135 beatmungsfähige Intensivbetten in Ein- oder Zwei-Bett-Zimmern entstehen in dem ehemaligen Bürotrakt in den nächsten Tagen.
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BerlinVier Etagen hoch, orangefarben verputzt – diesen schlichten Containerbau auf dem Gelände der Charité im Wedding bezeichnet Klinikchef Heyo Kroemer als „Geschenk des Himmels“. Hier waren bis vor zwei Wochen die IT-Angestellten der Charité untergebracht. Jetzt arbeiten sie von zu Hause. Ihre Büros werden in der Corona-Krise für Wichtigeres gebraucht: Als Intensivstation für die schwersten Covid-19-Fälle in Berlin, von denen manche nur die Charité behandeln kann.

Der Krisenumbau läuft gut. Deswegen ist heute auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) zu Besuch und besichtigt mit Journalisten und den Charité-Vorständen Ulrich Frei und Heyo Kroemer die neue Covid-Station.

Hälfte aller Intensivbetten noch frei

Das Coronavirus ist für die Gesundheitssysteme aller europäischen Länder ein extremer Stresstest. In Italien und Frankreich reichen die Beatmungsgeräte schon lange nicht mehr, sodass Ärzte dort entscheiden müssen, wem die knappen Ressourcen noch zukommen, wer überleben darf und wer sterben muss. Der Berliner Senat folgt seit Wochen dem gleichen Credo wie die Bundesregierung: Italienische Verhältnisse müssen um jeden Preis vermieden werden.

Neben den rigiden Freiheitsbeschränkungen für alle Bürger hat der Senat speziell den Krankenhäusern den Auftrag gegeben, die Zahl der beatmungsfähigen Intensivbetten in Berlin bis Ende April zu verdoppeln. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) verkündete am Donnerstag im Abgeordnetenhaus: Statt 1045 beatmungsfähigen Betten vor der Krise werden die Berliner Krankenhäuser bis Ende April sogar 2200 zur Verfügung stellen.

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Mit Stand Freitag gibt es laut Gesundheitsverwaltung derzeit 3486 Corona-Infizierte in Berlin. 473 werden im Krankenhaus behandelt, 124 auf Intensivstationen. Insgesamt sind laut Kalayci zehn Prozent der Intensivstationen mit Covid-Fällen belegt, 40 Prozent mit anderen Patienten. Die Hälfte der Betten steht noch leer – auch weil der Senat alle planbaren Operationen früh auf die Zeit nach die Krise verschoben hat. Es gehe darum, sich für die kaum vorhersagbaren Fallzahlen zu rüsten, so Kalayci.

Pressetermin mit Maskenpflicht: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) besuchte am Freitag die neue Covid-Station der Charité. 
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Charité profitiert von großem Pflegepersonal-Kontingent

Für die Kliniken, allen voran die Charité, bedeutet das einen gewaltigen Kraftakt. Vor zwei Wochen startete man mit dem Umbau, inzwischen werden im Erdgeschoss der Charité die ersten von zurzeit 45 Covid-Patienten versorgt. 135 beatmungsfähige Intensivbetten in Ein- oder Zwei-Bett-Zimmern entstehen hier in den nächsten Tagen insgesamt – ausgerüstet mit Beatmungs-, Dialyse- und Infusionsgeräten im Wert von rund 50.000 Euro, schätzt Frei. „Das ging in nur zwei Wochen?“, fragt der Regierende wiederholt und laut. „Wir haben den Mitarbeitern hier den Stuhl unterm Hintern weggezogen“, sagt Frei. „Das war eine Leistung.“

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Möglich war das auch, weil das Bürogebäude früher schon einmal Klinik war und die Sauerstoffleitungen für die Beatmung in die einzelnen Krankenräume schon gelegt waren. „Das hätten wir so sonst nicht geschafft“, sagt Kroemer. Die Charité profitiert in der Betreuung außerdem davon, dass sie eine große Zahl von Pflegepersonal hat, das erfahren ist im Umgang mit Patienten, die intensive Beatmung benötigen.

Covid-Patienten, die an einer Lungenentzündung leiden, müssen von den Schwestern und Pflegern immer wieder aufwendig umgebettet und auf den Bauch gedreht werden, während die Patienten eine Beatmungsmaske tragen. Die Charité besitzt laut Frei außerdem rund 40 der zurzeit international heiß begehrten ECMO-Beatmungsgeräte, die das Blut von Patienten mit schwersten Lungenschäden mit Sauerstoff anreichern können. Man habe einiges früh geahnt und vorzeitig bestellt, sagt Frei.

Müller: „Erbsenzählerei kann es jetzt nicht geben“

Doch nicht allen Unwirren der Krise kann die Charité trotzen: Die hohe Zahl der Mitarbeiter, die selbst Corona-infiziert sind, sei besorgniserregend, sagt Frei. Konkrete Zahlen will er nicht nennen. Man versuche, so schnell wie möglich zu testen und Verdachtsfälle zu isolieren.

Generell gelte aber: Man sei personell und technisch gut aufgestellt, noch weit von italienischen Verhältnissen entfernt. „Wir bereiten uns maximal vor, damit genau das nicht passiert“, so Kroemer.

Der Regierende verspricht dabei maximale Unterstützung. Die Kosten für die im Krankenhaus notwendigen Veränderungen, die zurzeit noch gar nicht bezifferbar sind, seien zweitrangig, so Müller. „Jetzt ist schnelle Hilfe nötig. Erbsenzählerei kann es in dieser Phase nicht geben.“