Was träumt man eigentlich, wenn man den ganzen Tag zu Hause hängt und nichts erlebt?
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BerlinIn seiner Doktorarbeit widmete er sich dem Schlaf der Meeresschnecke Aplysia, doch die Nachtruhe der Gattung Mensch fasziniert Albrecht Vorster durchaus auch – so sehr, dass der 34-jährige Schlafforscher ihr ein unterhaltsames Buch gewidmet hat. Und auch in der aktuellen Situation sind seine Erkenntnisse zum Thema Schlaf erhellend.

Herr Vorster, in Ihrem Buch beschreiben Sie, welche zentrale Rolle der Schlaf für das Immunsystem besitzt. Kann guter Schlaf eine Infektion mit dem Coronavirus beeinflussen?

Wir wissen mittlerweile, dass der Schlaf vor und während einer Infektion die Stärke der Immunantwort beeinflusst. 2015 fand der US-amerikanische Forscher Aric Prather von der University of California heraus, dass die Ansteckungswahrscheinlichkeit durch ein Rhino-Virus, also ein Erkältungsvirus, überraschenderweise nicht von der Menge des Schlafes vor der Infektion abhing, jedoch die Stärke der Immunantwort. Dazu hatten die Forscher 164 gesunde Teilnehmer absichtlich mit einem Rhino-Virus, einem Erkältungsvirus, infiziert und anschließend über eine Woche beobachtet: Während Teilnehmer, die ausreichend Schlaf bekamen, nämlich über sieben Stunden, eine Infektion mit einem Rhino-Virus oft gar nicht bemerkten, erlebten diejenigen, die weniger als sechs Stunden geschlafen hatten, stärkere Symptome und litten stärker unter der Erkrankung, wahrscheinlich aufgrund einer überschießenden Immunreaktion. Guter Schlaf kann also den Verlauf einer Virusinfektion positiv beeinflussen. Wir am Inselspital in Bern möchten in den kommenden Monaten die Rolle des Schlafes bei einer Covid-19-Infektion genauer untersuchen.

Haben die Bilder der Krise in Dauerschleife Einfluss auf unsere Träume?

Natürlich kann alles, was wir tagsüber erleben, Teil unserer Träume werden. Wenn wir in den Nachrichten ständig Bilder sehen von Menschen in seltsamen Schutzanzügen, kann das zu verrückten Assoziationen führen. Generell ist es allerdings so, dass Träume meist das eigene unmittelbare Erleben verarbeiten und weniger, was man in Medien sieht. Die meisten Träume sind fast banal, sie handeln von Menschen und Orten, die uns vertraut sind – die sich allerdings bunt zusammenwürfeln.

Träume bei einem erhöhten Herzschlag fallen emotionaler aus.

Albrecht Vorster, Schlafforscher

Wie beeinflusst Stress das Traumverhalten?

Wenn wir aufgewühlt sind, haben wir einen leichteren Schlaf. Unser Körper gerät in eine Hab-Acht-Stellung. Wir sinken nicht mehr so tief ab, wir wachen häufiger auf. Der Herzschlag ist schneller als üblich. Vermutlich fallen Träume bei einem erhöht wahrgenommenen Herzschlag emotionaler aus. In den USA wird dementsprechend seit einiger Zeit an einem eigentlich blutdrucksenkenden Mittel zur Behandlung von Albträumen geforscht. Dieses Medikament blockiert sogenannte Alpha-1-Rezeptoren, die Andockstelle für die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin. Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung haben ein generell erhöhtes Stresslevel. Durch die Blockade der Andockstelle der Stresshormone versucht man, deren störende Wirkung vom Schlaf fernzuhalten. Bisher sind die Forschungsergebnisse jedoch sehr gemischt.

Wie lassen sich Albträume besiegen?

Albträume sind für die Betroffenen sehr belastend, das spiegelt sich in einer deutlich höheren Selbstmordrate. Eine sehr gute Behandlungsmethode bietet die „image rehearsal therapy“. Dabei schreibt man zunächst den Traum so detailliert wie möglich auf. Danach überlegt man, was einem in der Horrorsituation helfen könnte. Sollte ich zum Beispiel meinen Verfolger ansprechen und ihm eine Blume schenken? Sollte mir jemand zu Hilfe eilen? Man entwirft also ein Happy End für diesen Albtraum, schreibt es auf und liest das über zwei Wochen vor dem Einschlafen mehrmals durch. Was wir häufig lesen, brennt sich ein. Bislang hat sich der Albtraum eingebrannt – was sich durchbrechen lässt, indem wir diese Gedanken bewusst in eine neue Richtung lenken.  

