Der Lebensstil wirkt sich auf das Immunsystem aus. Stress, ungesunde Ernährung und Zigarettenrauchen schwächen zum Beispiel die Abwehrkräfte. 
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BerlinDer beste Schutz vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 sind die inzwischen wohlbekannten Hygienemaßnahmen sowie ein gewisses Maß an sozialer Distanz. Darüber hinaus ist es durchaus sinnvoll, sich Gedanken über seinen Lebensstil zu machen. Denn der wirkt sich auf die Gesundheit und vor allem auch auf den Zustand des Immunsystems aus. Und da gesunde Menschen bessere Chancen haben, die Corona-Infektion gut zu überstehen, ist es in diesen Zeiten durchaus angebracht, Gewohnheiten wie Rauchen, einseitiges Essen und Stubenhockerei auf den Prüfstand zu stellen.

„Es gibt einige Verhaltensweisen und Mittel, die nachweislich gegen Erkältungskrankheiten stärken“, sagt Carmen Scheibenbogen vom Institut für Medizinische Immunologie der Charité Berlin. Sie betont, dass es in dieser Hinsicht noch keine spezifischen Erfahrungen mit Sars-CoV-2 gebe. Dennoch hält sie eine Art Kur fürs Immunsystem jetzt durchaus für eine gute Idee. „Schließlich handelt es sich bei Sars-CoV-2 wie bei Erkältungserregern auch um ein Virus, das die Atemwege befällt“, sagt die Professorin, die an der Charité die Immundefekt-Ambulanz leitet. Der Expertin zufolge gibt es eine Reihe von Studien, in denen untersucht wurde, wie sich Erkältungen verhindern, in ihrem Verlauf abschwächen oder verkürzen lassen. Die wichtigsten Erkenntnisse:

Regelmäßig Sport treiben

„Moderater Ausdauersport aktiviert das Immunsystem“, sagt Carmen Scheibenbogen. Sowohl die Bildung von Abwehrzellen als auch die von Antikörpern, auch Immunglobuline genannt, werde dadurch angekurbelt. Empfehlenswert sind zum Beispiel dreimal pro Woche 30 bis 60 Minuten Ausdauertraining. „Extreme Belastungen wie zum Beispiel Marathonläufe dämpfen hingegen die Abwehrkräfte mehrere Tage lang“, warnt die Immunologin. Zurzeit empfiehlt sie eher Sport im Freien. „Sich in einem übervollen Fitnessstudio zu betätigen, ist sicher die weniger gute Idee mit Blick auf die Ansteckungsgefahr.“ Also ab in den Park oder Forst, denn damit erledigt man auch den folgenden Tipp.

Durchatmen an der frischen Luft

So viel wie möglich nach draußen zu gehen - für Sport, Spaziergänge oder als Ersatz für eine Fahrt mit U-Bahn und Co. -, ist eine einfache, aber effektive Maßnahme, um den Atemwegen etwas Gutes zu tun. Vor allem die Schleimhaut dort muss als oberste Schutzschicht in Rachen und Bronchien gut durchblutet und durchfeuchtet sein, um ihre Funktion zu erfüllen. Und dazu trägt die zurzeit kühle und vergleichsweise feuchte Außenluft bei, während die eher trockene Heizungsluft in Innenräumen diese austrocknet. Auf den Schleimhäuten der Atemwege befindet sich zum einen die Armada der Antikörper, die der Körper nach einem früheren Kontakt mit Viren und durch Impfungen gebildet hat – also die Husten-und-Schnupfen-Abwehrtruppe. „Darüber hinaus sind dort auch andere für die Abwehr wichtige Elemente, zum Beispiel sogenannte Komplementfaktoren, Defensine sowie Enzyme, die Viren hemmen und zerstören können“, erläutert Scheibenbogen. Bekannte Erkältungserreger werden also im Idealfall bereits auf den Schleimhäuten weggefangen und können gar nicht erst in die darunter liegenden sogenannten Epithelzellen eindringen, wo sie sich vermehren und die Krankheit auslösen könnten. Auch das regelmäßige Lüften von Büroräumen hilft, das Ansteckungsrisiko für Erkältungen zu mindern. Wie genau das Immunsystem Sars-CoV-2 bekämpft, wird derzeit erst erforscht.

