Berlin - Wir können es nur erahnen, was in den Köpfen vieler vorgehen muss: Bloß vor dem Weihnachtsfest mit der Familie oder vor der Silvesterfeier mit Freunden die Auffrischimpfung holen. Komme was wolle – ganz gleich, wie alt man ist, wie lange die Zweitimpfung zurückliegt. Es ist richtig, dass alle vollständig geimpften Erwachsenen eine dritte Impfung benötigen werden, weil der Impfschutz bekanntermaßen kontinuierlich abnimmt. Das Immunsystem braucht einen Push. 

Aber: Mit Vordrängeln ist niemandem geholfen. Weder den Praxen, wenn vor ihrer Tür täglich Dutzende Menschen ohne Risikofaktoren anstehen oder mehrmals am Tag versuchen, telefonisch einen Termin zu ergattern. Noch den Bevölkerungsgruppen, die den Booster mehr als alle anderen benötigen, damit ihr Impfschutz verbessert wird und sie hoffentlich dadurch unversehrt durch die vierte Welle kommen. Damit gemeint sind Menschen, die in Pflegeheimen leben oder zu Hause gepflegt werden. Die schwere Vorerkrankungen haben. Und das Personal, das sich um sie kümmert – so auch die medizinischen Fachangestellten in Kliniken. Und Menschen, die immunsupprimiert sind, vielleicht eine Chemotherapie durchmachen müssen, oder sonstige Medikamente einnehmen, von denen ihr Immunsystem gedämpft wird.

Damit gemeint sind nicht: junge gesunde Leute. Auch wenn Jens Spahn eine „Booster-Eröffnung für alle ab 18“ vorsieht. Vergisst er, dass es einen Grund gab, wieso in der Impfkampagne zuerst Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf geimpft werden sollten – und danach der Rest der Bevölkerung?

Es ist zwar richtig, dass jeder Booster der Gesellschaft hilft, weil damit auch die Ausbreitung des Virus reduziert wird. Wenn jetzt aber alle zeitgleich versuchen würden, an einen Booster-Termin zu kommen, kann das nur im Chaos enden. Man muss sagen: Das hat auch nichts mehr mit Solidarität zu tun. Junge Menschen sollten sich zurücknehmen. Ihre letzte Impfung dürfte in der Regel ohnehin noch nicht so lange her sein. Die fünf bis sechs Monate Abstand sollten eingehalten werden. Es gibt keine Studie, die Booster-Impfungen weniger als sechs Monate nach der Zweitimpfung empfiehlt, das sollte jedem klar sein. Eine zu frühe Impfung – das MVZ Havelhöhe etwa bietet verrückterweise Auffrischimpfungen ab vier Monaten an – kann zur einer starken Belastung des Immunsystems führen und damit höhere Nebenwirkungen auslösen. Ob die Mediziner vor Ort darüber ordentlich aufklären?