Wildtierretter Simon Adamczyk trägt einen Koala aus einem brennenden Wald in der Nähe von Cape Borda auf Kangaroo Island, südwestlich von Adelaide.
Foto:  dpa/AAP/David Mariuz

CanberraDas kurze Vidoe, das man sich im Internet anschauen kann, ist herzzerreißend. Völlig verstört irrt ein Koala auf einer verqualmten Straße herum und tappt mitten ins brennende Unterholz. Sein Schicksal scheint schon besiegelt zu sein, als er von einer seiner menschlichen Nachbarinnen gerettet wird. Als Erste Hilfe gibt es Wasser aus der Flasche – zum Trinken und zur ersten Befeuchtung des Fells. Man hört die Schreie des verängstigten und offenbar auch verletzten Tieres.

Frau rettet Koala aus Flammen.

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Die verheerenden Buschbrände, an der Ostküste Australiens bedrohen auch eine der Ikonen der dortigen Tierwelt. Tausende Koalas sterben. „Vor allem in den dicht besiedelten, fruchtbaren Küstenregionen im Osten ist die Lage der Koalas prekär“, heißt es auf der Seite der Naturschutzorganisation WWF. „Mehr als die Hälfte im Bundesstaat Queensland und mehr als ein Viertel in New South Wales drohen innerhalb von nur sechs Koala-Generationen zu verschwinden.“

Als eher gemütliche Baumbewohner stehen die Koalas den Flammen weitgehend hilflos gegenüber. Auf flinken Pfoten wegzurennen, ist nicht ihre Sache. Und ihre alte Strategie, sich bei Gefahr einfach in die Kronen zurückzuziehen und abzuwarten, hilft in einem solchen Inferno nicht weiter. Wie bereits beschrieben, fallen in den Katastrophengebieten verkohlte Koalas dutzendweise aus den Kronen der Eukalyptusbäume. Diese wirken Darstellungen zufolge mit ihren Ölen wie Brandbeschleuniger, lodern wie riesige Fackeln.

Große Waldbrände hat es in der Heimat der Koalas zwar auch früher schon gegeben. In letzter Zeit aber scheinen diese Ereignisse häufiger und zerstörerischer zu werden. Die Flammen brennen heißer, erreichen auch noch die höchsten Wipfel. Und die Saison beginnt immer früher. Nach ungewöhnlich langer Dürre wüten sie bereits seit Oktober. Niemand weiß, wie lange die Buschbrände dauern werden und was auf die Feuerwehren und Bewohner im australischen Hochsommer noch zukommen wird.

Zählung im Dunkeln

Aber nicht nur die Brände bedrohen die Koala-Bestände in Australien. Diese waren auch davor schon in arger Bedrängnis gewesen. Die Organisation Australian Koala Foundation (AKF) machte bereits im Mai mit der Behauptung Schlagzeilen, die grauen Baumbewohner seien in der gesamten australischen Landschaft „funktionell ausgestorben“. Gemeint ist damit, dass sich die Bestände wohl nicht mehr erholen können.

Daten zum Koala.
Grafik: afp

Andere Koala-Fachleute bezweifeln das allerdings. Für einige Regionen stimme diese pessimistische Einschätzung zwar, aber sicher nicht für alle, lautet der Tenor. Manchen Populationen gehe es sogar recht gut. Bei anderen wisse man es einfach nicht. Denn von fundierten Daten können Wissenschaftler bisher nur träumen. „Koalas zu zählen, ist extrem schwierig“, sagt Alex Greenwood vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. „Schließlich verbringen sie viel Zeit hoch oben in Eukalyptus-Bäumen und das oft auch noch in entlegenen Regionen.“

Die klassische Zählmethode besteht darin, im Dunkeln nach den überwiegend nachtaktiven Tieren zu fahnden. Man läuft dazu eine Strecke entlang und leuchtet jeden Baum aus verschiedenen Winkeln ab. Das ist aufwendig und teuer. Mehr als ein paar Stichproben in kleineren Gebieten sind da bei den meisten Studien nicht drin. Darüber hinaus gibt es Bürgerforschungsprojekte, zu denen alle Interessierten ihre Koala-Beobachtungen beisteuern können.

