Einfach mal loslassen und sich nicht immer mit anderen vergleichen - das sorgt für mehr Zufriedenheit.
Foto: dpa/Tobias Hase

Köln/EssenSich selbst lieben, gegen das ständige Vergleichen und Selbstoptimieren in den sozialen Medien kämpfen: Das ist das Ziel der Body-Positivity-Bewegung. Viele Menschen gewinnen dadurch Mut und zeigen ihre vermeintlichen Schönheitsfehler ganz offen. Es gibt aber auch Bedenken.

Was steckt hinter der Bewegung? „In erster Linie heißt Body Positivity, seinen eigenen Körper nicht mehr zu hassen ─ wie es ja leider viele Menschen tun ─, sondern anzufangen, den eigenen Körper lieben zu lernen“, sagt Serin Khatib. Die Journalistin und Bloggerin aus Köln setzt sich für Body Positivity ein. Sie postet auf ihrem Instagramkanal „serintogo“ ganz natürliche Fotos von sich und inspiriert damit andere Menschen zu mehr Selbstliebe.

Es gehe darum, vermeintliche Makel wie Dehnungsstreifen, Cellulite, schlaffe Haut, Dellen, Pickel, Narben, Übergewicht, Untergewicht und Pigmentflecken nicht mehr zu verstecken. „Sondern im Gegenteil: Wir wollen sie zelebrieren“, sagt Khatib.

Glitzernde Scheinwelt in sozialen Medien

Vor allem Frauen sind es, die sich diesem Trend anschließen - als Gegenströmung zu all den Fotos von Models und Influencerinnen, die auf jedem Bild strahlend schön erscheinen, kein Gramm zu viel auf den Rippen haben und gelegentliche Hautunreinheiten unter einer dicken Schicht Make-up verstecken.

Serin Khatib ist Journalistin und Bloggerin.
Foto: dpa/Serin Khatib

„Nichts ist so unecht wie Social Media“, sagt Khatib. „Durch Bildbearbeitung haben wir eine glitzernde Scheinwelt kreiert, die suggeriert, dass wir alle gleich aussehen müssen.“

Body Positivity soll das ändern und dafür sorgen, dass sich mehr Menschen wieder wohl in ihrem Körper fühlen. „Ich schreibe immer wieder mit Frauen, die sich durch meine Beiträge auch trauen, in kurzer Hose rauszugehen, obwohl sie vielleicht dicke Beine mit Dellen haben ─ so wie ich“, sagt die Bloggerin. „Aber wenn sie sehen, dass ich es einfach mache, dann gibt ihnen das Mut.“

Keine krankhaften Zustände verharmlosen

Aus psychologischer Sicht sei die Bewegung differenziert zu betrachten, sagt Prof. Björn Enno Hermans, Diplom-Psychologe und systemischer Therapeut aus Essen. „Man sollte gesellschaftlich etwas Druck rausnehmen und lernen, dass man Selbstzufriedenheit nicht nur über einen scheinbar optimalen Körper erreichen kann“, sagt er. Hierbei könne die Bewegung einen Beitrag leisten.

„Auf der anderen Seite darf Body Positivity auch nicht zu einer Legitimation von körperlichen und gesundheitlichen Zuständen führen, die eindeutig ein Risiko darstellen ─ zum Beispiel sollte Adipositas dadurch nicht positiv konnotiert werden“, so der Psychologe. „Es gibt objektivierbare gesundheitliche Risiken für sehr dicke und auch für sehr dünne Menschen.“ Den meisten Anhängern von Body Positivity geht es aber nicht um diese Extreme, sondern um die vielen Körperformen, die irgendwo dazwischen liegen.

Stellenwert von Schönheit reduzieren

Was Kritiker und inzwischen auch einige Vorreiter der Bewegung stört: Der Körper steht bei dem Konzept weiterhin im Fokus. Als Alternative hat sich deshalb „Body Neutrality“ etabliert. „Dabei ist es das Ziel, den hohen Stellenwert von Schönheit zu reduzieren und Menschen dabei zu helfen, ihren Selbstwert weniger vom Aussehen abhängig zu machen“, erklärt Anuschka Rees, Autorin des Buchs „Beyond Beautiful: Wie wir trotz Schönheitswahn zufrieden und selbstbewusst leben können“.

Den Selbstwert mehr vom Aussehen trennen, das sei grundsätzlich wichtig ─ unabhängig davon, ob man sich gerade sehr wohl fühlt oder mit dem eigenen Spiegelbild hadert. „Denn was bringt es mir, wenn ich zwar jetzt dem Schönheitsideal entspreche und mich deswegen total super finde, nächste Woche dann aber einen Hautausschlag bekomme oder in fünf Jahren aufgrund eines Unfalls, einer Schwangerschaft oder des natürlichen Alterungsprozesses ein wenig anders aussehe und dann in ein totales Loch falle?“, fragt Rees.

