Kahle Stämme: Diese Bäume stehen im Moor am Rand des Grumsiner Forsts. Es ist in den vergangenen zwei Jahren ausgetrocknet.
Foto: Gerd Engelsmann

LuisenfeldeNebel, wirklich dichter Nebel, hängt an diesem Morgen über der Landschaft. Die passende Bezeichnung dafür wäre Landnebel, denn in der Stadt – beim Start dieser Reise im großen Berlin – war kein Nebel zu sehen. Auch nicht unterwegs im vergleichsweise kleinen Angermünde. In den Städten ist der Himmel strahlend blau und die Sonne scheint ungetrübt. Doch auf dem platten Land hüllt sich die Landschaft in Nebel.

Der Dunst macht die ganze Sache noch ein klein wenig gespenstiger. Zu Fuß geht es hinter dem Örtchen Luisenfelde zum Grumsin, einem weltberühmten Buchenwald. Dass die Bäume neben dem Weg tot aussehen, liegt aber nicht am trüben Licht; sie sind es. Als lange dünne Stangen ragen sie in die Höhe; es sieht aus, als wäre ein Feuer durch diesen Wald in der Uckermark gegangen, denn an den Erlen fehlen fast alle Äste – nur kahle Stämme stehen noch verloren herum.

Weltnaturerbe Grumsin leidet unter Trockenheit

„Das war mal ein Moor“, sagt Michael-Egidius Luthardt, der Leiter des brandenburgischen Landeskompetenzzentrums Forst. Dann korrigiert er sich. „Es ist noch immer ein Moor. Aber eben ein ausgetrocknetes.“ Dass kein Wasser mehr da ist, liegt am Dürrejahr 2018 und am Trockenjahr 2019. „Eine ähnliche Hitze gab es schon mal 2003, als monatelang kein Regen fiel und die Bäume litten und die Natur sich quälte“, sagt der 62-Jährige. „Aber zwei Jahre hintereinander mit solcher Trockenheit gab es hier noch nie.“

Das wasserlose Moor ist ein Beleg für die Trockenheit, die den Nordosten Deutschlands zwei Jahre lang am heftigsten getroffen hat. Im Thüringer Wald klagen die Förster darüber, dass der Hainich – der größte Buchenwald Deutschlands – schwer leidet. Genauso geht es diesem Wald hier im Nordosten Brandenburgs: dem Grumsin.

Der Grumsin bleibt sich selbst überlassen.
Foto: Gerd Engelsmann

Beide sind eine weltweite Besonderheit, denn solche riesigen naturnahen Buchenwälder gibt es kaum noch. Deshalb hat die Unesco sie und drei andere Wälder in Mecklenburg-Vorpommern und Hessen 2011 zum Weltnaturerbe erklärt. Damit stehen sie in einer Kategorie mit dem Grand Canyon in den USA und dem Great Barrier Reef in Australien.

Der Grumsin ist eine weitere Besonderheit: Der Mensch greift nicht mehr ein, fällt keine Bäume, will hier kein Geld mehr verdienen. Die Natur bleibt auf 590 Hektar sich selbst überlassen. Der Grumsin darf wieder zum Urwald werden. Doch ist dieser Schatz der Natur nun als ökologischer Gesamtorganismus gefährdet?

Ein Kunstwerk der Natur

Es ist unser dritter Besuch im Grumsin über die Jahre und selbst der Laie sieht schwere Schäden. Die Kronen der Fichten, die ganz am Anfang des Waldes stehen, sind nicht dunkel und dicht, sondern stellenweise kahl. Luthardt zeigt die unzähligen Löcher, die die Borkenkäfer in die Rinde gefressen haben. Mühelos puhlt er ein Stück ab, zeigt die vielen Fraßgänge der Insekten. Er schaut zur lichten Krone des Baums. „Dem Baum gebe ich nur noch drei oder vier Jahre.“

Solche Schäden zeigen, welch hochkomplexe Angelegenheit der Wald ist. Er ist Lebensraum für Millionen von winzig kleinen und großen Lebewesen: Bakterien, Käfer, Pilze, Farne, Vögel oder Rehen. Jede Baumart ist die Heimat für ganz bestimmte Arten, die auf diese Bäume spezialisiert sind, die von den Bäumen profitieren, sie aber auch schädigen können. So wie die Borkenkäfer diese Fichten.

Aus einem Waldsee wurde eine Senke

Nun geht es über einen weichen Teppich aus Laub die sanften Hügel hinauf und in den Wald hinein. Keine 300 Meter sind wir gelaufen und kommen an eine Senke, in der beim Besuch vor Jahren noch ein kleiner Waldsee war und ein Kranich aufflog. Damals eine sattgrüne Landschaft, von Wasser durchtränkt. Nun bleibt Luthardt stehen und zeigt auf die Wipfel der Buchen. Es ist Winter und kein Laub ist mehr an den Bäumen, aber der Fachmann sieht die Schäden trotzdem.

Denn dieser schöne alte Wald und auch viele andere sind längst am Limit. Wenn wir noch solch ein Jahr bekommen wie 2018 und 2019, dann gnade uns Gott.

