„Wir zimmern das Schiff zusammen, während wir lossegeln“, Christian Drosten in einem der Labore im Institut für Virologie der Charité.
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BerlinChristian Drosten hat beunruhigende Prognosen auf Lager, aber seine Mitteilungen haben nie etwas Alarmistisches. Immer strahlt er ernste Ruhe aus. Wie selten Drosten lächelt, merkt man erst, wenn er es mal tut. Dann verwandelt er sich schlagartig in einen fast schelmisch wirkenden Jungen. Doch meistens ist sein Gesicht in diesen Tagen vollkommen unbewegt.

Am 30. Dezember wurden sie in der Virologie der Charité hellhörig. Ein Mitarbeiter hatte bei Twitter Meldungen über eine neuartige Viruserkrankung entdeckt. Für Institutsdirektor Christian Drosten und seine Leute stand schnell fest: Es handelt sich mit großer Sicherheit um eine Krankheit, die von einem Coronavirus hervorgerufen wird.

Als wir Mitte Januar in seinem Büro in der Charité an seinem großen rustikalen Besprechungstisch sitzen und uns über das Virus unterhalten, ist er ein namhafter Virologe – in der internationalen Virologenszene gut bekannt, allerdings wenig darüber hinaus. Wenige Zeit später ist er einer der einflussreichsten Männer des Landes. Praktisch jeder kennt das ernste Gesicht des Wissenschaftlers, der der Regierung und den Bürgern das Wesen der Pandemie erklärt. Und der Ratschläge gibt, der die Kanzlerin und das Bundeskabinett, Landesregierungen und regionale Behörden folgen.

Der 47-Jährige hat wirklich intensive Wochen hinter sich. Die letzte war wahrscheinlich die anstrengendste. „Die vergangene Woche war für mich ein Gehetze zwischen Ministerien und Senatsbehörden“, hat Drosten im NDR berichtet. Mit seinem Rad ist er immer wieder kreuz und quer durch die Berliner Mitte gefahren. „Die wollen sich alle zum selben Thema beraten lassen.“

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Die – das sind Angela Merkel, Jens Spahn, der Senat und die Chefs der Bundesländer. Er geht ans Telefon, wenn irgendwo aus der deutschen Provinz jemand Informationen braucht. Er sitzt in der Bundespressekonferenz oder bei Maybrit Illner. Wo immer jetzt in Deutschland gesprochen wird über Covid-19, die Corona-Krankheit, die sich exponentiell verbreitet, wird er von irgendwem zitiert: „Drosten sagt …“ Und dann ist klar: Das Argument hat Gewicht.

Diese herausgehobene Stellung gründet auf einer Kombination besonderer Eigenschaften. Drosten ist schon lange Coronavirus-Experte. Als vor 17 Jahren „Sars“, ein Vorläufer der aktuellen Pandemie, die Welt erschreckte, war es bereits der junge Virologe Drosten, der als einer der ersten einen zuverlässigen Test auf das Virus entwickelte.

Aber die Corona-Expertise allein hätte aus Drosten noch nicht Merkels einflussreichsten Corona-Berater gemacht.

Drosten scheint sich für alles zu interessieren. Er ist virologisch, mikrobiologisch, epidemiologisch und in Sachen Public Health – früher hätte man gesagt: Volksgesundheit – versiert.

Anekdoten über Super-Spreader

Außerdem hat er das Talent, über seine Wissenschaft verständlich, oft unterhaltsam sprechen zu können. Er hat Sinn für Anekdoten – wie die von „Patient M“, der 2003 in Hongkong eine halbe Hochzeitsgesellschaft mit Sars ansteckte, weil er es sich, bereits fiebernd, nicht verkneifen konnte, im Vorbeigehen mit bloßen Händen an einem Buffet zuzugreifen. „So müssen Sie es machen, wenn Sie ein Super-Spreader werden wollen…“

Drosten besitzt genügend Sendungsbewusstsein, sein Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Und er ist bereit – und das unterscheidet ihn von sehr vielen anderen angesehenen Forschern –, aus seinen Erkenntnissen Konsequenzen abzuleiten. Er verschanzt sich nicht hinter der Vorläufigkeit aller wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern er zieht Schlüsse – manchmal etwas „nassforsch“, wie er selber sagt.

