Wir bewegen uns weiter im Blindflug durch die Corona-Pandemie. Nach zweieinhalb Jahren ist das für ein Land wie Deutschland mit seinen Möglichkeiten ein Armutszeugnis. Die Expertenkommission der Bundesregierung beschreibt diesen Tatbestand diplomatischer. Intensivmediziner Christian Karagiannidis zum Beispiel sagt, bei der Erfassung und Verarbeitung von Gesundheitsdaten befinde sich Deutschland „im Sinkflug“. Digitale Echtzeitlage ist das Stichwort – und keineswegs eine Zauberformel.

Wie viele unbelegte Betten stehen tagesaktuell in Deutschlands Krankenhäusern zur Verfügung? Wie viele Pflegekräfte können sich um Patienten kümmern? Wie viele Patienten werden mit Infektionskrankheiten wie Covid-19 oder Influenza stationär aufgenommen? Wem könnte ambulant mit einer frühen Medikamentengabe geholfen werden? Wie kann das Gesundheitssystem sonst entlastet werden? Wir wissen es nicht, obwohl wir es wissen könnten.

Das ist erstaunlich für eine Gesellschaft, deren Mitglieder gemeinhin sehr freigiebig mit ihren Daten umgehen. Das sollte undenkbar sein in einem System, dessen Erfolg wesentlich auf dem Austausch von Informationen beruht, in großen, ökonomischen Zusammenhängen wie auf einer unteren, individuellen Ebene. Das ist unbegreiflich in einem Land der Prozessoptimierer, der Entwickler zukunftsträchtiger Ideen, der Start-ups. Gesundheit ist das wichtigste menschliche Gut. Alles, was damit zusammenhängt, ist lebenswichtig im wahrsten Sinne des Wortes. Doch wenn sonst auch Informationen reichlich fließen, herrscht ausgerechnet auf diesem existenziellen Gebiet chronische Trockenheit.

Das gilt nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit. Aus der Lehren zu ziehen, ist unmöglich ohne eine verlässliche Datenbasis. Darf der tatsächliche Impfstatus der Bevölkerung insgesamt als erfasst gelten, bewegen wir uns bei der Zahl der Infektionen in einem Dunkelfeld, können somit nicht zuverlässig sagen, wie viele Menschen aus vulnerablen Gruppen inzwischen einen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen aufgebaut haben. Aus jenen Gruppen also, denen vom Herbst an ein besonderes Augenmerk gelten muss.

Wir wissen nicht, welche Effekte Eingriffe wie die Schließung von Schulen gebracht haben. Obwohl der gesetzliche Auftrag dazu vorliegt, solcherlei Daten zu evaluieren. Handelt es sich um politische Absicht oder Unfähigkeit? Sollen Fehler unentdeckt bleiben? Wenn ja, warum? Allein, dass solche Frage aufkommen können, verstärkt die Polarisierung in der Gesellschaft, anstatt Verständigung und unvoreingenommene Kommunikation zu fördern. Wo die Fakten klar und für alle Welt frei zugänglich sind, haben Verschwörungstheorien keinen Platz.

Wir steuern auf eine ungewisse Situation im Herbst und Winter zu, können nur vermuten, wie sich die Corona-Lage weiterentwickelt. Doch das Problem der Datenlücke drängt nicht nur akut, es ist sehr viel weitreichender. Wir werden uns auch in den kommenden Jahren mit neuartigen Krankheitserregern konfrontiert sehen. Der Vormarsch der Affenpocken in der westlichen Welt ist ein starkes Indiz dafür. Zweieinhalb Jahre Pandemie sollten eigentlich gereicht haben, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.