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Kay Blaschke

Ab wann ist schlechter Schlaf bedenklich?

Es besteht ein großer Unterschied zwischen bisweilen schlechtem Schlaf und einer veritablen Schlafstörung. Gelegentlich schlecht zu schlafen, auch über zwei Wochen, ist vollkommen normal und nicht behandlungsbedürftig. Behandlungsbedürftig sind Schlafstörungen erst, wenn Menschen länger als einen Monat häufiger als dreimal in der Woche Schlafprobleme haben. Diese Menschen fühlen sich gerädert, das ist extrem zermürbend. Nicht umsonst zählt Schlafentzug zu den gängigsten Foltermethoden. 

Was genau passiert dabei?

Wer nicht genügend Schlaf bekommt, wird unglaublich dünnhäutig und emotional unausgeglichen. Der ganze Körperstoffwechsel gerät aus dem Gleichgewicht. Nach einigen Tagen dreht der Körper richtig am Rad.  

Was sind die gängigsten Mythen über den Schlaf? Stimmt zum Beispiel „Vor Mitternacht ist er am besten“?

Es ist richtig, dass in den ersten drei Stunden der wichtigste Schlaf stattfindet. Da haben wir den meisten Tiefschlaf, der für die Erholungsfunktion des Körpers zum Beispiel durch die Ausschüttung von Wachstumshormonen, aber auch für das Immunsystems entscheidend ist. Ob diese ersten drei Stunden vor oder nach Mitternacht liegen, ist allerdings völlig gleichgültig.  

Mit vollem Bauch träumt man schlecht?

Für den Körper ist es sicher nicht optimal, sich vor dem Schlafen den Bauch vollzuschlagen. Allerdings kenne ich keine Studien, die belegen, dass man mit vollem Bauch weniger Tiefschlaf hätte. Wenn jemand gut schläft, dann kann er meiner Meinung nach machen, was er möchte. Erst wenn Schlafprobleme auftauchen, sollte man anfangen, Schlafhygiene zu betreiben.  

Ein eigenes Kapitel widmen Sie in Ihrem Buch dem Thema „Restless Legs“, den ruhelosen Beinen in der Nacht. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein Thema, das vier Millionen Deutsche betrifft und über das kaum jemand redet. Zehn Prozent der Frauen leiden sporadisch darunter, drei Prozent haben mit diesem Phänomen ständig zu kämpfen. Abends, wenn sie zur Ruhe kommen, spüren sie ein Ziehen, Zerren, Kribbeln in den Beinen, das nur weggeht, wenn sie aufstehen und sich bewegen. Es ist die häufigste neurologische Krankheit nach der Migräne. Und doch warten viele Betroffene jahrelang, bis Ärzte die Krankheit richtig erkennen. Oft vermuten Ärzte ein Venenleiden, dabei gibt es für „Restless Legs“ sehr guten Behandlungsmöglichkeiten mit Eisenpräparaten und Dopamin-Agonisten. Beide unterstützen die Ausschüttung des Nervenbotenstoffs Dopamin, daran mangelt es bei den Betroffenen in den unteren Rückenmarkssegmenten.

Laut einer Studie aus den USA im Auftrag eines Baumwollproduzenten sollen Paare, die nackt schlafen, glücklicher sein als jene, die Nachthemd oder Pyjama tragen. Können Sie das bestätigen?  

Die Kleidung spielt keine Rolle für den Schlaf. Wenn man glücklich dabei ist, nackt zu schlafen, kann man das tun. Bis vor 200 Jahren war das gang und gäbe bei den Menschen. Wir schwitzen jede Nacht rund 1,5 Liter Flüssigkeit aus, Nachtwäsche hat den hygienischen Vorteil, dass sie die Feuchtigkeit aufnimmt und das Waschen eines Pyjamas ist praktischer als das häufige Wechseln von Bettlaken.  

