Mish Simpson und ihr Koala-Baby Henry.
Foto: Sissi Stein-Abel

AdelaideIn Cheryls Wohnzimmer in Greenwith, in den Adelaide Hills nordöstlich von Adelaide gelegen, ist eine dicke Astgabel als Kletterbaum aufgebaut. Darauf döst der sieben Monate alte Austen, und die ein, zwei Monate ältere Maisy klettert von Ast zu Ast. Die beiden Koala-Babys – Joeys genannt – sind Waisenkinder.

Austen wurde weinend unter einem Auto in Lobethal gefunden, von der Mutter keine Spur. Keiner weiß, ob sie noch lebt. Ob sie zu schwach war, um für ihren Nachwuchs zu sorgen, ob sie bei einem Baumwechsel von einem Hund angegriffen oder von einem Auto angefahren wurde und das Baby dabei von ihrem Rücken fiel.

Täglich werden verletzte Tiere aufgelesen

Damals waren die Temperaturen noch erträglich, jetzt wüten auch in dieser Gegend des australischen Bundesstaates South Australia verheerende Buschfeuer. Die Lage im Krisengebiet um Cudlee Creek, Woodside, Lobethal und Gumeracha war nach Weihnachten so katastrophal, dass die für solche Situationen geschulten und lizenzierten Koala-Retter keinen Zutritt mehr hatten.

Jetzt ist das Feuer unter Kontrolle, aber noch immer werden täglich verletzte Tiere aufgelesen und mit Infusionen rehydriert, das angesengte Fell gestutzt, die verbrannten Pfoten mit Salbe eingecremt und bandagiert, Verbände gewechselt.

Dieser Koala konnte von der Kangaroo Insel gerettet werden.
Foto: Getty Images/Lisa Maree Williams

Das findet meistens beim Tierarzt statt, und der Vorgang ist so schmerzhaft, dass manche Koalas dafür betäubt werden müssen. „Das ist nicht ideal“, sagt Dee Hearne-Hellon, „aber wenn man das nicht macht, werden die Helfer verletzt. Man darf nicht vergessen, dass Koalas wilde Tiere sind. Sie können nicht domestiziert werden.“

Freiwilligen-Organisation: Retten, was zu retten ist

Die „Adelaide and Hills Koala Rescue“-Gruppe ist mit rund 30 Mitgliedern die größte Freiwilligen-Organisation in Südaustralien, wo jetzt der Fokus auf Kangaroo Island gerichtet ist. Die halbe Insel – die drittgrößte Australiens – ist ein Inferno und es wird befürchtet, dass die Hälfte der Koala-Population von rund 50.000 in den Flammen umgekommen ist. Einige Mitglieder der Gruppe haben mit der Fähre in das 130 Kilometer südwestlich von Adelaide gelegene Tierparadies übergesetzt und packen mit an, um zu retten, was zu retten ist. Es ist nicht viel.

Cheryl, Dee und Merridy Montarello sind die Gründerinnen der Gruppe in den Adelaide Hills – und Merridy ist die „Queen Koala“, laut Cheryl „unser Guru, der alles weiß“. Dee postet regelmäßig lustige Erfolgsgeschichten auf Facebook, aber die Wahrheit ist, dass selbst in Zeiten ohne Buschfeuer nur 25 Prozent der geretteten Koalas überleben. „Wir behalten viele traurige Geschichten für uns, um die Leute, die verletzte oder kranke Koalas finden, nicht zu demotivieren“, sagt sie.


Rettung aus der Luft

  • Die Regierung nennt die Aktion „Operation Felskänguru“: Einsatzkräfte haben im australischen Bundesstaat New South Wales aus Hubschraubern des National Parks and Wildlife Service Tausende Kilo Karotten und Süßkartoffeln abgeworfen, wie der Umweltminister des Bundesstaats Matt Kean per Twitter mitteilte. Sie seien für die Bürstenschwanz-Felskängurus in seinem Staat gedacht. Freuen dürfen sich indes auch die anderen Tieren.
  • Seit Monaten wüten vor allem im Südosten des Kontinents heftige Buschbrände. In den besonders betroffenen Bundesstaaten New South Wales und Victoria loderten am Montag noch um die 140 Feuer, der Rauch machte sich bis nach Sydney bemerkbar. Nach jüngsten Angaben von Premierminister Scott Morrison kamen bislang 28 Menschen ums Leben. Laut einer Expertenschätzung kamen mindestens eine Milliarde Säugetiere, Reptilien und Vögel bei den Bränden ums Leben.

Bei den extremen Temperaturen trocknen auch die Eukalyptusblätter aus, von denen sich die in den Baumkronen lebenden Koalas fast ausschließlich ernähren. In den Buschfeuern explodieren die Bäume aufgrund ihres Ölgehalts förmlich und die Koalas haben kaum eine Chance zu überleben.

Koalarettung: Unbezahlter 24-Stunden-Job

Die Weinbau-Region McLaren Vale, südlich von Adelaide, ist in diesem Jahr von den Flammen verschont geblieben. Aber auch hier sind die Koalas in Not. Im Garten von Mish und Wade Simpson in Onkaparinga, einem kleinen Ort 35 Kilometer südlich der Hauptstadt von South Australia gelegen, sitzt der kleine Harry in einem Birnbaum und klettert auf den Ästen. Dann lässt er sich auf den Boden gleiten und benützt Mish als Kletterbaum.

