Einweg-E-Zigaretten verlocken für allem Jugendliche zum Rauchen

Recyclingwirtschaft, Umwelt- und Jugendschützer sind sich einig: Wegwerfdampfgeräte sollen vom Markt verschwinden. Ihre Batterien können sogar Feuer fangen.

Werden immer beliebter, vor allem bei jungen Konsumenten: E-Zigaretten.
Werden immer beliebter, vor allem bei jungen Konsumenten: E-Zigaretten.Koen van Weel/imago

Die Einweg-E-Zigaretten stehen im Spätkauf von Hasan Ballikaya an der Schillerpromenade in Neukölln nicht wie üblich direkt an der Kasse. Der Kunde muss sich umschauen, bis er sie auf einer anderen Theke entdeckt. Die Geräte erinnern an Textmarker. Es gibt sie in allen möglichen Farben.

Die Wegwerfgeräte versprechen Dampf, der nach Erdbeere schmeckt oder Guave. Sie enthalten eine geladene Lithium-Ionen-Batterie. Der Akku muss nicht erst aufgeladen werden, wie bei den seit mehr als einem Jahrzehnt im Handel erhältlichen Mehrweg-E-Zigaretten. Der Konsument muss einfach eine Plastikkappe vom Mundstück ziehen und kann gleich inhalieren. Der Dampf erhält neben Aromen suchterzeugendes Nikotinsalz. 600 Züge verspricht etwa die beliebte Marke „Elfbar“ aus China. Nach dem letzten Zug ist die Batterie leer. Das Gerät ist so nutzlos wie ein Textmarker ohne Farbe.

Vater kauft E-Zigarette für den Sohn

Ballikaya macht kein Hehl daraus, dass er die Produkte nicht gerne verkauft. Ein Verbot sei überfällig, auch wenn er dadurch Einnahmen verlöre, meint er. „Bei machen Sachen interessiert mich der Umsatz nicht, hier geht es um Jugendschutz“, sagt er.

Hier geht es um Jugendschutz.

Hasan Ballikaya, Späti-Verkäufer

Die Käufer der Einweg-Dampfer seien in der Regel jung. „Ich lasse mir von allen den Ausweis zeigen, um sicher zu sein, dass sie mindestens 18 sind“, sagt er. Seiner Erfahrung nach sei es für Minderjährige dennoch nicht schwer, an die Wegwerf-E-Zigaretten heranzukommen. Es fänden sich oft Ältere, die mit gültigem Ausweis die Geräte für jüngere Freunde kauften. „Einmal habe ich einen Jungen unter 18 weggeschickt. Der kam dann mit seinem Vater zurück, der den Dampfer für den Sohn gekauft hat. Ich war sprachlos“, sagt der Späti-Verkäufer. 

Bayern macht Dampf für ein Verbot

Der Wunsch des Späti-Verkäufers könnte in Erfüllung gehen. Bayern macht Dampf für ein Verbot der Produkte. Die Landesregierung in München will über eine Bundesratsinitiative erreichen, dass sich Deutschland für ein EU-weites Aus für die Geräte einsetzt.

Eine Koalition aus Jugend- und Umweltschützern und die deutschen Recyclingwirtschaft flankieren den Vorstoß Bayerns zum Teil mit Kampagnen. Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) haben sich mit Schreiben an die übrigen 15 Landesregierungen gewandt, die Initiative Bayerns zu unterstützen.

E-Zigaretten verursachen Brände

Der geschäftsführende Präsident des BDE, Peter Kurth, schildert eine dramatische Brandgefahr durch unsachgemäß entsorgte Einweg-E-Zigaretten. Landeten die Geräte nicht beim Wertstoffhof, sondern im Hausmüll, wanderten sie in die Müllpresse. Die Lithium-Ionen-Akkus könnten unter Druck Schaden nehmen und Feuer verursachen. „Wir haben inzwischen täglich Brände in Müllbehältern, Müllwagen oder auch ganzen Anlagen durch beschädigte Batterien“, sagt Kurth.

Wir haben inzwischen täglich Brände.

Peter Kurth, Präsident des BDE

Einweg-Akkus seien zwar nicht nur in den Wegwerfdampfern verarbeitet, sagt Kurth. Durch die zunehmende Beliebtheit der Produkte drohe aber eine Zunahme der Brandgefahr.

