Die Corona-Pandemie führt in Deutschland zu vermehrtem Stress, zu mehr Einsamkeit und Wut.
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BerlinEs sind vorläufige Ergebnisse. Und es sind nur Zahlen. Dennoch zeigen sie, wie sehr sich die Corona-Pandemie mit dem allgegenwärtigen Infektionsrisiko und den Distanzierungsmaßnahmen auf das seelische Befinden auswirkt. Und sie lassen erahnen, welche Krisen viele Menschen zurzeit nicht nur ökonomisch, sondern auch seelisch durchleiden.

Selbst in Deutschland, das bislang im Vergleich mit den meisten anderen Ländern glimpflich davongekommen ist, beklagen viele Menschen vermehrt Stress, Einsamkeit und Wutgefühle. Das zeigen diverse Umfragen, und das ist auch das Ergebnis einer Studie von Forschern um den Charité-Psychiater Christoph Correll. Im Rahmen der weltweiten Online-Umfrage COH-FIT untersuchen sie, wie sich Corona und die Lockdowns auf Körper und Seele auswirken.

Weltweit mehr als 102.000 Teilnehmer

Bislang haben mehr als 102.000 Menschen aus 143 Ländern den ausführlichen Fragebogen beantwortet. In Deutschland sind es schon fast 8000. Die Berliner Zeitung hatte im Juni über den Start der Studie berichtet. Nun liegen für Deutschland erste vorläufige Ergebnisse aus der Zeit von Mitte Mai bis September vor. „Ein Viertel der hierzulande Befragten gab an, dass sich der Stress in der Pandemie im Vergleich zu den letzten zwei Wochen vor der Corona-Krise verstärkt hat“, berichtet Christoph Correll, Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Berlin und einer der beiden Projektleiter der Studie.

Bei Frauen sei das Stressniveau stärker angestiegen als bei Männern. Das erklärt Correll damit, dass Frauen häufig mehrere Rollen gleichzeitig zu erfüllen hätten. Er hält es aber auch für möglich, dass Frauen derartige Fragebögen ehrlicher beantworten als Männer, die eher dazu neigten, sich als „Herr der Lage“ darzustellen. „Auffällig war auch, dass insbesondere ältere Erwachsene betroffen sind. 80 Prozent von ihnen berichteten von einem erhöhten Stressniveau“, sagt der Charité-Professor.

Andererseits gebe es hierzulande offenbar auch nicht wenige Menschen, die sich durch die Pandemie positiv entschleunigt fühlen. „Bei 15 Prozent der Befragten ist der Stresslevel in der Corona-Krise gesunken“, berichtet Correll. Das seien vermutlich diejenigen, die ökonomisch abgesichert sind und durch die Pandemie nun mehr Zeit zu Hause haben – etwa weil sie weniger auf dem Arbeitsweg, auf der Arbeitsstelle oder beruflich auf Reisen sein müssen und so mehr Familienzeit bleibt.

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Teilnehmer gesucht

Für die Online-Umfrage COH-Fit werden weiterhin Teilnehmer gesucht. Der anonyme Fragebogen erfasst zum Beispiel, ob sich das Gesundheitsverhalten in der Pandemie geändert hat – etwa die Einnahme verordneter Medikamente oder die Wahrnehmung von Arztterminen. Thematisiert werden auch bestehende körperliche und seelische Erkrankungen oder Symptome – und was dem Befragten hilft, durch die Krise zu kommen. 

Aufgerufen sind Kinder ab sechs Jahren, Jugendliche und Erwachsene. Für die Versionen für Jugendliche und Erwachsene sollte man sich 35 bis 40 Minuten Zeit nehmen. Die Version für Kinder dauert 15 bis 20 Minuten. Der Fragebogen liegt in 31 Sprachen vor. Die Studie: www.coh-fit.com

Das Gefühl von Einsamkeit hingegen ist von der Pandemie verstärkt worden. Ein  Viertel der Befragten fühlte sich einsamer als zuvor, lediglich drei Prozent waren weniger einsam. Überdurchschnittlich vom Gefühl des Alleinseins betroffen waren Frauen und junge Erwachsene (jeweils zu einem Drittel), besonders stark leiden aber auch in dieser Hinsicht die Älteren. Bei den über 65-Jährigen beklagten 75 Prozent verstärkte Einsamkeit.

Auch Wutgefühle ruft die Pandemie hervor – im Schnitt berichteten 25 Prozent der Befragten hierzulande von verstärkter Wut. Bei jungen Erwachsenen waren es gut 30 Prozent, bei Senioren sogar 90 Prozent – allerdings in geringerer Stärke als bei jüngeren Erwachsenen. „Wut ist häufig ein Ausdruck von Hilflosigkeit, und ältere Menschen sind der Corona-Krise stärker ausgeliefert“, sagt Correll. Wut könne zu Aggression gegen sich selbst und anderen gegenüber führen und sollte durch positive Erlebnisse und soziale Kontakte – bei Einhaltung aller Hygienemaßnahmen – abgemildert werden.

