Die Waldbrände in Australien haben den Lebensraum von vielen seltenen Tierarten vernichtet. Ob sich die Bestände erholen, ist eher fraglich. 
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BerlinIn den vergangenen Tagen hat David Lindenmayer seine Frau kaum zu Gesicht bekommen. Die auf Wildtiere spezialisierte Veterinärmedizinerin war unterwegs in den von Buschfeuern betroffenen Gebieten im Südwesten Australiens. Dort musste sie etwas tun, was wohl zu den schlimmsten Tätigkeiten ihres Berufs gehört: „Sie hat verletzte Tiere eingeschläfert“, berichtet Lindenmayer, der als Landschaftsökologe und Naturschutzbiologe die seit Monaten in Flammen aufgehende Natur im Südwesten seines Landes auch selbst genau im Blick hat. „Es ist entsetzlich“, berichtet Lindenmayer, der am Centre for Resource and Environmental Studies der Australian National University in Canberra als Professor tätig ist. „So viele Tiere wurden durch die Brände schwer verletzt oder kamen dabei um.“

Am Montag veröffentlichte das australische Umweltministerium eine vorläufige Einschätzung der Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt. Demnach sind von den Buschfeuern die Lebensräume von mehr als 300 bedrohten Tier- und Pflanzenarten betroffen. Bei 191 Arten sei mindestens ein Drittel des insgesamt besiedelten Lebensraums in Mitleidenschaft gezogen worden. Bei 49 davon sogar mehr als 80 Prozent.

Einige Spezies rückten dadurch noch näher ans Aussterben, resümiert die Behörde. Der Analyse zufolge gehören zu den betroffenen Arten neben gut 270 Pflanzenspezies 16 Säugetier-, 14 Frosch- und neun Vogelarten.

Grafik:  BLZ Galanty, Quelle Buerau of Meteorology (BOM), dpa

In Fernsehberichten waren viele Bilder von verletzten Wombats zu sehen. Um das Überleben dieser zwar schwer betroffenen, aber weit verbreiteten Tierart sorgt sich David Lindenmayer bei allem Mitleid nicht ganz so sehr. Er fürchtet vor allem um die Bestände von Tierarten, deren Lebensraum sich auf relativ kleine Gebiete in Australien beschränkt. Als Beispiel nennt er die Känguru-Insel-Schmalfußbeutelmaus, die nur auf der vor der Südküste Australiens gelegenen Känguru-Insel beheimatet ist. Auf dem durch Feuer schwer verwüsteten Eiland ist vermutlich auch etwa die Hälfte der 50 000 Koalas verendet.

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Es sind etliche bedrückende Zahlen und Nachrichten von dem Kontinent auf der Südhalbkugel.  Bislang sind mehr als 30 Menschen bei den Bränden umgekommen, fast 3000 Wohnhäuser wurden zerstört, knapp 19 Millionen Hektar Land sind abgebrannt. Dabei sind auch mindestens eine Milliarde Säugetiere, Reptilien und Vögel ums Leben gekommen, schätzt Chris Dickman, Ökologe an der University of Sydney in einer Hochrechnung.  

Grafik: BLZ Galanty, dpa

„Es ist tödlich still, wenn man nach einem Brand in einen Wald geht“, berichtete der Ökologe Michael Clarke von der La Trobe University in Bundoora dem Fachmagazin Nature. Lediglich Aasfresser wie Würgerkrähen und Raben pickten in solch einem Gebiet an verendeten Tieren herum. Es sei eine schaurige Erfahrung.

Ausweichmöglichkeiten gebe es für unverletzt gebliebene Bewohner solcher Gebiete kaum. „Selbst wenn es ein Tier zu einem nicht verbrannten Flecken schafft, wird die Dichte der Lebewesen, die dort auch zu überleben versuchen, die Kapazität des Gebietes überschreiten“, so Clarke.  Die Biodiversität in Australien sei ohnehin rückläufig, gibt sein Kollege Charles Dickman zu bedenken. Bei Säugetieren habe Australien die höchsten Aussterberaten weltweit.

Grafik:  BLZ Galanty, BOM, dpa 

Die Brände beschleunigten diese Prozesse nun für eine Reihe weiterer Arten. Hinter der Feuerkatastrophe steckt der Klimawandel. Darüber sind sich die meisten Experten einig. Immerhin war 2019 in Australien das heißeste und trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Es sei allerdings schwer, einzelne Brände dem Klimawandel zuzuordnen, sagt Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Klar sei, dass die Klimaerwärmung extreme Hitzewellen wahrscheinlicher gemacht habe. „Und diese hohen Temperaturen sind sehr oft mit Trockenheit gepaart“, sagt die Feuerökologin. In sehr trockenen Jahren gebe es fast immer auch eine Zunahme verbrannter Flächen.

In Australien mache sich der Klimawandel besonders heftig und besonders früh bemerkbar, sagt Dickman. „Man kann bei uns sehen, was die globale Erwärmung in ihren ersten Stadien auch in anderen Teilen der Welt anrichten könnte“, ergänzt er. Nun gehe es darum, die Biodiversität zu schützen. Wie lange die Natur insgesamt brauchen wird, um sich zu erholen, lässt sich den Experten zufolge kaum abschätzen. Möglicherweise dauere das länger als bei Bränden zuvor. Denn das Nachwachsen der Vegetation hängt vom Niederschlag ab – und der ist unvorhersagbar geworden.

Quelle:  Rote Liste