Michael-Egidius Luthardt

Normalerweise verzweigen sich die großen Äste immer weiter bis in allerkleinste Ästchen. „Aber gerade dieses Feinreisig fehlt“, sagt Luthardt und schlägt an den Stamm einer etwa 200 Jahre alten Buche. „Da oben sind schon sehr viele Äste tot. Ein Kandidat, dem ich nicht mehr allzu lange gebe.“ Der Baum daneben sieht besser aus.

Eigentlich reguliert der Kreislauf sich selbst

Ein Wald – egal, wie gleichförmig er wirkt – ist nicht einfach eine Ansammlung von Bäumen. Die Förster sagen: Jeder Baum ist ein Individuum, der eine leidet mehr unter der Trockenheit, ein anderer verliert seine Blätter später. Jeder Wald bildet sein eigenes Mikroklima. Das zeigt sich exemplarisch am Grumsin. Buchen werden von Förstern auch die „Mütter der Wälder“ genannt, denn sie gestalten ihren Lebensraum selbst.

Die belaubten Wipfel bilden ein geschlossenes Kronendach. So sind Buchwälder im Sommer angenehm kühl und drei Grad kälter als die Umgebung. Ein Wald ist eigentlich ein sich selbst regulierender Kreislauf: Das Laut fällt herab, wird zu Humus zersetzt und zu Nährstoffen, die die Wurzeln wieder aufnehmen. In einem schattigen Wald trocknet der Boden nicht aus und liefert reichlich Nährstoffe.

Doch durch die Hitze ist der seit Jahrhunderten eingespielte Kreislauf gefährdet. Weil es so heiß und trocken war, warfen die Buchen ihre Blätter bereits im August ab. „Das nennen wir Notabwurf“, sagt Luthardt. „Der Baum merkt, dass er aus dem Boden kein Wasser mehr ziehen kann. Das ist Stress für ihn, und er versucht, sich zu schützen, indem er die Arbeit einstellt und das Laub abwirft.“

Zeitversetzte Folgen

Ein früher Laubabwurf klingt erst einmal nicht so dramatisch. Aber wenn ein Baum so früh im Jahr aufgibt, hat er im Stamm nicht sehr viele Reserven gespeichert. Im nächsten Jahr fehlt ihm dann vielleicht die Kraft, um die Blätter austreiben zu lassen. Luthardt vergleicht es mit einem Auto, bei dem die Batterie ausgefallen ist und der Motor nicht mehr anspringt. Die Schäden sind immer erst ein Jahr später zu sehen.

„Ich gehe nicht von einem Massensterben der Bäume hier aus“, sagt er. „Ich rechne damit, dass die Hälfte der Bäume es schaffen kann.“ Er hebt die Schultern. „Aber wir wissen es nicht.“

Michael-Egidius Luthardt ist Leiter des Landeskompetenzzentrums Fort Eberswalde.
Foto: Gerd Engelsmann

Im Winter ist es zwar eher still im Wald, nur ein Kolkrabe ist nun kurz zu hören, aber der Wald ist voller Tiere. Anders als die Kiefern, die dreiviertel aller Brandenburger Wälder beherrschen, gelten Buchen als besonders artenreich. In einem Buchenwald leben 7000 Tierarten, allein 5000 Insekten- und 70 Schneckenarten. Auch 250 Pilzarten gibt es. Alles passt zusammen. Der Wald ist ein Kunstwerk der Natur und sobald ein Faktor überhand nimmt – zu viel Sonne, zu wenig Regen, zu viele Schadinsekten – kann der ganze Wald leiden.

Das Mikroklima könnte sich radikal ändern

Luthardt bückt sich, greift in den Boden. Obenauf liegen braune Blätter. „Die sind von 2019.“ Darunter ist das, was vom Jahr 2018 übrig ist. Es riecht feucht, erdig und nach Pilz. Wer genau hinschaut, erkennt, dass es Laubblätter sind, zersetzt von Pilzen, Käfern, Bakterien, Milben oder Wanzen. „Das ist wertvoller Dünger, die Hauptnahrungsquelle der Bäume“, sagt Luthardt.

Doch wenn der Boden austrocknet, wird der Nährstoffnachschub unterbrochen. Erst sterben einzelne Bäume und das Blätterdach bekommt Löcher. „Dann knallt hier sechs Stunden lang die Sonne auf den Boden. Damit ändert sich das feucht-kühle Mikroklima des schattigen Buchenwaldes radikal.“ Und je mehr Laub oben fehlt, umso mehr Sonne fällt auf den Boden und lässt immer mehr Wasser verdunsten. Der Negativtrend verstärkt sich.