Dass es die älteren Menschen sind, die besonders unter der Pandemie-Situation leiden, ist im Grunde wenig verwunderlich. „Ältere Menschen sind zurzeit viel stärker abgeschnitten vom sozialen Leben und sie haben vermutlich auch besonders große Angst, schwer an Covid-19 zu erkranken und zu sterben“, sagt Christoph Correll.

Psychisch Kranke sind besonders gefährdet

Die gründliche Auswertung der COH-FIT-Studie – vor allem mit Blick auf Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken – steht noch aus. Auch sind die Daten bislang noch nicht repräsentativ, was durch den Abgleich mit definierten Stichproben in den Analysen angepasst werden soll. Correll geht aber davon aus, weitere gravierende Folgen zu finden.

Untersuchungen aus anderen Ländern, in denen die Pandemie bisher deutlich schwerer verlaufen ist als in Deutschland, haben derartige Effekte bereits festgestellt. So verzeichnete man in den USA in den Monaten April bis Juni einen erheblichen Anstieg von Depressions- und Angststörungs-Symptomen in der Bevölkerung. Und eine im September im Fachmagazin Jama veröffentlichte Studie, für die 1470 Erwachsene ausführlich befragt wurden, ergab, dass depressive Symptome während der Pandemie dreimal häufiger auftraten als vor Covid-19. Besonders stark betroffen waren Personen mit geringem Einkommen und Menschen, die besonderem Druck ausgesetzt waren, weil sie zum Beispiel ihren Job verloren hatten. 

Menschen, die bereits psychische Erkrankungen haben, sind zudem offenbar besonders gefährdet. Die Pandemie scheint nicht nur ihren Zustand zu verschlechtern, sondern auch ihr Covid-Infektionsrisiko zu erhöhen sowie zu einem schwereren Verlauf der Erkrankung beizutragen. Das schließen Forscher um Nora Volkow von den National Institutes of Health der USA aus der Auswertung der Klinik-Daten von 61 Millionen US-Patienten. Wie sie aktuell im Fachmagazin World Psychiatry berichten, fanden sich bei Patienten mit Depression oder Schizophrenie höhere Infektionszahlen. Und es zeigte sich, dass Covid-Patienten, die eine seelische Vorerkrankung hatten, häufiger ins Krankenhaus mussten und doppelt so häufig an der Infektion starben als Covid-Patienten, die psychisch gesund waren. 

Was hilft den Menschen in einer Pandemie?

Christoph Correll und seine Kollegen werden mit der COH-FIT-Studie am Ende die Folgen in den einzelnen Ländern vergleichen können. Schließlich sammeln sie weltweit Daten. Außer dem Mitinitiator Marco Solmi von der Universität Padua in Italien wirken mehr als 200 weitere Wissenschaftler aus aller Welt an der Erhebung mit.

Die Studie soll auch Erkenntnisse darüber liefern, welche Gruppen der Gesellschaft besonders gefährdet sind – etwa um entsprechende Unterstützungsangebote zu entwickeln und auf deren Bedürfnisse abzustimmen. Darüber hinaus wollen die Forscher herausfinden, welche Strategien in Pandemie-Zeiten helfen, die körperliche und seelische Gesundheit zu erhalten.

Auch dazu haben sie bereits erste Ergebnisse. „Die effektivsten Bewältigungsstrategien bei etwa 70 Prozent der Befragten in Deutschland waren Internetnutzung sowie Sport oder Spazierengehen“, berichtet Correll. Demnach sei es ratsam, zu körperlicher Bewegung aufzurufen und Angebote dafür zu machen. „Parks in den Städten abzuriegeln, wie in Italien im Lockdown geschehen, ist kontraproduktiv. Vielmehr wäre es wichtig, jetzt auch im Winter Sportplätze zu öffnen und alles zu fördern, was Bewegung – vor allem im Freien – ermöglicht“, sagt der Psychiater.

Dass sich Mediennutzung für viele Menschen als hilfreich erweist, findet er ebenfalls eine wichtige Erkenntnis. „Vernetzung über soziale Medien, Videotelefonate und überhaupt das Internet als Tor zur Welt sind wichtige Faktoren, um besser durch Krisenzeiten zu kommen“, sagt Correll. Vermehrte Exzesse in diesem Bereich, etwa stundenlanges Gaming, also Spielen am Computer, habe die Studie bislang nicht ans Licht gebracht.