Sonne tanken oder Vitamin D ergänzen

Vitamin D reguliert die Funktion des Immunsystems. Normalerweise bildet der Körper genug davon selbst, wenn man sich Gesicht und Arme täglich für 10 Minuten der Sonne aussetzt. „Am Ende des Winters haben in unseren Breiten aber vermutlich viele Menschen einen Vitamin-D-Mangel“, sagt Carmen Scheibenbogen. Deshalb sollte man jetzt so viel wie möglich die ersten Frühlingssonnenstrahlen genießen. Die Alternative: Etwa vier Wochen lang das Vitamin in Tablettenform einnehmen – für Erwachsene in einer Dosierung von täglich 1000 IE (Internationale Einheiten).

Gesund und vielfältig essen

Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung ist wichtig, um dem Körper alle Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zu liefern, die er braucht, um gut zu funktionieren. „Aber auch Eiweiß, Kohlenhydrate und wertvolle Fettsäuren sind in ausreichenden Mengen nötig, um die Abwehrkräfte intakt zu halten“, sagt Scheibenbogen. Darüber hinaus empfiehlt sie, auf einen ausreichenden Anteil gesunder, ungesättigter Fett zu achten, wie sie zum Beispiel in Nüssen, Leinöl und fetten Fischen wie Lachs und Makrele vorkommen. „Sie werden als Bausteine benötigt, wenn neue Immunzellen entstehen – und wirken entzündungshemmend“, sagt die Expertin. 

Eisenmangel beheben

Vor allem junge Frau leiden oft unter Eisenmangel, etwa durch den regelmäßigen Blutverlust bei der Menstruation und weil viele sich vegan ernähren. „Eisenmangel macht anfällig für Infekte. Wer weiß, dass er dazu neigt, sollte mit seinem Hausarzt besprechen, ob es sinnvoll ist, den Status testen zu lassen, um gegebenenfalls entsprechende Präparate einzunehmen“, sagt Carmen Scheibenbogen. 

Schlafmangel und Stress vermeiden

Durch Studien gut belegt ist, dass Schlafmangel und Stress die Abwehrkräfte schwächen. Das hängt mit der Wirkung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin zusammen. Sie drosseln einige wichtige Körperfunktionen, um den Menschen kampf- oder fluchtbereit zu machen. Für das Überleben in der Steinzeit war das einst wichtig. Heutiger Stress erfordert aber eher andere Maßnahmen. „Empfehlenswert ist es, Entspannungstechniken zu lernen und für ausreichend Schlaf zu sorgen“, sagt Carmen Scheibenbogen. Nachteulen und Partygänger, aber auch für Schichtarbeiter sollten wissen: „Das Immunsystem ist nachts weniger aktiv und die Erreger haben es leichter, in die Körperzellen einzudringen“, sagt die Immunexpertin. (Link 10)

Allergien behandeln

Die Heuschnupfenzeit beginnt jetzt. „Wenn die Schleimhäute der Atemwege durch Allergien gereizt sind, dann funktioniert die Abwehr von Krankheitserregern dort weniger gut“, sagt Scheibenbogen. Allergien sollten daher gut behandelt werden. Für die aktuelle Saison ist die Einnahme von Anti-Histaminika zu empfehlen, die die allergische Reaktion dämpfen. „Langfristig sollten Patienten mit Heuschnupfen und allergischem Asthma die Möglichkeit einer Hyposensibilisierungs-Therapie mit ihrem Arzt besprechen“, sagt die Charité-Forscherin.

Mit dem Rauchen aufhören

Dass Zigaretten und andere Tabakprodukte der Gesundheit schaden, ist bekannt. Raucher sollten die Corona-Epidemie möglichst zum Anlass für einen (neuen) Versuch nehmen, sich von der Nikotinsucht zu befreien. Denn Sars-CoV-2 befällt zunächst die oberen Atemwege und breitet sich dann in tieferen Lungenbereichen aus. Und das sind genau die Regionen, die bei Rauchern permanent geschädigt werden. „Rauchen beeinträchtigt die Immunfunktion der Lunge. Das Risiko für Erkältungskrankheiten und Influenza erhöht sich im Schnitt um das 1,5-Fache“, sagt Scheibenbogen. In China sind unter den schwer an Covid-19 Erkrankten deutlich mehr Männer als Frauen. Experten zufolge könnte eine Erklärung dafür sein, dass in dem Land deutlich mehr Männer als Frauen Raucher sind.

