Berlin/Jena - Wenn Arne Trumann Klavier spielt, dann vergisst er die Welt um sich herum. Das Musizieren hat für ihn heute einen ganz besonderen Wert. Denn dass er das noch kann, ist für den Familienvater aus Norddeutschland alles andere als selbstverständlich: Im Jahr 2012 werden Trumann sieben Fingerspitzen amputiert. Es ist die Folge einer Sepsis, an der er beinahe gestorben wäre. „Von dem Moment, an dem man merkt, dass es einem nicht gut geht, bis zu dem Zeitpunkt, an dem man merkt, dass der Tod im Anmarsch ist, vergehen nur wenige Stunden“, erzählt er über jenen Freitagabend, an dem der damals 44-Jährige einen septischen Schock erleidet.

Eine Sepsis - landläufig auch Blutvergiftung genannt - ist eine „überschießende, unkontrollierte Abwehrreaktion des Körpers auf eine Infektion“, erklärt Frank Brunkhorst, Leiter des Zentrums für klinische Studien und der Forschergruppe „Clinical Septomics“ am Universitätsklinikum Jena. Die Reaktion schädigt den Organismus und kann binnen Stunden zum Tod führen.

Häufige Ursachen für eine Sepsis sind Lungenentzündungen, Harnwegsinfektionen oder Viren wie Influenza. Letztlich können Hunderte Erreger - Bakterien, Viren, Parasiten oder Pilze - eine Sepsis verursachen. Zu den häufigsten Ursachen zählt derzeit das Coronavirus Sars-CoV-2.

Foto: Oliver Agit
Arne Trumann sitzt am Klavier. Dass ihm infolge einer Sepsis sieben Fingerspitzen fehlen, hindert ihn nicht am Klavierspielen.

„Der hohe Bedarf an Intensivbetten und die hohe Sterblichkeitsrate von Covid-19 ist vor allem durch Sepsis bedingt“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Sepsis-Stiftung, Konrad Reinhart, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Eine beginnende Sepsis werde zu selten rechtzeitig erkannt, beklagt der Jenaer Mediziner.

Vor allem drei Symptome können nach Angaben von Brunkhorst auf eine Sepsis hindeuten:
- eine schnelle Atmung von mehr als 22 Atemzügen pro Minute,
- ein oberer - systolischer - Blutdruckwert unter 100,
- eine allgemeine Verwirrtheit.

„Wenn mindestens zwei dieser drei Symptome auftreten, hat der Patient ein hohes Risiko, eine Sepsis zu entwickeln, und muss im Krankenhaus behandelt werden“, betont der Experte.

Bei Trumann beginnt alles mit grippeähnlichen Symptomen. Sein Hausarzt empfiehlt ihm Bettruhe. Ein paar Tage lässt er sich krankschreiben, doch bald fängt er wieder an zu arbeiten. Wenige Tage später, an einem Freitag nach Feierabend, verschlechtert sich sein Zustand plötzlich. Trumann legt sich zuhause aufs Sofa und versucht zu entspannen. „Ich habe gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Es war ein ganz komisches Gefühl des Krankseins, was ich vorher nie gehabt hatte. Obwohl ich lag, habe ich keine Erleichterung verspürt“, sagt er. Seine Frau ruft erst einen Bereitschaftsarzt, später den Notarzt. Der rettet ihm das Leben.

Der hohe Bedarf an Intensivbetten und die hohe Sterblichkeitsrate von Covid-19 ist vor allem durch Sepsis bedingt

Konrad Reinhart, Vorsitzender der Deutschen Sepsis-Stiftung

Ein Arzt, der mit einer Sepsis konfrontiert wird, „hat oft sehr viel zu tun und sehr wenig Zeit“, sagt Brunkhorst. Die Diagnose erfolge in drei Schritten, erklärt der Mediziner, der seit Jahren zu dem Thema forscht: Zunächst müsse der Erreger nachgewiesen werden, damit im Falle von Bakterien ein passendes Antibiotikum, bei Viren oder Pilzen ein anderes Antiinfektivum bestimmt werden kann.

„Den Erreger findet man in verschiedenen Körperflüssigkeiten: Bei Viren wie Sars-CoV-2 etwa im Abstrich, bei der bakteriellen Sepsis im Blut und bei Harnwegsinfektionen im Urin“, sagt Brunkhorst. Als Zweites müsse durch Blutanalysen die Schwere der Entzündung bestimmt werden. Zuletzt müsse der Arzt herausfinden, wo im Körper die Ursache der Infektion sitzt - etwa durch Ultraschall, Röntgen oder Punktion. 

Als Trumann ins Krankenhaus eingeliefert wird, versetzen ihn die Ärzte ins künstliche Koma. Zu umfangreich sind die Maßnahmen, die sie an ihm vornehmen müssen. Weil sie den Fokus der Sepsis in der Galle vermuten, wird er dort operiert - doch die Ärzte finden nichts.

Sepsis als dritthäufigste Todesursache

„Meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen waren: Du kackst hier nicht ab“, sagt Trumann. „Panik hatte ich nicht.“ Insgesamt vier Wochen liegt er im künstlichen Koma. Seine Frau und die drei Kinder wissen währenddessen nicht, ob er überleben wird oder nicht.

