Tut unschuldig: das Blatt eines Gummibaums.
Foto: Wikipedia CC-by 4.0/David J. Stang

BerlinPflanzen ernähren sich nicht nur mit Hilfe des Lichts, sie verfügen auch über eine Art Sehvermögen. Sie können unter anderem Konkurrenten wahrnehmen und auf die Bedrohung reagieren. Wer also nie richtig warm geworden ist mit seinem Gummibaum und sich von ihm beobachtet oder ungerecht behandelt fühlt, leidet nicht unbedingt unter einem vegetabilen Verfolgungswahn. Sondern wird für einen Rivalen gehalten, der der Zimmerpflanze in der Sonne sitzt.

Spöttern können betroffene Mobbingopfer nun mit einer Veröffentlichung von Pflanzenphysiologen der Justus-Liebig-Universität Gießen in der Fachzeitschrift Nature Plants antworten: Mit Hilfe von röntgen-kristallographischen Messungen am Bessy-II-Synchrotron (kein Schimmer, was ein Synchroton ist, aber dieses hier steht in Berlin) wurden die dreidimensionalen Strukturen von verschiedenen pflanzlichen Phytochrom-Molekülen entziffert und beobachtet, wie das lichtaufnehmende Bilin-Pigment mit dem Protein reagiert, Strukturen darin aufreißt, neu bildet und damit Signalweiterleitungen schaltet.

Diese Phytochrome sind in der Lage, Rot- und Infrarotlicht zu absorbieren. Mit Hilfe dieser türkisfarbenen Proteine können Pflanzen sehr schwaches Licht wahrnehmen, sogar Farben unterscheiden und Tempo und Richtung ihres Wachstums daran anpassen. „Schon heute können wir jedoch mit gentechnischen Methoden das Phytochromsystem von Nutzpflanzen so verändern“, teilt Projektleiter Jon Hughes mit, „dass die Pflanzen besser wachsen und bessere Ernten erzielt werden können.“

Ein Bild von ihrer Umwelt, so versuchen uns die Wissenschaftler zu beruhigen, könnten Pflanzen nicht erstellen. Aber die Flora arbeitet sicher bereits an Verfahren, die sie in die Lage versetzen, den Feind zu identifizieren. Ich sehe es an dem drohenden Blick des Gummibaums. Wo ist die Gießkanne?