Auch mithilfe von Drohnen, Wärmebildkameras und Mikrofonen zum Belauschen der Koala-Rufe haben Forscher schon Daten zusammengetragen. Für einen Überblick über den gesamten Bestand reicht das aber nicht. „Bisher weiß niemand, wie viele Koalas es genau gibt“, sagt Alex Greenwood. „Die Schätzungen gehen da weit auseinander.“

Die Koala-Schützer von der AKF nehmen beispielsweise an, dass in ganz Australien höchstens noch 80.000 dieser Beuteltiere leben. Eine Studie, die Christine Adams-Hosking von der University of Queensland und ihre Kollegen im Jahr 2016 veröffentlicht haben, kam dagegen auf eine Zahl von rund 329.000 Tieren. Auch diesen Forschern macht allerdings der rückläufige Trend Sorgen: So hat Australien ihren Schätzungen zufolge innerhalb von drei Generationen fast ein Viertel seiner Koalas verloren, im Bundesstaat Queensland sogar mehr als die Hälfte.

Krebs und Chlamydien

Es steht also nicht gut um Australiens populären Eukalyptus-Fresser. Trotz aller Unsicherheiten über die genauen Bestandszahlen sind sich Wissenschaftler und Naturschützer in diesem Punkt einig. Die verheerenden Feuer sind dabei nur eine von zahlreichen Schwierigkeiten, mit denen die Art seit Jahren zu kämpfen hat. So verstärkt der Klimawandel nicht nur die Brandgefahr, sondern auch die Dürren, die den für Koalas lebenswichtigen Eukalyptusbäumen zu schaffen machen.

Und auch die extremen Hitzewellen, die den Kontinent im Sommer immer häufiger heimsuchen, verkraften die Tiere nicht gut. Zahlreiche weitere Koalas kommen durch Verkehrsunfälle oder Attacken durch Hunde und andere Feinde ums Leben.

Ein Koala-Weibchen.
Foto: dpa/Robert Michael
Ein Leben in den Bäumen

Beuteltier: Der Koala – Phascolarctos cinereus – ist der einzige noch lebende Vertreter einer Beuteltierfamilie, deren älteste Fossilien rund 25 Millionen Jahre alt sind. Bis heute sind fünf weitere Gattungen dieser Familie bekannt, die wohl alle laubfressende Baumbewohner waren.

Lebensraum:
Ursprünglich kamen Koalas in vielen Regionen Australiens vor. Wegen ihres Fells wurden sie aber so intensiv gejagt, dass sie vielerorts ausgestorben sind. Ihr Verbreitungsgebiet beschränkt sich daher heute auf den Osten und Südosten des Kontinents.

Eukalyptus: Koalas leben vor allem in Baumkronen, auf den Boden kommen sie nur ungern. Sie ernähren sich von Blättern, Rinde und Früchten bestimmter Eukalyptus-Arten. Ein erwachsener Koala wiegt zwischen vier und 14 Kilogramm. Er braucht täglich 200 bis 400 Gramm Blätter.

„Zusätzlich ist die Art auch noch durch verschiedene Gesundheitsprobleme bedroht“, sagt Alex Greenwood, der am IZW in Berlin die Abteilung für Wildtierkrankheiten leitet. Das Koala-Retrovirus zum Beispiel kann Krebs auslösen. Sehr viele Tiere sind zudem mit Chlamydien infiziert – sexuell übertragbaren Bakterien, die zu Blindheit, schweren Blasenentzündungen, Unfruchtbarkeit und sogar zum Tod führen können. „Die beiden Erreger könnten sogar zusammenwirken, um die Gesundheit der Tiere zu schädigen“, befürchtet Alex Greenwood.

Die größten Sorgen aber machen sich Koala-Schützer über den Schwund der Wälder, die bis heute oft Siedlungen und Farmland – unter anderem für den Anbau von Zuckerrohr – weichen müssen. Wenn man dagegen nichts unternehme, könnten die Koalas im Jahr 2050 tatsächlich ausgestorben sein, warnt die Naturschutzorganisation WWF Australien.

Tausende Hektar der Wälder in Australien sind zerstört.
Foto: afp

Darstellungen von Naturschützern zufolge werden seit vielen Jahren gerade im Nordosten des Landes, Busch- und Waldgebiete gerodet. Befördert werde dies dadurch, dass der Bundesstaat Queensland, die Gesetze gelockert habe, sodass für Kahlschlag und Zerstörung von Natur keine behördlichen Genehmigungen nötig seien, heißt es auf der Internetseite des Vereins Rettet den Regenwald. Lediglich für größere Rodungen bräuchten Landbesitzer eine staatliche Erlaubnis.

Angesichts der aktuellen Brände hat die Regierung von Queensland reagiert. Anfang Dezember gab sie bekannt, dass mehr als 570.000 Hektar Koala-Lebensräume im Südosten des Bundesstaates besser geschützt werden sollen.