Eine kranke Blaumeise, aufgeplustert und mit Luftnot
Foto: Otto Schäfer/Nabu

BerlinSeit Mitte März grassiert eine neue Vogelseuche in Deutschland. Gartenbesitzer beobachten kranke Blaumeisen, die aufgeplustert und schwer atmend herumsitzen. Auf Handyaufnahmen, die Bürger dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) schicken, ist zu sehen, dass die Tiere keinerlei Fluchtreflex mehr haben. Rund 30.000 tote Vögel wurden in Deutschland bereits gemeldet. Die tatsächlichen Todeszahlen sind wahrscheinlich noch viel höher.

„Wir sind von der Heftigkeit der aktuellen Epidemie völlig überrascht worden. Die Krankheit scheint hoch ansteckend zu sein, denn oft finden wir gleich mehrere Tiere an einem Ort“, sagt Lars Lachmann vom Nabu. Der Erreger der Krankheit konnte bereits nachgewiesen werden: Es ist das Bakterium Sutonella ornithocola. Das Bakterium ist nicht ganz unbekannt: Es wurde bereits im Zusammenhang mit kleineren Krankheitsausbrüchen unter Meisenvögeln in Großbritannien und im Jahr 2018 auch in Deutschland gefunden. Unklar ist aber, wie es auf einmal zu dieser großen Häufung von Infektionsfällen kommen kann.

Die Tierpathologin Gudrun Wibbelt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin untersucht daher mit ihrem Team, was die genaue Todesursache der Vögel ist. „Unser Ziel ist es, mehr Licht in das Hintergrundgeschehen der Epidemie zu bringen“, betont Wibbelt. Neben dem Nachweis des Erregers prüft die Tierpathologin den gesamten Gesundheitszustand der Vögel und seziert sie. Sie möchte wissen, welche Schädigungen in den Organen vorliegen.

In den Lungen wird sie fündig: Große Ansammlungen von Bakterien weisen auf eine Lungenentzündung hin. „Das passt gut zu dem, was die Leute berichten“, konstatiert Wibbelt. „Dass die Meisen dasitzen und Atemnot haben und sich richtig aufplustern, weil es ihnen so schlecht geht.“

Gudrun Wibbelt gibt ihre Befunde an Lars Lachmann vom Nabu weiter. Bei ihm laufen alle Informationen zur Seuche zusammen. „Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, die geografische Ausbreitung der Krankheit zu erforschen und zu sehen, wie sie sich im Jahresverlauf entwickelt“, so Lachmann. „Uns interessiert natürlich auch, ob noch andere Vogelarten betroffen sind.“ Über ein Meldeformular auf der Webseite des Naturschutzbundes werden die Vogelfunde erfasst. Auf Basis dieser Daten entsteht eine Gefährdungskarte von Deutschland. Auf ihr ist zu sehen, dass die Hotspots der Epidemie vor allen im Westen Deutschlands liegen – in den Landkreisen von Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hessen. Doch betroffen sind inzwischen alle Bundesländer.

Der Naturschutzbund gibt auch Empfehlungen, wie die Vögel vor der Ansteckung geschützt werden können. Gartenbesitzer in Gegenden mit Todesfunden sollten vor allem Vogeltränken und Futterstellen entfernen. Lachmann erklärt: „Jetzt um diese Jahreszeit sind die Vögel eigentlich extrem territorial und normalerweise nur als Brutpaare zusammen, ohne dass sie die Nachbarn treffen.“ Aber Futterstellen und Tränken seien eben doch Anziehungspunkte, wo viele Meisen zusammenkommen könnten. Ähnlich wie bei der Coronavirus-Pandemie unter den Menschen müssen also auch die Meisen dazu gebracht werden, „social distancing“ zu betreiben.

Durch Gestaltung des eigenen Gartens können Gartenbesitzer den Vögeln auch helfen, in der aktuellen Brutsaison die Verluste durch die Seuche wieder wettzumachen. Um einen Garten vogelfreundlich zu gestalten, soll man laut Lachmann vor allem Laubbäume und Laubgehölze anpflanzen. Sie eignen sich durch ihre Beeren und ihren Insektenreichtum vorzüglich als Futterquellen für Jungvögel. Auch stachelige Hecken sind sehr vogelfreundlich, denn sie bieten den Vögeln Schutz vor Katzen und anderen Fressfeinden.

Wie groß der Verlust an Blaumeisen oder bei anderen Vogelarten tatsächlich ist, darüber soll die Vogelzählung vom 8. bis 10. Mai Aufklärung bringen.  Der Naturschutzbund bittet alle Bürger, sich daran zu beteiligen.

Vogelzählung im Rahmen der „Stunde der Gartenvögel“, Informationen unter dem Link: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/stunde-der-gartenvoegel/