Wälder als natürliche Klimaanlagen

Luthardt spricht von einem Teufelskreis. Denn das Leiden der Bäume bleibt nicht unbemerkt. Die Forstfachleute haben Messungen vorgenommen und festgestellt, dass die Bäume bei „Trockenstress“ bestimmte Gase aussondern. „Ich nenne es Angstschweiß“, sagt er. Den riechen die Käfer und anderen Schadinsekten. „Es wirkt wie ein Lockmittel. Die Insekten wissen: Der Baum hat kaum noch Abwehrkraft, der ist schwach. Die Insekten sind dann die Totengräber für den bereits geschwächten Baum.“

Doch die Wälder werden gebraucht. Sie sind natürliche Klimaanlagen, die effektivsten Kohlendioxid-Killer. Sie verwandeln jedes Jahr Tonnen des klimaschädlichen Gases in lebenswichtigen Sauerstoff und binden auch jede Menge Feinstaub. Sie verdunsten Unmengen an Wasser und kühlen damit die Luft ab.

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Damit der perfekte Kreislauf dieses Buchenwaldes funktioniert, ist von außen nur Licht und Niederschlag nötig. Buchen sind wahre Meister im Umgang mit Wasser. Die oberen Äste stehen steil nach oben, an ihnen rinnt Regenwasser hinunter, immer am glatten silbergrauen Stamm hinab, bis zum Boden, so dass die Wurzeln das Wasser aufnehmen können. Eine riesige alte Buche zieht im Sommer bis zu 400 Liter Wasser. Doch in Dürrejahren ist Regen nun mal echte Mangelware.

Wälder kann man nicht gießen

Messungen im Boden haben ergeben, dass erst in 1,80 Metern Tiefe wieder Wasser vorhanden ist, das die Pflanzen nutzen können. „Nun hat es immerhin seit Oktober ganz normal geregnet“, sagt der Fachmann. Aber das Regenwasser sei bislang nur 40 Zentimeter tief in den Boden eingedrungen. „Um die Wasserverluste im Boden und im Grundwasser durch die zweijährige Hitze auszugleichen, müsste es nun 30 Tage lang in Folge Dauerregen geben.“

Die Trockenheit macht den Buchen und Eichen besonders zu schaffen. Dabei sollte den Laubbäumen doch die Zukunft gehören. In Brandenburg stehen zu 70 Prozent Kiefern. Da solche Monokulturen nicht so widerstandsfähig sind, wenn zum Beispiel bestimmte Schädlinge darin wüten, sollte der Waldumbau die Kiefernforste in bunte Mischwälder verwandeln.

Viele Wälder leiden unter der Trockenheit der vergangenen zwei Jahre.
Foto: Gerd Engelsmann

Nun aber haben ausgerechnet die Laubbäume besonders unter der Hitze gelitten. „Aber auch die Nadelbäume wurden geschädigt“, sagt Luthardt. „Es gibt keine Alternative zum Waldumbau. Wir müssen es dann mit anderen Laubbäumen versuchen, dem Ahorn, der Linde oder der Hainbuche.“ Es sollten heimische Arten sein, für die es einen passenden Mikrokosmos an Insekten und Tieren gibt.

Luthardt geht zu einer schmalen Buche, vielleicht 70 Jahre alt. In Kopfhöhe steht ein drei Meter langer Ast vom Stamm ab. Er nimmt den Ast und sagt: „Oh, die Knospen, die im Frühjahr austreiben sollen, sind aber klein, und es sind viel zu wenige.“

„Der Grumsin wird nicht sterben“

Nun, am Mittag, ist der Nebel über dem Moor verschwunden. Die Landschaft am Rande des Grumsin sieht auch bei Sonne trostlos aus. Eigentlich sind solche Moore gigantische Speicher, die sehr viel Wasser in der Landschaft halten. Wie Schwämme versorgen sie die umliegende Natur mit feuchtem Nass. Doch dieses Moor trocknet immer weiter aus und gibt dabei auch noch reichlich klimaschädliches Kohlendioxid ab.

Wird der Grumsin sterben? Luthardt schüttelt den Kopf. „Gefährdet sind vor allem jene Buchen, die auf Hügeln stehen und deren Wurzeln nicht tief genug reichen. Der Grumsin wird nicht sterben. In diesem Wald gibt es zum Glück viele kleine Seen.“

Am besten wäre nun viel Schnee

Luthardt geht den Weg entlang. Jetzt müsste tiefster Winter sein, doch es ist recht warm. Er setzt kurz das Basecap mit der Aufschrift „Waldwirtschaft – aber natürlich“ ab. Niemand weiß, welches Wetter das Jahr bringen wird. Der Hundertjährige Kalender verspricht Regen. Doch gelten solche Prognosen noch in Zeiten des Klimawandels? Für die Wälder hängt alles am Wetter, denn Wälder kann man nicht gießen.

Luthardt schaut sich um. „Es ist schon wieder wie im vergangenen Januar. So verdächtig trocken und mild.“ Wenn er sich jetzt etwas wünschen dürfte, dann wäre es Schnee, viel Schnee – mindestens ein Meter hoch. Schnee, der ganz langsam taut und die Wasserspeicher im Boden wieder auffüllt. „Denn dieser schöne alte Wald und auch viele andere sind längst am Limit“, sagt er. „Wenn wir noch solch ein Jahr bekommen wie 2018 und 2019, dann gnade uns Gott.“