Emmanuelle Charpentier am Montag im Roten Rathaus in Berlin.
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BerlinDer rote Aufsteller mit der Aufschrift „Brain City Berlin“, war größer als die Frau am Stehpult daneben, Berlins derzeit bekanntestes „Brain“: Emmanuelle Charpentier, frisch gekürte Trägerin des Nobelpreises für Chemie. Die Pressekonferenz im Roten Rathaus, zu der Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller  (SPD) am Montag einlud, war auch eine willkommene Gelegenheit, das Label zu inszenieren, mit dem Berlin für sich als Wissenschaftsstandort wirbt. 

Emmanuelle Charpentier, die seit fünf Jahren in Berlin lebt und hier die Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene leitet, betonte allerdings erstmal, dass der Nobelpreis auch eine Auszeichnung für Neugier, Mobilität und interdisziplinäre Zusammenarbeit sei. Sie sprach von der „langen wissenschaftlichen Reise“, die sie hinter sich habe. „Alles macht jetzt Sinn“, sagte die 51-jährige Französin, und man konnte heraushören, dass die Reise nicht immer von idealen Forschungsbedingungen begleitet war.

Seit Anfang der 2000er-Jahre hat Charpentier beharrlich an der Entwicklung der Genschere Crispr/Cas9 geforscht, die ihr und ihrer amerikanischen Kollegin Jennifer Doudna nun den Nobelpreis gebracht hat. Als sie 2012 das folgenreiche Paper zu Crispr/Cas9 im Fachmagazin Science veröffentlichte, war sie gerade in Umea in Schweden tätig. Dass sie Umea ein Jahr später verließ, hatte weniger mit ihren Möglichkeiten dort zu tun als mit der Tatsache, dass der Ort 400 Kilometer südlich des Polarkreises liegt, weit weg nicht nur von ihrer Familie in Frankreich. Sie habe nicht gewusst, „ob ich da mein Leben verbringen will“, erzählte Charpentier im Säulensaal des Roten Rathauses.

Sie ging nach Deutschland und wechselte nach zwei Jahren am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig zur Max-Planck-Gesellschaft nach Berlin, weil da die Grundlagenforschung betrieben werde, die ihr so wichtig ist. Berlin, so die Signale bei der Pressekonferenz, macht sich nun zu Recht Hoffnung, die Spitzenforscherin eine Weile halten zu können. Michael Müller berichtete nicht ohne Stolz von dem Gebäude an der Albrechtstraße in Mitte, in das die von Charpentier gegründete Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene 2024 ziehen wird – nach einem Umbau, der bald beginnt. Im November übergibt das Land Berlin das Haus an die Max-Planck-Gesellschaft, diese kann es für die nächsten 50 Jahre unentgeltlich nutzen. 

Auch sie hege große Hoffnungen für Berlin als Wissenschaftsstadt, sagte Emmanuelle Charpentier. Viele Forscher würden gern hierherkommen, auch solche aus den USA , wo das Klima zunehmend wissenschaftsfeindlich ist. Sie selbst habe übrigens seit dem Mauerfall vorgehabt, eines Tages in Berlin zu leben.