Waffe im Kampf gegen das Virus? Gespendetes Blut eines geheilten Covid-19-Patienten.
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WashingtonVon Covid-19 genesene Amerikaner können sich jetzt als Teil einer wichtigen Sache fühlen: Präsident Donald Trump rief sie am Sonntagabend auf, Blut zu spenden im Kampf gegen das, wie er es nannte, „China-Virus”. Dieses Blut enthält Antikörper gegen das Coronavirus – und die wiederum werden bei der Immunplasma-Therapie, die nun in den USA per Notfallgenehmigung zugelassen wurde, an Covid-19 erkrankten Menschen verabreicht. Die Behandlung soll den Krankheitsverlauf vor allem bei schwer erkrankten Patienten beeinflussen und die Sterblichkeitsrate senken.

Ob die Immunplasma-Therapie allerdings der von Trump proklamierte „sehr historische Durchbruch“ bei der Behandlung der Infektion ist, ist fraglich. Bislang ist unklar, wie wirksam Plasma tatsächlich ist, um Todesfälle bei Infektionen mit dem Coronavirus zu verhindern. Die zuständige Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA klingt in ihrer Begründung zur Notfallgenehmigung deutlich zurückhaltender als der US-Präsident: Aufgrund vorliegender Studien gebe es Grund zur Annahme, dass die Behandlung den Krankheitsverlauf bei einigen Patienten mildern oder verkürzen könne, vor allem, wenn Patienten das Blutplasma frühzeitig bekämen, auf jeden Fall vor einer etwaigen Intubation.

Bei Patienten, die jünger als 80 Jahre seien und Blutplasma mit einem hohen Antikörper-Gehalt bekommen hätten, steige die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Monat später noch am Leben seien, um 35 Prozent - verglichen mit Patienten, die Plasma mit wenigen Antikörpern darin erhalten hätten. So formulierte es Peter Marks, Direktor der FDA-Abteilung für Biologische Präparate, Evaluation und Forschung. Mit diesen Feinheiten hielt sich Donald Trump am Sonntag nicht auf und verkündete, dass die Immunplasma-Therapie die Sterblichkeitsrate um 35 Prozent senke.

Der Behandlung mit dem sogenannten Rekonvaleszenten-Plasma liegt zugrunde, dass das Immunsystem eines Menschen im Verlauf einer Infektion unter anderem Antikörper bildet, um den eingedrungenen Erreger zu beseitigen. Diese Antikörper bleiben nach einer Infektion zumindest eine Weile im Körper erhalten. Man kann also aus dem Blut Genesener die Antikörper gewinnen und diese dann akut Erkrankten verabreichen - damit sie auch bei ihnen das Virus bekämpfen und die Schwere der Erkrankung abmildern. Darum wir die Therapieform auch als passive Immunisierung bezeichnet. Plasma wird seit über 100 Jahren genutzt und gilt als sicher für Patienten.

Wie effektiv diese konkrete Behandlung tatsächlich ist, versuchen gerade mehrere Studien weltweit herauszufinden. In Deutschland läuft am Institut für Transfusionsmedizin und Immunologie der Universität Mannheim (UMM) die so genannte CAPSID-Studie. Bislang gebe es „erste ermutigende Hinweise“, auf einen Nutzen des Rekonvaleszenzen-Plasmas, teilte das Paul-Ehrlich-Institut mit, das die Studie genehmigt hat. Der Wirksamkeitsnachweis fehle aber noch, darum sei die klinische Überprüfung nötig. Gut 106 Teilnehmer hat die Studie, die Hälfte befindet sich in einer Behandlungsgruppe, die andere in einer Kontrollgruppe. Wer wo landet, ist randomisiert, das geschieht also nach dem Zufallsprinzip. Zusammen mit dem DRK-Blutspendedienst hat das UMM-Institut außerdem 1000 potenzielle Plasmaspender in ganz Deutschland angesprochen, 170 wurden als mögliche Spender ausgewählt.

In den USA ist die Behandlungsmethode mit Plasma bereits weit verbreitet, 70.000 Menschen haben schon welches verabreicht bekommen. Von einem Durchbruch zu sprechen, scheint daher eher übertrieben. Die Notfallgenehmigung entspricht zudem keiner formellen Zulassung. Für die gelten wesentlich höhere Hürden. Auch wird das Plasma-Angebot, anders als bei einem Impfstoff, begrenzt bleiben, da es nur aus Blutspenden Genesener gewonnen werden kann.

Daten haben US-Forscher bislang von der Organisation Mayo Clinic erfasst, die Kliniken betreibt und in der Forschung tätig ist. Ihre bislang unveröffentlichte Studie zu 35.000, meist schwer erkrankten Patienten zeigt, dass jene Kranke, die drei Tage nach einer Covid-Diagnose eine Transfusion bekamen, eine etwas geringere Sterblichkeitsrate hatten als jene, die später behandelt wurden. Allerdings gab es bei der Studie keine Kontrollgruppe, die Ergebnisse sind also nur sehr begrenzt aussagekräftig. Weitere Studien, bei denen ein Teil der Probanden nur ein Placebo bekommt, laufen noch.

Der Schritt der FDA sei ein kleiner und mache vor allem den Handel mit Plasma einfacher, sagte der frühere FDA-Chef Scott Gottlieb dem Fernsehsender ABC. 

US-Präsident Donald Trump hatte zuletzt Druck auf die Behörde gemacht, um schnellere Fortschritte verkünden zu können. Er drang darauf, Behandlungsmöglichkeiten und Impfungen möglichst schnell zu genehmigen. Wiederholt sagte er, er hoffe, dass es in etwa bis zur Präsidentschaftswahl im November einen einsatzbereiten Corona-Impfstoff gebe.

Zuletzt hat Trump die FDA am Wochenende beschuldigt, Entscheidungen absichtlich bis nach der Wahl zurückzuhalten. Derzeit laufen in den USA mehrere klinische Studien zu Impfstoffen. Es gilt aber als unwahrscheinlich, dass ein Impfstoff vor nächstem Jahr verfügbar ist  – so lange bei der Prüfung die üblichen Kriterien ein gehalten werden. (mit dpa)