Das ist schmerzhaft, denn Koalas springen mit Schwung auf Bäume und krallen sich fest, und je jünger ein Koala ist, desto schärfer sind die Krallen; sie stumpfen erst durch jahrelanges Klettern ab. Kratzer und Narben an Händen, Armen und Hals sind die Erkennungsmerkmale von all jenen Menschen, die verwaiste, verletzte und kranke Koalas pflegen. Und Augenringe, denn ähnlich wie Menschenkinder müssen die Joeys alle vier bis sechs Stunden mit Muttermilchersatz aus der Flasche gefüttert werden.

Es ist ein unbezahlter Rund-um-die-Uhr-Job neben Beruf und Haushalt, denn nach jedem Notruf fährt das Ehepaar, egal ob bei Tag oder Nacht, meilenweit durch die Gegend und sammelt Koalas ein. Mish (34), die in Adelaide als Datenwissenschaftlerin für die Landesregierung arbeitet, und Wade (36), der zwei Autowerkstätten besitzt, sind die „Southern Koala Rescue“. Wade nennt sich selbst „Koala-Mutter“, und so ist das auch. Die beiden sind Muttertier-Ersatz und müssen diesem unfassbar goldigen Beuteltier alles beibringen, was es später in der Wildnis braucht.

Die "Southern Koala Rescue" im Einsatz: Mish und Wade Simpson.
Foto: Sissi Stein-Abel

Ohne Spenden und Sponsoren geht es nicht

Harry schläft in einer plüschigen Kuschelhülle, dem Ersatz für den Beutel seiner echten Mutter, in dem er die ersten sechs, sieben Lebensmonate verbracht hätte, und statt sich auf Mamas Rücken festzukrallen, steigt er Mish auf die Schulter. Mittlerweile ist Harry alt genug, um tagsüber in einem großen Gehege Eukalyptusblätter zu knabbern, zu klettern und einen Plüschteddy zu knuddeln.

Vier solche Gehege für jeweils zwei Koalas haben die Simpsons im Garten, alle selbst finanziert. Wer Koalas rettet und versorgt, ist auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Im Gegensatz zur freien Wildbahn, wo sie Einzelgänger sind, freunden sich Koalas in den Gehegen an, das verringert den Stress. Jetzt während der Hitzewelle kommen manche Tiere nur für zwei, drei Tage, werden rehydriert und dann wieder in die Freiheit entlassen.

Summer und ihr Joey Blaze sind länger da. Blaze erlitt einen Hitzschlag und fiel aus dem Baum. Summer wurde eingefangen und mit Blaze wiedervereinigt. Im Gehege genießen die beiden vor ihrer Entlassung die Kaltwasser-Sprühanlage und die frischen Eukalyptusblätter.

Nebenan sitzt Priscilla und brüllt, weil sie Angst und Schmerzen hat. Sie ist von einem Hund angefallen worden, eine ihrer Krallen fehlt. Die Behandlung von infizierten Wunden ist problematisch, weil Antibiotika die Darmbakterien töten, die Koalas zur Verdauung der giftigen Eukalyptusblätter benötigen.

Große Gefahren durch Hunde, Autos und Infektionen

Abgesehen von Buschfeuern, sind Hunde und Autos die größten Koala-Killer. Verletzte Koalas werden zum Röntgen und für Infusionen zum Tierarzt gebracht. Andere Untersuchungen können die Ersthelfer selbst durchführen. Mit einem Abstrich wird auf die Infektionskrankheit Chlamydia getestet, von der in Südaustralien rund 40 Prozent der Population befallen sind. Bestätigt sich der Verdacht auf eine Nierenfunktionsstörung, wird das Tier eingeschläfert, um ein langes und elendes Sterben abzukürzen.

Alle paar Tage fahren Mish und Wade elf Kilometer in ein Schutzgebiet in der Nähe von McLaren Flat, um nach Bugsy und Evie zu schauen. Die Jungtiere, die einst als Joeys zu den Simpsons kamen, sitzen auf einem himmelhohen Eukalyptusbaum, um sich an das Leben ohne Kontakt zu Menschen zu gewöhnen.

Der Rutenförmige Eukalyptus (Eucalyptus viminalis) ist von einer hohen Aluminiumwand umgeben, um Hunde und Wildkatzen fernzuhalten. Unter dem Baum stehen Behälter mit Zweigen von drei anderen Eukalyptusarten aus Tasmanien, Süd- und Westaustralien. Diese Vielfalt benötigen die Koalas, denn irgendwann unterm Jahr ist die Toxizität ihrer Lieblingsbäume so hoch, dass sie sich damit vergiften würden. Haben sie auch diese letzte Lektion gelernt, werden sie ausgewildert.

„Einmal in Freiheit, klettern sie auf einen Baum und wollen dich nicht mehr sehen“, sagt Mish. „Es ist ein bisschen traurig, aber es ist der Grund, warum wir Koalas retten.“