Was träumen Blinde?

Menschen, die erst später im Leben erblinden, träumen weiterhin in Bildern. Wer ohne visuelles Vermögen geboren wurde, wird auch im Traum keine Bilder erleben, weil dieser Sinneseindruck fehlt. Trotzdem träumen Blinde, eben mit Gesprächen, Gerüchen oder Bewegungen. Insofern unterscheiden sich diese Träume nicht wesentlich von denen Sehender.

Im Buch erzählen Sie, dass Erfindungen wie Benzol den Entdeckern im Schlaf gekommen sind.

Das Beispiel der Erfindungen dient dazu, generell darzustellen, welche Rolle der Schlaf für die Generierung von Wissen und Denken spielt. Der Schlaf ist dazu prädestiniert, Querverbindungen zu ziehen zwischen dem Gelernten, um das Neugelernte des Tages in das bestehende Wissen zu integrieren. Erfindungen entstehen aus bekanntem Wissen und freigeistiger Verknüpfung. Wer sich viel mit einem Thema beschäftigt, wird das auch im Schlaf unweigerlich tun. Ob ich dadurch plötzlich die großartige Idee bekomme, ist offen. Nicht alle besten Einfälle entstehen im Schlaf. Ich kann jedoch jedem empfehlen, wenn er klüger werden will, ausreichend auf seinen Schlaf zu achten. Schlafen wir zu wenig, werden wir dumm und unkonzentriert.  

Der Satz gilt für Schüler in besonderem Maß, wie Sie im Buch ausführen. Sollte der Unterricht später beginnen?

Absolut. Schüler ab der Pubertät werden zu früh in die Schule geschickt, zu einem Zeitpunkt, an dem sie wenig lern- und aufnahmefähig sind. Ihr Schlafrhythmus verlagert sich genetisch nach hinten, ganz unabhängig von einem unterstellten „ungesunden Lebenswandel“. Wenn wir im PISA-Test nur ein paar Punkte aufsteigen wollten, sollten wir die Schule ab der Mittelstufe einfach erst ab zehn Uhr beginnen lassen. Die wissenschaftlichen Studien sind dazu ganz eindeutig. Wenn die Schule später beginnt, fallen die Leistungen besser aus.   

Kann man seine eigene Traumfabrik produzieren?

Es gibt Techniken, das Auftreten von luziden Träumen wahrscheinlicher zu machen. Also von Träumen, in denen man sich zum einen bewusst ist, dass man träumt, und zum anderen die Träume nach eigenen Wünschen gestalten kann. Wer gut trainiert, schafft es auf drei bis sieben solcher Träume im Monat. Zunächst muss man sich mehrmals täglich fragen, ob man gerade wach ist oder träumt. Das wird zur Routine, und Gewohnheiten treten auch im Traum auf. Erst wenn wir im Traum erkennen, dass wir träumen können wir ihn gestalten. Zweiter Schritt: Sich jeden Tag auf der Bettkante fest vornehmen: „Das nächste Mal wenn ich träume, werde ich mir bewusst, dass ich träume.“ Dritter Schritt: Nach fünf Stunden Schlaf den Wecker stellen, fünf Minuten wach sein und sich beim Einschlafen wieder vornehmen, den Traum bewusst zu erleben. In der zweiten Nachthälfte träumen wir vermehrt, und alles, was wir uns auf der Bettkante vornehmen, nehmen wir mit in unsere Träume. Die Erfahrung mit meinen Studenten zeigt allerdings, dass es vielen zu aufwendig ist. Das kann eine schöne Spielwiese sein, dass sie einen praktischen Nutzen hat, würde ich bezweifeln.  

„Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen. Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen“ – hat Kant recht? Ist Schlaf womöglich das beste Drittel im Leben?

Mir macht das Leben tagsüber am meisten Spaß. Womit Kant aber recht hat: Wenn wir gut geschlafen haben, sind wir emotional ausgeglichener und nehmen die Welt positiver wahr. Wer sein Leben verschönern will, sollte also auf seinen Schlaf achten. Dann fühlt man sich einfach glücklicher und besser.  


Das Buch

Albrecht Vorster: „Warum wir schlafen“ (Heyne, 416 Seiten, 18 Euro)