In der Bundesregierung heißt es, man sei „froh, dass wir so einen haben“. Sein Wort habe Gewicht, weil man sicher sei: „Der behauptet keine Scheiße. Der macht sich lieber einen Knoten in die Zunge.“

Drosten stammt aus dem Emsland, eine historische Landkarte seiner Heimat hängt in seinem Büro. Das Emsland ist eine platte Gegend in der nordwestlichen Ecke Deutschlands, aus der vor allem öliger Torf, Mais und Doppelkorn kommen. Drosten ist auf einem Bauernhof in Groß Hesepe aufgewachsen, 25 Busminuten von Meppen entfernt, wo er Abitur machte.

Er studierte zunächst Chemietechnik und Biologie, dann Medizin. Er arbeitete in Hamburg am Tropeninstitut (wo er den ersten Sars-Test designte), wurde schon mit Mitte dreißig Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn und ließ sich von den Berlinern 2017 an die Charité locken.

Emsländer sagen über sich selbst, sie seien trinkfest und unerschütterlich. Über Drostens Trinkfestigkeit ist wenig bekannt. Man weiß nur, dass er auch in der Kneipe Flaschenbier trinkt – aus hygienischen Gründen. Was die Unerschütterlichkeit angeht – davon konnte sich in den vergangenen Wochen jeder selbst überzeugen.

Er hat schon ein bisschen was von einem wunderlichen Professor, etwas verwuschelt Nerdhaftes. Aber ein Mensch ist er auch, der morgens seinen zweieinhalbjährigen Sohn in die Kita bringt. Er weiß also, was es für junge Familien – Väter und Mütter – bedeutet, wenn die Kinderbetreuung ausfällt.

Drosten erzählt von einem Telefongespräch mit seinem über 70-jährigen Vater, der es „super findet, dass der Sohn immer im Fernsehen ist“. Der aber noch nicht verstanden hat, dass alte Herren, auch die aus dem Emsland, die wirklich Betroffenen der Krise sind, die von schweren Krankheitsverläufen bedroht sind, und deren Sozialleben für einige Monate aufhören muss. Der Verein, das Fitnessstudio. „Und auch leider das Schützenfest“, sagt Drosten.

Drosten hat sich mitten hineinbegeben ins schwierige Feld der politischen Entscheidungsfindung, aber er hält große Stücke auf seine Unabhängigkeit. Er spreche frei, er trage keine politische Verantwortung. Er müsse im Zweifelsfall nicht zurücktreten wie ein Behördenleiter oder ein Minister, sagt er. Er agiere „mit akademischer Robustheit“ aus der Position eines unkündbaren Professors.

Die Bundesregierung, besonders Gesundheitsminister Spahn, hat diese Arbeitsteilung genutzt. Lange konnte Spahn seine Appelle oder Ermunterungen äußern, während Drosten für die bitteren wissenschaftlichen Fakten zuständig war. Die konnten dann ins öffentliche Bewusstsein einsickern.

Dabei hielt sich Drosten keineswegs an Vorgaben. Im Gegenteil. Drosten sei „schwer steuerbar“, heißt es. Manchmal habe er – neben Spahn sitzend – etwas „rausgehauen“, das nicht abgestimmt war. Etwa die Prognose, 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung würden an Covid-19 erkranken. Das zog Fragen nach sich – auch ans Gesundheitsministerium. Wie viele Todesfälle bedeutet das? Hunderttausende? Drostens Sprache ist „manchmal nicht geländegängig“, haben sie im Politikbetrieb gemerkt. Und auch Drosten hat mit akademischer Verblüffung registriert, dass bestimmte Informationen, die einem Virologen oder Epidemiologen nahezu selbstverständlich erscheinen, bei anderen für Fehlinterpretation und Unruhe sorgen können.

Die Sache mit den 60 bis 70 Prozent resultierte aus einer epidemiologischen Überlegung: Erst wenn zwei von drei Menschen immun sind, kommt eine Epidemie wie Covid-19 zum Ende. Doch das sagt weder etwas über die Dauer der Krankheitswelle noch über die Zahl zusätzlicher Todesfälle aus.

So etwas muss man erklären. Wenn man Drosten in den vergangenen Wochen Ungeduld anmerkte, dann in den Momenten, wenn ihm in Pressekonferenzen oder Talkshows das Wort abgeschnitten oder die Aussage verkürzt wurde. „Ich bestehe darauf, dass dieses Thema eine längere Aufmerksamkeitsspanne braucht“, sagte er dann. Und redete einfach weiter.

