Menschen mit Borderline-Syndrom müssen sich oft mit Kischeevorstellungen ihrer Krankheit herumschlagen (Symbolbild).
Foto: imago/Friedrich Stark

BerlinDas Wort Borderline kennen viele, wissen aber oft nicht genau, was dahintersteckt. Der Begriff bezeichnet eine komplexe Persönlichkeitsstörung. Sie zeichnet sich durch Impulsivität und Instabilität aus – im Selbstbild und in Beziehungen.

Das wirkt sich auch im Berufsleben aus. Ein Beispiel: Der Chef sagt: „Wenn Sie Zeit haben, dann erledigen Sie bitte...“. Für einen Borderliner kann dies unter Umständen so klingen: „Ich bin zu langsam, und er rügt mich, weil ich wieder was vergessen habe.“

Bezeichnend für Borderline ist ein selbstverletzendes Verhalten. „Aber nicht jeder Borderline-Betroffene verletzt sich. Und nicht jeder, der sich selbst verletzt, hat Borderline“, erklärt Birger Dulz, Psychiater aus Hamburg und Borderline-Experte.

Schwarz-Weiß-Denken

Betroffene erleben oft extreme Gefühle und Stimmungsschwankungen. Die emotionalen Spannungen zeigen sich häufig in Beziehungen. Patienten beschreiben es Dulz zufolge oft so: „Es geht nicht mit anderen, und es geht nicht ohne andere.“ Betroffene schwanken zwischen dem Aufbauen von Nähe und Distanz. „Ich hasse dich, verlass mich nicht“ lautet der Titel eines Buches über die Erkrankung – dies fasse laut Dulz die Störung treffend zusammen.

Für Außenstehende ist das häufig schwer nachvollziehbar. „Einige Betroffene reagieren impulsiv, preschen in ihrem Verhalten nach vorne. Andere ziehen sich in ihr Inneres zurück“, erklärt Dulz.
Trotz aller Schwierigkeiten: Borderline ist behandelbar. Nach mehrjähriger Behandlung sei diese Persönlichkeitsstörung nicht mehr diagnostizierbar.

„Ich sage bewusst nicht heilbar, denn eine Heilung setzt die Beseitigung der Ursache voraus, was bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht möglich ist“, sagt Dulz.Er erläutert, dass viele, aber nicht alle, in der Kindheit Erfahrungen mit Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung gemacht hätten.

Zu viel an Gedanken und Gefühlen

Dominique de Marné, Bloggerin und Betroffene, beschreibt die Persönlichkeitsstörung als ein „zu viel an Gedanken und Gefühlen“. Das Leben mit der Störung sei turbulent. „Betroffene verfallen in ein Schwarz-Weiß-Denken. Gut – Böse, Trauer – Liebe. Diese innere Zerrissenheit zeigt sich natürlich auch im Berufsleben.“

Das kann im Job eine Herausforderung sein. „Es gibt Betroffene, die ihre Erkrankung gut kompensieren“, sagt Dulz. „Sie können überaus erfolgreich sein, entgleisen aber in schwierigen zwischenmenschlichen Situationen.“ Andere halten eine Anstellung nicht dauerhaft durch.

Konflikten am Arbeitsplatz vorbeugen

„Der Betroffene muss herausfinden, wo die wunden Punkte liegen“, rät Dulz. Was bringt meine Stimmung zum Kippen? Ist es die Mimik, der Tonfall, die Kleidung eines Kollegen oder der Chefin? „Es ist wichtig, dass Betroffene lernen, Zeichen für emotionale Überforderung zu erkennen und Gefühle richtig zu benennen“, sagt der Psychiater. Das könne Konflikten am Arbeitsplatz vorbeugen.

Der Betroffene müsse lernen zu erkennen, dass in der Situation am Arbeitsplatz keine existenzielle Gefahr für ihn bestehe, er nicht auf „Überlebensmechanismen“ aus der Kindheit zurückgreifen muss. „Es kann sehr anstrengend für Betroffene sein, diese inneren Anspannungen auszuhalten und zu regulieren“, sagt Dulz. „Ob und wie viel ein Betroffener arbeiten kann, hängt allerdings vom Einzelfall ab.“

Vorurteile im Berufsleben

Auch wenn es für einige Betroffene schwierig sein kann, einen Beruf dauerhaft auszuüben, „kann ein Job auch Sinn und Struktur geben“, erläutert de Marné. „Man muss miteinander reden, um einen guten Umgang zu finden. Kollegen mit körperlichen Einschränkungen frage ich ja auch, wie ich ihm helfen kann oder was ihn stört. Gleiches gilt für psychische Erkrankungen.“

Im Berufsleben sehen sich Betroffene jedoch häufig mit Vorurteilen konfrontiert. So schildert de Marné, die bis vor kurzem angestellt war und jetzt selbstständig ist: Viele wollten nicht mit Borderlinern zusammenarbeiten. „Die für Borderliner typische Impulsivität kann natürlich zu Konflikten am Arbeitsplatz führen.“ Auf die schnellen Stimmungswechsel reagierten viele negativ.

Borderline Therapie ist möglich und nötig

Dabei ist die Unterstützung auf kollegialer Ebene wichtig, um eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu fördern, erklärt der Psychologe Mattias Morenings. Als Leiter im Bereich Rehabilitation und Integration am Beruflichen Trainingszentrum Hamburg hilft er psychisch kranken Menschen beim Wiedereinstieg in den Beruf.

Morenings rät, die Auswirkungen der Erkrankung zu thematisieren: „Man kann vielen die Angst vor dem Wort Borderline nehmen, wenn man die Symptome übersetzt.“ Es könne helfen, Kollegen zu erklären, dass man in bestimmten Situationen sehr emotional reagiert.

Auch Arbeitgeber können Betroffene Morenings zufolge unterstützen: „Indem sie für ein Arbeitsklima sorgen, in dem die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einem Ausraster ohne Scham möglich ist.“

Als Ausbilder kann ich mir Borderline-Betroffene gut vorstellen. Sie sind außerordentlich gut darin, die Emotionen und Bedürfnisse des Gegenübers zu erkennen.

Matthias Morenings, Psychologe

Laut Dulz sind viele in sozialen Berufen tätig. „Sie sind sehr empathisch, wollen, dass es anderen besser geht als ihnen selbst.“ Genau diese Empathie kann aber auch zur Belastung werden: „Borderliner können ein Zuviel an Empathie zeigen, sich selbst vernachlässigen“, erklärt Dulz. „Eine Therapie ist erforderlich, um den Herausforderungen im Privatleben und auch im Berufsleben gewachsen zu sein.“