Die Beschwerden sind verbreitet, die Therapien vielfältig, die Kosten immens: Rückenleiden sind Volkskrankheit Nummer eins. Rund ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland ist mehr oder minder häufig von Rückenschmerzen betroffen. 26,5 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) wurden nach einer Studie des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) 2012 von Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems verursacht.

Aus Daten des Statistischen Bundesamtes und der Techniker Krankenkasse ergibt sich, dass der Arbeitsausfall durch Rückenerkrankungen die Unternehmen pro Mitarbeiter und Jahr im Schnitt 915 Euro kostet. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Rückenleiden einschließlich des Arbeitsausfalls werden auf mehr als 50 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Es handelt sich mithin um ein veritables Problem.

Und um ein profitables. Des Deutschen Rücken wird durchleuchtet, untersucht, therapiert und operiert, was das Zeug hält, immer häufiger, in immer mehr Krankenhäusern, von immer mehr Ärzten. Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen stieg nach regierungsamtlichen Angaben zwischen 2005 und 2011 um mehr als 100 Prozent von bundesweit 327.000 auf 735.000. Mittlerweile bieten 700 der 2000 deutschen Krankenhäuser solche Eingriffe an, 2006 waren es erst 550. Manche Operationen, etwa das Einsetzen von Bandscheibenprothesen, boomen für wenige Jahre, um dann wegen Wirkungslosigkeit wieder bedeutungslos zu werden.

Überflüssige Operationen

BKK-Chef Franz Knieps vermutet, dass finanzielle Anreize ausschlaggebend für solche Fehlentwicklungen sind: Aufgrund üppig bemessener Vergütungspauschalen, die die Krankenkassen für Bandscheiben-Operationen zahlten, seien Rücken-Operationen ein gutes Geschäft für die Kliniken.

Die These scheint insofern triftig, als dass medizinische Gründe für das ausufernde Rückenoperationswesen nicht erkennbar sind.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass bestenfalls fünf Prozent der schweren Rückenerkrankungen durch chirurgische Eingriffe gelindert werden können. Ulf Marnitz, Facharzt im Berliner Rückenzentrum Markgrafenpark, verweist auf Untersuchungen, denen zufolge ein Jahr nach Eintritt eines Bandscheibenvorfalls der Gesundheitszustand von operierten und nicht operierten Patienten exakt der gleiche war.

Ein großer Teil der Eingriffe ist mithin überflüssig, wie auch eine Analyse der Techniker Krankenkasse (TK) belegt. Gegenstand der Studie waren Zweitmeinungen, die Fachärzte zur Sinnhaftigkeit chirurgischer Eingriffe äußerten. Ergebnis: 87 Prozent der von Arztkollegen empfohlenen Wirbelsäulen-Operationen wurden als überflüssig oder sogar schädlich eingestuft.

Ähnliches gilt offenbar auch für manch anderen Therapieansatz. Marnitz: „In 90 Prozent der Fälle verschwinden die Rückenbeschwerden innerhalb von vier Wochen wieder – und zwar unabhängig davon, ob nun Medikamente verordnet, Spritzen gegeben oder Akupunktur angewandt wurde.“

Häufig psychische Ursachen

Dabei sind nicht alle Therapien wirkungslos oder überflüssig. Es sollten aber die richtigen sein, und das bedeutet im Fall der Rückenleiden: Sie hängen nicht nur von beruflich bedingten Beanspruchungen ab, die für besonders häufige Rückenerkrankungen in der Abfallbeseitigung, Paketzustellung und Metallerzeugung verantwortlich sind. Die Leiden haben oft auch psychische Ursachen, was die hohen Erkrankungszahlen unter Arbeitslosen erklären kann. Eine wirkungsvolle Therapie müsse daher sowohl körperliche Ursachen als auch die soziale Lage und das seelische Befinden in den Blick nehmen, fordert Marnitz.

In den Niederlanden etwa entwickelten Fach- und Allgemeinmediziner, Krankenhäuser, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten gemeinsam individuelle Therapien, mit großem Erfolg: Nach einer Vergleichsstudie zu Rückkehrchancen von Wirbelsäulen-Patienten ins Arbeitsleben waren dort mehr als 70 Prozent der Betroffenen zwei Jahre nach mehrmonatiger Arbeitsunfähigkeit wieder erwerbsfähig. In Deutschland waren es nur 35 Prozent.

Bessere Ergebnisse sind möglich, sagt Marnitz. In einem Modellversuch des Rückenzentrums und der BKK VBU gelang es, Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Rückenleiden erheblich zu reduzieren und die Kosten um 3 200 Euro pro Patient und Jahr zu senken.