Drostens Credo heißt Transparenz – gegenüber der Fachöffentlichkeit, der Politik und Bürgern. Die von ihm und seiner Arbeitsgruppe entwickelten Corona-Tests – 2003 und 2020 – hat er online gestellt, ohne Copyright und Geheimhaltung. „Das ist wirklich herausragend“, sagt ein Kollege vom Berliner Max-Delbrück-Centrum, „die wenigsten pflegen diese Offenheit.“

Als er feststellte, dass er in den Medien oft verkürzt wiedergegeben wird, vereinbarte er mit dem NDR einen täglichen Podcast, in dem er mit einer Journalistin über seine Erkenntnisse zu Covid-19 spricht. Diese 30 Minuten-Clips ersetzen ein halbes Virologie- oder Epidemiologie-Studium. Sie werden inzwischen hunderttausendfach gehört.

Drosten hat in den elf Wochen seit der ersten Twitter-Meldung sehr viel Neues über das Virus erfahren. „Wir haben eine steile Lernkurve gemacht“, sagt er. Er hat uns daran teilhaben lassen. Drosten hat sich in einzelnen Punkten korrigieren müssen. Er macht das öffentlich. „Ich habe da zu kurz gedacht“, hat er neulich gesagt, als es um die Sinnhaftigkeit von Schulschließungen ging, denen er zunächst skeptisch gegenüber stand. Und dämpfte seine Hoffnung, bei Covid-19 sei eine deutliche Abschwächung im Frühling und Sommer zu erwarten.

Er ging von der falschen Vorstellung aus, Sars-CoV-2 verhalte sich wie Sars 1 – gefährlich, aber schwer übertragbar. Ende Februar leitete er seinen Vortrag über das Virus vor der Berliner Medizinischen Gesellschaft dann mit den Worten ein: „Ich glaube, das Thema wird in den nächsten Wochen sehr, sehr wichtig.“ Das war Understatement. Nach dem Vortrag, im Gespräch in kleiner Gruppe, sagte er: „Es wird schlimm werden.“

Mit fortschreitender Erkenntnis passte er seine Ratschläge an. „Wir zimmern das Schiff zusammen, während wir lossegeln“, hat er in den vergangenen Wochen immer wieder gesagt. Das kann man als Schwäche einstufen, es nicht gleich besser gewusst zu haben. Oder als Klugheit, Irrtümer zu erkennen.

An den Konferenztischen der Regierung

Einen gibt es, der alles immer schon wusste: Alexander Kekulé. Der Münchner Virologe von der Uni Halle-Wittenberg war selbst mal Regierungsberater. In der Regierung ist er inzwischen verschrien. Kekulé sendet ebenfalls auf allen Kanälen und wirft der Bundesregierung „verhängnisvolles Zögern“ und der Kanzlerin Panikmache vor.

Vieles von dem, was Kekulé in den vergangenen Wochen äußerte, muss als Entgegnung auf Drostens Analyse und Handlungsempfehlungen verstanden werden. Wenn Drosten skeptisch war, ob Schulschließungen sinnvoll sind, polterte Kekulé, man hätte schon nach den Winter- und Faschingsferien die Schulen geschlossen halten müssen. Wenn Drosten befand, Deutschland stehe in der Epidemie noch am Anfang, es sei noch Zeit zu handeln, dröhnte Kekulé, man verschließe die Augen vor dem wahren Ausmaß.

Aber an den Konferenztischen der Regierung saß Drosten. Er hatte Merkels und Spahns Ohr, die froh waren, dass in der Öffentlichkeit er und nicht Kekulé den Takt angab. Nachdem Merkel die Bürger aufgefordert hatte, „wo immer es möglich ist, auf Sozialkontakte zu verzichten“, lobte Drosten. „Ich finde es schon gut, auf welchen Kurs Deutschland einschwenkt.“ Ende vergangener Woche riet er zur sorgfältigen Abwägung. „Jetzt ist die Zeit, in der die Politik unbedingt mal ein paar Tage Ruhe braucht, um sich beraten zu lassen. Und zwar nicht nur immer von denselben Leuten, sondern auch von anderen Fachdisziplinen.“ Diese Zeit habe man.

Doch von Ruhe konnte keine Rede sein. Bis zum Wochenende war Drosten der Bundesregierung beim Verkünden unangenehmer Wahrheiten immer ein, zwei Tage voraus gewesen. Dann wurde er überholt. Schließung der Schulen, Freizeit- und Kultureinrichtungen, Ende auch für kleinere Veranstaltungen, Grenzkontrollen.

Drosten macht keinen gekränkten Eindruck. Immer hat er gesagt, es sei an der Politik, die Entscheidungen zu treffen. Er könne nur sein Wissen zur Verfügung stellen. Von Schuldzuweisungen hält er nichts. „Was“, sagt er, „soll die Rechthaberei im Nachhinein?“ Das sei verschwendete Zeit.

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