritannien Zwischenfälle nach der Impfung mit dem Biontech-Vakzin bekannt. Zwei Mitarbeiter des nationalen Gesundheitsdiensts NHS mit einer entsprechenden Vorgeschichte hätten eine allergische Reaktion gezeigt, nachdem sie die Dosis erhalten hatten, sagte der NHS-Chef Stephen Powis. Beide erholten sich jedoch gut. Die zuständige Aufsichtsbehörde rät nun vorsichtshalber Menschen mit einer deutlichen Neigung zu Allergien, sich vorerst nicht impfen zu lassen. Gemeint sind Personen, die in der Vergangenheit „signifikante“ allergische Reaktionen – sogenannte anaphylaktische Schocks – auf Medikamente, Lebensmittel oder Impfstoffe gezeigt hätten. Ein Pfizer-Sprecher teilte daraufhin mit: „In der zentralen klinischen Phase-III-Studie wurde dieser Impfstoff im Allgemeinen gut vertragen, ohne dass vom unabhängigen Datenüberwachungsausschuss ernsthafte Sicherheitsbedenken gemeldet wurden.“ Offenbar ist über diese mögliche Nebenwirkung aber noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Wendtner zufolge sind weitere Fragen offen. So sei zu klären, wie BNT162b bei Kindern und jungen Erwachsenen bis zum 15. Lebensjahr wirkt, ob der Impfstoff bei einer asymptomatischen Infektion die Viruslast effizient senkt und ob die Impfung auch unter denen, die nur asymptomatisch erkranken, die Verbreitung des Sars-CoV-2 Virus verhindert. Er erwartet nun, dass sich die EMA weitgehend diesem Urteil anschließen wird, „sowohl aufgrund der positiven Faktenbasis der Studie als auch aufgrund des hohen politischen Interesses einer baldmöglichst verfügbaren Corona-Impfung auch in Europa“, sagt er. Bernd Salzberger, Infektiologe am Universitätsklinikum Regensburg, sieht das ähnlich: „Ich vermute, dass die Europäische Behörde EMA diese Daten trotzdem sehr genau selbst prüfen wird, aber zu einem ähnlichen Ergebnis kommen wird. Da auch die EMA ein Rolling-Review der Daten seit Oktober durchführt, könnte bei ähnlicher Einschätzung der Daten dies auch zu einer rascheren Zulassung führen.“

Von der EMA gibt es bislang keine Anzeichen dafür. Am 29. Dezember ist ein Treffen mit allen Arzneimittelbehörden der 27 EU-Mitgliedsstaaten angesetzt. Dann solle die Entscheidung über die Zulassung des ersten Corona-Impfstoffes in der EU fallen, sagte EMA-Direktorin Emer Cooke im niederländischen Fernsehen. Bis dahin würden die Experten Tag und Nacht die Testergebnisse prüfen. Es würden „keinerlei Zugeständnisse“ bei der Sicherheit gemacht, betonte die Direktorin.

Die EMA beurteilt unter anderem auch den Impfstoff des Pharmakonzerns Moderna. Dazu wird eine Entscheidung über die Zulassung für den 12. Januar erwartet. In den USA könnte es für Moderna dagegen schon vor Weihnachten etwas werden. Die FDA will am 17. Dezember über das RNA-Vakzin der Firma Moderna entscheiden. Wenn das Urteil ebenso gut ausfällt, ist das ein weiteres Signal der Hoffnung am Ende des Ausnahmejahres 2020.

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