Aufgezehrte Ressourcen

Mit Blick auf den Herbst und Winter ist Christoph Correll durchaus besorgt. „Wir sind ja jetzt erst in der Mitte der Corona-Pandemie. Womöglich wird sich erst danach so richtig zeigen, welche psychosozialen Narben Corona verursacht hat“, sagt der Psychiater. Es sei ein häufiges Muster, dass Menschen Stresssituationen akut ganz gut meistern und erst hinterher, wenn sie sich entspannen können, merken, wie sehr die Ressourcen aufgezehrt sind.

„Die Krise wird sich leider noch hinziehen. Weitere Menschen werden ihren Job verlieren, neue psychische Erkrankungen entwickeln oder eine Verschlimmerung seelischer Leiden erleben. Und dazu wird womöglich noch die ärztliche Behandlung weniger in Anspruch genommen – es wird wohl noch recht problematisch werden“, befürchtet der Psychiater.  Natürlich werde es nicht so kommen, dass alle Menschen psychisch erkranken, dazu bedürfe es einer gewissen Anfälligkeit. „Aber die Gruppe derjenigen Menschen, deren seelisches Befinden sich während Covid-19 entweder verschlechtert oder die einen ersten psychischen Erkrankungsausbruch haben, wird sich vergrößern“, prognostiziert er.

Ich vermute stark, dass Covid-19 deutlich schwerwiegendere Auswirkungen auf das psychische Befinden hat als die insgesamt schützenden Maßnahmen."

Christoph Correll, Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Berlin

Sprechen derartige Befunde also für mehr Zurückhaltung bei Maßnahmen gegen die Pandemie? „Wir haben in Deutschland bisher so gut im internationalen Vergleich abgeschnitten, weil es vorausschauende politische Entscheidungen gab, Ressourcen bereitzustellen und das Wohl der Allgemeinheit vorübergehend über die Freiheit des Einzelnen zu stellen“, sagt der Psychiatrie-Professor Correll. Eine kürzlich in der Zeitschrift Science erschienene Publikation habe überzeugend belegen können, dass drei Maßnahmen die Ausbreitung des Coronavirus am effektivsten vermindern konnten: die Schließung von Bars, Schulschließungen sowie die Maskenpflicht. „All diese Maßnahmen wurden in Deutschland gezielt und zeitgerecht eingesetzt.“

Schwieriger zu beantworten ist derzeit die Frage, ob die beobachtete psychische Belastung direkt durch die Corona-Pandemie und die damit verbundene Bedrohung und Unsicherheit verursacht ist oder eventuell indirekt – durch die vorgenommenen Einschränkungen. Das werde das COH-FIT-Team in weiteren Analysen der Studie untersuchen, indem es Antworten in Bezug zu Vorliegen und Ausmaß beschränkender Maßnahmen setzen werde, sagt Correll. „Aber ich vermute stark, dass Covid-19 deutlich schwerwiegendere Auswirkungen auf das psychische Befinden hat als die insgesamt schützenden Maßnahmen. Allerdings ist dies natürlich eigentlich eine Scheinunterscheidung, da diese Maßnahmen ja nur der Covid-19-Pandemie geschuldet sind, um noch größeres Unheil abzuwenden, was bisher in Deutschland einigermaßen gut gelungen ist."

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Schlechte Noten für britische Regierung

Die COH-FIT-Studie dürfte auch für Politker interessant sein, denn sie gibt Aufschluss über die Zufriedenheit mit der Regierung. Die deutsche Regierung schneidet bisher gut ab: 70 Prozent der Befragten bekundeten Zufriedenheit mit dem Management hierzulande.

In Großbritannien hingegen waren nur 17 Prozent der Befragten zufrieden mit ihrer Regierung unter Boris Johnson (Foto), in den USA 25 Prozent, in Frankreich 33 Prozent und in Spanien 44 Prozent. Besser als die deutsche schnitt nur die dänische Regierung ab, mit einem Wert von 75 Prozent.

Alarmiert ist Correll darüber hinaus über die neue Sorglosigkeit gegenüber Corona, die derzeit in Deutschland in einigen Gruppen auszumachen ist – und über die Verunsicherung, die von der Querdenken-Bewegung und so manchen vermeintlichen Experten ausgeht, die nicht müde werden zu beteuern, dass Sars-Cov-2 gar nicht so schlimm oder gar nur erfunden sei. „Diese Entwicklung kommt absolut zur Unzeit. Jetzt in der kälteren Jahreszeit müssen wir eigentlich dreifach vorsichtig sein“, sagt er. Der Winter werde so viel mehr an Infektionen bringen, „wir müssen strikter denn je sein“. Einschränkende Maßnahmen durchzuhalten werde schwieriger, je länger die Pandemie andauere, sagt er, das sei klar. Dennoch appelliert der Charité-Psychiater: „Wir müssen jetzt einen langen Atem haben – bei Corona natürlich ein Atem, der nicht andere berührt.“