Keine Kommentare mehr zur Frisur oder Figur

Doch wie schafft man es, dem eigenen Erscheinungsbild weniger Bedeutung beizumessen? „Ein guter Einstieg ist es, ganz einfach mal darauf zu achten, wie man mit anderen Menschen oder über sie redet“, sagt Rees. Sie führt aus: „Wenn man gerade das Aussehen einer Frau im Fernsehen kommentieren will, egal ob positiv oder negativ, kann man einfach mal überlegen: Auf was könnte ich stattdessen fokussieren?“ Zum Beispiel auf ihre Aussagen, ihre Leistung oder ihr Engagement.

Wer das trainiere und sich auch bei Komplimenten nicht auf Äußerlichkeiten beschränke, könne diese Perspektive mit der Zeit bei sich selbst anwenden, glaubt die Autorin.

„Schau mal, was hier schon wieder gepostet wurde“: Die sozialen Medien sind voll mit Inhalten von scheinbar makellosen Influencern. 
Foto: dpa/Christin Klose

Weniger Vergleiche für mehr Zufriedenheit

Unabhängig davon, ob nun Body Positivity oder Body Neutrality: Es macht zufriedener, wenn wir uns weniger vergleichen ─ vor allem mit Personen, die wir auf Hochglanzfotos bei Instagram sehen.

„Entscheidend ist, woraus sich der eigene Selbstwert speist“, sagt Psychologe Hermans. „Aus dem eigenen Aussehen, der Leistung, der Rückmeldung von anderen oder aus ganz anderen eigenen Ressourcen und Fähigkeiten?“ Man finde in jedem Bereich des Lebens Menschen, die besser aussehen oder etwas besser können, erläutert er.

Wer es schaffe, sich weniger auf die eigenen Defizite zu konzentrieren und stattdessen die Dinge im Blick habe, die gut gelingen, der stärke sein Selbstwertgefühl, sagt Hermans.

30 Tage ungeschminkt

Bloggerin Serin Khatib hat es auf ihrem Weg zu mehr Selbstliebe geholfen, sich 30 Tage lang nicht zu schminken. „Damit habe ich einen inneren Reset-Button gedrückt und meine Maske im wahrsten Sinne fallen lassen“, sagt sie.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

DU MUSST GAR NIX! . Reset für die Seele. Zwischenspeichern. Update. Neustart. . Es gibt nix schlimmeres als sich dem stressigen Leben hinzugeben, weil man denkt man müsste. Ich habe solche Phasen oft mit mir selbst ausgemacht und nach Außen den schönen Schein gewahrt. Warum? Weil es sich nicht schickt länger als zwei Tage total erschöpft zu sein. Weil ja jeder Stress hat. Weil das Leben halt so ist. Weil ich mir so einen Beruf ausgesucht habe. Weil ich in der Großstadt leben wollte. Weil ich doch unbedingt Bloggerin sein will. Weil mentale Gesundheit doch nur wieder so eine pseudo Ausrede für Faulheit ist. Selber schuld, oder? . Mittlerweile weiß ich: Ich bin nicht verpflichtet immer gut drauf zu sein. Es ist völlig okay alle Termine und Kooperationen abzusagen und gar nix zu machen. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, außer mir selbst. Ich muss nicht lächeln. Ich muss nicht reden. Ich musst nich raus - auch nicht, wenn das Wetter gut ist. ICH MUSS GAR NIX! . In so einer Phase ehrlich zu mir selbst zu sein ist das allerwichtigste. Es ist viel momentan und ich fühle mich überfordert. Sobald ich das einmal offen ausgesprochen habe, wurde es direkt besser. Echte Freunde haben Verständnis für Absagen. Mein Freund ist der Meister im Rücksicht nehmen. Und mein Ego kapiert so langsam, dass ich Kraft tanken muss, damit es wieder bergauf geht. Es gibt nix anstrengenderes, als sich selbst vormachen zu wollen, dass man Stress einfach weglächeln kann. Ich kann das zumindest nicht. . Also falls es dir gerade nicht gut geht, dann sei ehrlich zu dir und überspiel nix. Das bringt niemandem etwas - vor allem nicht dir selbst. #mentalhealthmatters . . . . . . #mentalhealthsupport #mentalegesundheit #achtsamkeit #stressmanagement #stressbewältigung #bewusstsein #bewusstleben #nachhaltigkeit #ehrlichkeit #schnork #portraitvision_ #naturalportrait #portraitsmadeingermany #greencommunity #selbstliebe #selflovejourney #serintogo #lumixphotography #lumixg70

Ein Beitrag geteilt von SERIN KHATIB | mindful human ☾ (@serintogo) am

„Ich habe mir selbst die Chance gegeben, zu verstehen, dass ich auch blass und mit Pickeln immer noch genauso gut bin. Und dass mein Selbstwert nicht durch Puder und Lipgloss gesteigert wird.“