Berlin - Es sind alarmierende Neuigkeiten, die das Schicksal unserer Greifvögel betreffen: Am Dienstag haben Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, des Umweltbundesamtes und des Julius-Kühn-Instituts die Ergebnisse einer neuen Untersuchung veröffentlicht.

Es geht um den vermehrten Einsatz von Chemikalien in der Land- und Forstwirtschaft in den letzten Jahrzehnten und die Folgen für die Tierwelt. Nicht nur Pflanzenschutzmittel belasten insbesondere Wildtiere, sondern auch Nagetiergifte, sogenannte Rodentizide. Wie Untersuchungen an zwischen 1996 und 2018 verstorbenen Rotmilanen (Milvus milvus), Habichten (Accipiter gentilis), Sperbern (Accipiter nisus), Seeadlern (Haliaeetus albicilla) und Fischadlern (Pandion haliaetus) zeigten, haben Chemikalien zur Bekämpfung von Nagetieren auch die Greifvögel in Deutschland vergiftet. Entsprechende Stoffe waren in der Leber der Vögel nachweisbar.

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Stoffe in der Leber nachweisbar: Ein Rotmilan kreist am Himmel über einem Brandenburger Bahnhofsgelände.

Häufig gefunden wurden Blutgerinnungshemmer, die gegen Nagetiere in der Land- und Forstwirtschaft und in Städten eingesetzt werden. Besonders mit Rodentiziden belastet sind demnach Habichte im städtischen Raum in Berlin sowie Rotmilane. Aber auch bei Seeadlern wurden diese Gifte nachgewiesen, was zeigt, dass auch menschenfern lebende Vögel nicht vor Belastungen gefeit sind.

18 Prozent der Habichte überschritten Schwellenwert für akute Vergiftungen

„Es ist bekannt, dass Greifvögel besonders empfindlich auf Schadstoffe reagieren, die sich in den Körpern akkumulieren“, sagt Oliver Krone, Greifvogelspezialist in der Leibniz-IZW-Abteilung für Wildtierkrankheiten. Man habe Rückstände von Nagetiergiften im Lebergewebe von mehr als 80 Prozent der untersuchten Habichte und Rotmilane gefunden. Insgesamt wiesen mehr als 50 Prozent der Vögel Rodentizide in ihrem Lebergewebe auf. Dabei überschritten 18 Prozent der Habichte und 14 Prozent der Rotmilane den geltenden Schwellenwert für akute Vergiftungen, was vermutlich zu sinkenden Überlebensraten dieser Vögel beiträgt.

„Vergiftungen durch Rodentizide stellen eine wichtige Todesursache für Greifvögel dar“, so Krone. Arten, die Aas fressen, weisen ein besonders hohes Risiko auf, mit den Nagetiergiften in Kontakt zu kommen. Die Chemikalien werden schließlich nicht nur in der Landwirtschaft, etwa in Ställen oder zur Feldmausbekämpfung, eingesetzt, sondern auch auf forstwirtschaftlichen Nutzflächen, in Städten und Kanalisationen.

Wegen ihrer Ruhe und Ungestörtheit sind auch Friedhöfe beim Habicht beliebt

Die Wissenschaftler fordern, die Quellen von Rodentiziden entlang der Nahrungskette der Greifvögel neu zu bewerten. Was die Habichtpopulation in Berlin angeht, so gab es in den zurückliegenden Jahrzehnten insgesamt eigentlich erfreuliche Nachrichten von dem scheuen Vogel, der als Standvogel das ganze Jahr über in der Stadt verweilt. 

Noch in den 1950er- und 60er-Jahren war der Habicht wegen der Verfolgung durch Hühner- und Taubenzüchter und wegen der Belastung durch Umweltgifte in einigen Teilen Deutschlands nahezu verschwunden. Doch seit er eine ganzjährige Schonzeit genießt, geht es mit seinem Bestand wieder aufwärts. Während die erste Berliner Stadtbrut in den 80er-Jahren im Grunewald noch von Vogelschützern bewacht wurde, stieg die Zahl bis heute auf rund 100 Brutpaare an.

Heute finden sich Habichthorste laut Nabu Berlin in nahezu allen größeren Parkanlagen der Stadt und selbst in Innenhöfen größerer Wohnanlagen. Wegen ihrer Ruhe und Ungestörtheit sind auch Friedhöfe beim Habicht beliebt. In der Stadt droht ihm keine Verfolgung, ausgeprägte Menschenscheu ist nicht mehr notwendig. Wie sich nun zeigt, ist die Gefahrenlage dennoch da: Ein genaues Hinschauen wird notwendig sein.