Ein Bild aus der Zeit vor Corona: Konzert der Berliner Philharmoniker.
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BerlinÜber eine am Montag veröffentlichte Stellungnahme zum Publikumsbetrieb in Konzert- und Opernhäusern während der Covid-19-Pandemie ist eine Diskussion entbrannt. In dem vier Seiten umfassenden Papier erläutern vier Wissenschaftler der Berliner Charité, unter welchen Bedingungen sie eine weitere Normalisierung des Publikumsbetriebs bei Konzert- und Opernveranstaltungen für möglich halten. Noch am gleichen Tag distanzierte sich der Vorstand der Charité via Twitter von dem Papier und wies darauf hin, dass es nicht abgestimmt sei und nicht die Position des Vorstands wiedergebe.

Die Empfehlungen der Charité-Forscher um Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, und Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, erscheinen durchaus mutig. So halten die Experten sogar eine Rückkehr zu vollen Sitzreihen für vertretbar, wenn zum Beispiel alle Besucher auch während der Konzerte Mund-Nasen-Schutz tragen, die Räume ausreichend mit Frischluft versorgt werden, die Kontaktpersonen-Nachverfolgung möglich ist und weitere rigide Hygiene-Regeln befolgt werden.

Diszipliniertes Publikum

Zurzeit sind Konzert- und Opernveranstaltungen in Deutschland nur mit strengen Vorsichtsmaßnahmen wieder zugelassen. In der Berliner Philharmonie, die für den 28. August einen Neustart angekündigt hat, ist zum Beispiel infolge der Abstandsregeln nur eine Auslastung von 20 bis 25 Prozent der Plätze möglich.

Das Team um Willich und Gastmeier setzt offenbar vor allem auf die Vernunft der Besucher, sich an die Regeln zu halten. Das Publikum von Klassikveranstaltungen zeichne sich „durch ein aufgeklärtes Verständnis der gesundheitlichen Zusammenhänge, eine disziplinierte Verhaltensweise sowie die sorgfältige Einhaltung von Vorgaben aus“, heißt es in dem Papier. Zudem fänden während der Veranstaltungen keine Gespräche statt.

Die Stellungnahme sei auf eigene Initiative entstanden, erläutert Stefan Willich auf Anfrage der Berliner Zeitung. Für viele Musiker sei es von existenzieller Bedeutung, ihren Beruf auszuüben. Und das gehe nur, wenn der Betrieb der Konzert- und Opernhäuser auch wirtschaftlich sei. Mit der Stellungnahme wolle man ein Konzept für eine neue Normalität in Pandemiezeiten vorlegen. „Der Charité-Vorstand hat sich von dem Papier distanziert, weil in Medienberichten zuerst von einer Stellungnahme der Charité die Rede war – und das war auch nicht korrekt, denn es handelt sich um die Position, die wir für unsere Fachgebiete Epidemiologie, Sozialmedizin und Hygiene vertreten“, sagt Willich.

Die ebenfalls via Twitter geäußerte Kritik des Charité-Vorstands, bei der Stellungnahme nicht das aktuelle Infektionsgeschehen berücksichtigt zu haben, weist Willich jedoch von sich: „Wir haben das Geschehen durchaus im Blick, bewerten die epidemiologische Belastung aber weiterhin als gering bis moderat und kontrollierbar.“ Der Charité-Vorstand wollte sich am Dienstag nicht weiter zu dem Thema äußern, betonte aber erneut, dass man das Papier nicht als Handlungsvorschlag, sondern als Grundlage einer weiteren kritischen Diskussion im Rahmen der Berliner Teststrategie sehe. „Wir bitten um Verständnis, dass wir den Entwurf zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter kommentieren“, teilte eine Sprecherin mit.

Ansonsten sei die Resonanz auf die Stellungnahme überwiegend sehr positiv, sagt Stefan Willich, der selbst in seiner Freizeit als Dirigent tätig ist. Offenbar sei man vielerorts froh, dass nun eine neue Option ins Spiel gebracht worden sei. „Letztendlich ist die Situation in einem Konzertsaal durchaus vergleichbar mit der in der Bahn oder im Flugzeug – wo eben auch Masken getragen werden, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann.“

Neue Normalität nicht für alle

Dass das Publikum einfache medizinische Mund-Nasen-Schutze trage, sei eine wichtige Säule des Konzepts. „Damit wird etwa 95 Prozent der Virenlast gefiltert – und zwar in beiden Richtungen“, sagt Willich. Darüber hinaus müssten die Säle ausreichend belüftet sein. „Grob gesagt muss die Luft mehrmals pro Stunde komplett ausgetauscht werden. Wenn es Umluftanlagen sind, müssen entsprechende Filter vorhanden sein.“ Zu beurteilen, ob die Berliner Konzertsäle diese Bedingungen erfüllten, sei Sache von Belüftungsexperten. Er gehe aber davon aus, dass die meisten Häuser technisch auf modernem Stand sind.

Allerdings ist auch Willich klar, dass die beschriebene neue Normalität der klassischen Konzerte nicht für alle Bevölkerungsgruppen möglich sein wird. Schließlich sind Konzertbesucher oft eher älter und zählen damit vermutlich auch aufgrund von Vorerkrankungen zu den Risikogruppen. „Wer älter als 80 Jahre ist und dazu noch chronische Begleiterkrankungen aufweist, hätte im Falle einer Infektion ein erhebliches Risiko, an Covid-19 zu sterben“, sagt der Epidemiologe. Darüber müsse man aufklären. Willich: „Die Entscheidung, ein Konzert zu besuchen oder nicht, muss jeder für sich treffen.“