Einwegprodukte verschwenden Ressourcen

In Zeiten knapp werdender Ressourcen sei ein Produkt wie die Wegwerf-E-Zigarette geradezu frevelhaft. „Die Batterien im Restmüll können wir nicht mehr dem Recycling zuführen“, sagt Kurth.

Die Batterien im Restmüll können wir nicht mehr dem Recycling zuführen.

Peter Kurth, Präsident des BDE

Der Nabu lehnt die Wegwerf-E-Zigaretten ebenfalls als Rohstoffverschwendung ab. Im Hausmüll hätten Batterien nichts zu suchen, betont die Leiterin Ressourcenpolitik beim Nabu, Indra Enterlein. Gifte wie Quecksilber, Blei und Kadmium könnten in die Umwelt gelangen. 

Dampf schmeckt wie eine Süßigkeit

Die Berliner Fachstelle für Suchtprävention wirbt aus anderen Gründen für ein Verbot der nikotinhaltigen Einweggeräte. Die Produkte seien einfach in der Handhabung und bis ins Detail dafür entworfen worden, junge Menschen an Nikotin heranzuführen, warnt Christina Schadt von der Fachstelle. „Sie sehen cool aus, schmecken nicht so kratzig wie Tabakzigaretten und schmecken wie eine dampfende Süßigkeit“, sagt Schadt. 

Schadt verweist auf die Popularität der Produkte in bei jungen Menschen beliebten Onlinemedien wie dem Videoportal TikTok. 

Dampfer könnten Raucher werden

Die nikotinhaltigen Produkte kämen zu harmlos daher, um jungen Menschen Risiken bewusst zu machen, warnt Schadt. Eine Gefahr sei, dass nikotinsüchtige Jugendliche, auf Tabakzigaretten umstiegen. 

Die Zahl der jungen Raucher hat sich im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2021 fast verdoppelt, heißt es in der sogenannten Debra-Studie, der Deutschen Befragung zum Rauchverhalten. Die Quote unter 14- bis 17-Jährigen stieg sprunghaft von 8,7 auf 15,9 Prozent an. Schadt vermutet auch einen Zusammenhang mit den beliebten Einweg-E-Zigaretten. „Für Jugendliche ist das Risiko deutlich höher, wenn sie dampfen, auch zu anderen Rauchprodukten zu greifen“, sagt Schadt.

Für Jugendliche sind sie ein Einstig in die Sucht.

Christina Schadt, Fachstelle für Suchtprävention

Die Suchtexpertin räumt ein, dass die seit Jahren vertriebenen Mehrweg-E-Zigaretten für stark abhängige Raucher ein Ausweg aus dem Tabakkonsum sein könnten. Der deutsche E-Zigaretten-Handel plädiert aus dem gleichen Grund für eine ausgewogene Bewertung. „Einweg-E-Zigaretten als neuartige Geräte sind ein niederschwelliges Angebot für Raucherinnen und Raucher, die E-Zigarette auszuprobieren und haben ihre Daseinsberechtigung. Aus Nachhaltigkeitsaspekten sind sie aber auch kritisch zu beurteilen“, erklärt Oliver Pohland, Geschäftsführer des Verbands des E-Zigarettenhandels. 

Verband will mit Recyclingwirtschaft sprechen

Der Verband suche das Gespräch mit Politik und Recyclingwirtschaft, um Lösungen für die Entsorgung zu erarbeiten, erklärt Pohland.

Dustin Dahlmann, Vorsitzender Bündnis für Tabakfreien Genuss, fordert mehr Aufklärung für Konsumenten. Tabak- und Nikotinkonsum sei in sozialen Schichten mit geringem Einkommen besonders verbreitet. Konsumenten hielten Einweg-E-Zigaretten häufig für die günstigste Variante. Wiederaufladbare und nachfüllbare E-Zigaretten seien nahezu genau so einfach zu handhaben wie Einweg-E-Zigaretten, meint Dahlmann. „Diese nachhaltigeren Produkte, die bei der Erstanschaffung etwas teurer sind, aber auf Dauer deutlich Kosten sparen, werden von den Händlern verstärkt angeboten“, sagt der Vorsitzende.