Impfstatus überprüfen

Das Robert-Koch-Institut rät Menschen ab 60 Jahren sowie chronisch Kranken, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen – um wenigstens Lungenentzündungen, die infolge einer Virusinfektion häufiger auftreten, vorzubeugen. „Auch alle anderen sollten jetzt ihren Impfpass hervorholen und überprüfen, ob sie gegen Keuchhusten geimpft sind und wann die letzte Impfung war“, sagt Scheibenbogen. Empfohlen sei die Auffrischung bei Erwachsenen alle zehn Jahre. Der Schutz vor Keuchhusten (Pertussis) erfolgt in der Regel zusammen mit dem vor Tetanus und Diphterie. Es gibt aber auch Zweifach-Impfungen nur gegen Tetanus und Diphterie. „Wer nur diesen Schutz hat, kann schon früher die Dreifach-Impfung bekommen, und sich so auch gegen Keuchhusten wappnen“, sagt die Expertin. Denn Keuchhusten greife in den letzten Jahren wieder stärker um sich. Scheibenbogen: „Und im Herbst sollten ältere Menschen, chronisch Kranke sowie medizinisches Personal unbedingt an die Grippeschutzimpfung denken.“

Vitamin C schlucken

In Apotheken und Drogeriemärkten wird eine Vielzahl von Präparaten angeboten, die angeblich die Abwehrkräfte stärken sollen. Doch wirklich in Studien nachgewiesen, ist ein solcher Effekt nur für wenige Mittel. Gut untersucht ist zum Beispiel die Wirkung von Vitamin C. „Es kann die Dauer einer Erkältung verkürzen, denn es stimuliert die Immunzellen“, sagt Carmen Scheibenbogen. Während einer Virusinfektion täglich 500 oder 1000 Milligramm davon einzunehmen, könne also durchaus sinnvoll sein. Auf Dauer ist es aber besser, den Vitamin-C-Bedarf, der bei Erwachsenen rund 100 Milligramm an Tag beträgt, durch Obst und Gemüse zu decken. Denn auf diese Weise nimmt man auch andere gesunde Stoffe auf, die sogenannten sekundären Pflanzenstoffe. Für Zink gibt es zumindest bei Kindern Daten, dass es die Rate von Erkältungen senken kann

Äpfel essen und Tee trinken

Sekundäre Pflanzenstoffe sind Substanzen, die Pflanzen eigentlich zu ihrem eigenen Schutz gegen Sonne und andere Umwelteinflüsse bilden. Flavonoide zum Beispiel, die Pflanzen oft auch ihre Farbe geben, gehören dazu. „Neuere Studien zeigen, dass diese Substanzen das Immunsystem stimulieren“, berichtet Scheibenbogen. Reichlich Flavonoide finden sich zum Beispiel in Äp­feln, Bir­nen, roten Trau­ben, Kir­schen, Pflau­men, Beer­en­obst, Zwie­beln, Grün­kohl, Au­ber­gin­en, So­ja, schwarz­em und grün­em Tee und vielen anderen pflanzlichen Lebensmitteln.

Die Darmflora päppeln

Immer mehr zeigt sich, wie wichtig die Bakteriengemeinschaft im Darm für die Gesundheit ist. „Es gibt auch bereits erste Daten dazu, dass bestimmte Darmbakterien sozusagen gut mit dem Immunsystem zusammenarbeiten“, sagt Carmen Scheibenbogen. Untersucht sei dies vor allem für Bifidobakterien und Laktobazillen, die zum Beispiel in probiotischen Joghurts enthalten sind. Auch zahlreiche Präparate mit probiotischen Bakterien werden inzwischen angeboten. „Noch wissen wir aber zu wenig darüber, welche Bakterien wirklich förderlich sind und wie sich die Darmflora nachhaltig beeinflussen lässt“, räumt Scheibenbogen ein.

Mittel mit Echinacea nehmen

Der Purpurfarbene Sonnenhut Echinacea purpurea ist als Gartenstaude beliebt. Er enthält jedoch auch Wirkstoffe, die medizinisch nützlich sind. „Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Echinacea-Präparate Erkältungskrankheiten sowohl vorbeugen als auch verkürzen können“, sagt Carmen Scheibenbogen. Die Pflanzenwirkstoffe stimulierten die natürlichen Killerzellen, die virusinfizierte Zellen erkennen und abtöten können. Jedoch gebe es auch Studien, die keine Wirksamkeit gezeigt haben. Die Bewertung sei schwierig, da große Unterschiede in der Art der Präparate bestünden. „Am wirksamsten scheinen alkoholische Extrakte zu sein. Man sollte Mittel mit Echinacea aber keinesfalls den ganzen Winter über einnehmen, sondern nur für zehn Tage und dann wieder einige Tage Pause machen“, sagt sie. Menschen mit Autoimmunerkrankungen wie Rheuma und Multiple Sklerose sollten diese Art von Präparaten ganz meiden.