Trumann plagen in dieser Zeit Albträume. „Man wird psychisch gequält mit Bildern, die man nur schwer wiedergeben kann“, erzählt er. In seinem Buch „Albtraum Sepsis“ hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Über einen seiner Träume schreibt er: „Es ist eine kalte, nebelfeuchte Nacht. Ich gehe in einer mittelalterlichen Stadt eine Gasse entlang. (...) Langsam kommt eine Gestalt auf mich zu. Sie trägt einen langen grauen Umhang. Vor dem Körper hält sie mit beiden Händen eine Sense.“

Rund 75.000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an einer Sepsis, wie die Bundesregierung im September mitteilte. Damit sei es hierzulande die dritthäufigste Todesursache. Brunkhorst relativiert diese Angabe: Weil ein schwerer Sepsis-Verlauf viele vorerkrankte oder alte Menschen betrifft, sei die Bestimmung der exakten Todesursache oft nicht einfach.

Dennoch: Im Vergleich zur Häufigkeit und Schwere ist die Erkrankung nicht sehr bekannt. „Das hängt zum Teil an der Begrifflichkeit“, erklärt Brunkhorst. „Man stellt zum Beispiel eine Lungenentzündung fest und kodiert dann im Krankenhaus die Sepsis nicht mit. Außerdem hat man schon von Fällen gehört, in denen Menschen an einem Infekt gestorben sind. Von der eigentlichen Ursache, der Sepsis, ist selten die Rede.“

Sepsis-Häufigkeit und -Sterblichkeit sind abhängig vom Alter. Alte Menschen mit Vorerkrankungen seien besonders gefährdet, denn sie verkrafteten schwerwiegende Eingriffe wie etwa eine künstliche Beatmung nur schwer, sagt Brunkhorst. Zentral ist die frühe Diagnose. Denn wenn schnell das richtige Antiinfektivum verabreicht wird, kann ein Organversagen verhindert werden.

Weil die Sepsis damals bei Trumann nicht schnell genug erkannt wird, kollabiert ein Lungenflügel. Auch seine Leber wird in Mitleidenschaft gezogen. „Ich habe nie geraucht, kaum Alkohol getrunken und gern Sport gemacht. Mir wurde danach gesagt, dass mich das auch gerettet habe“, sagt er. Die Extremitäten seines Körpers werden nicht mehr ausreichend durchblutet. Der leidenschaftliche Klavierspieler verliert sieben Fingerkuppen.

Später machen die Ärzte bei einer Blutuntersuchung Streptokokken als Auslöser ausfindig. „Mir ist dann eingefallen, dass ich wenige Tage, bevor ich ins Krankenhaus gekommen bin, im Keller aufgeräumt habe. Da habe ich mich an einem alten Draht aufgeratscht“, sagt Trumann. Er habe die kleine Verletzung nicht ernst genommen. Doch wahrscheinlich hat diese kleine Verletzung zu der Sepsis geführt - und die grippeähnlichen Beschwerden waren erste Vorboten davon.

Vor 20 Jahren starben nach Angaben von Brunkhorst noch 70 Prozent der Patienten an einer Sepsis. Inzwischen seien es durch die generell bessere medizinische Versorgung noch etwa 40 Prozent. Risikofaktoren sind - wie bei Covid-19 - hohes Alter und Vorerkrankungen. Einen Durchbruch bei der Behandlung habe es schon seit Jahren nicht mehr gegeben, sagt der Mediziner.

Erkrankung kann unterschiedlich verlaufen

Trumann überlebt die Sepsis. Als er aus der Reha nach Hause kommt, setzt er sich zuerst an sein Klavier, um zu schauen, ob er noch spielen kann. „Wäre es nicht mehr gegangen, hätte ich vielleicht im Chor angefangen“, sagt er. Ungefähr zwei Jahre und viel Physiotherapie habe es gebraucht, bis er wieder relativ schmerzfrei spielen konnte. „Einen leichten Schmerz spüre ich beim Musikmachen bis heute.“

Brunkhorst betont, lange Zeit seien Mediziner davon ausgegangen, eine Sepsis sei bei allen Menschen ähnlich und lasse sich mit einer einzelnen bestimmten Therapie behandeln. „Das war ein großer Fehler.“ Inzwischen wisse man, dass die Erkrankung bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich verlaufe - bei manchen sei das Immunsystem gedrosselt, bei anderen überaktiv. Daran müsse sich die Behandlung orientieren. „Wir brauchen eine intelligente Diagnostik und individualisierte Therapien, um die Immunantwort zu beeinflussen.“

Trumann ist inzwischen Vorstandsmitglied der Deutschen Sepsis-Hilfe, einer Anlaufstelle für betroffene Menschen. Er ging mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit, weil in Deutschland zu wenig über Sepsis gesprochen werde. Wenn es ein anderes Bewusstsein in der Bevölkerung gäbe, so betont er, würde es in Deutschland deutlich weniger Sepsis-Tote geben.