BerlinNach einer Analyse der Barmer-Krankenkasse gibt es in diesem Spätsommer und Herbst deutlich weniger Krankschreibungen wegen Atemwegserkrankungen als 2019. Die Kasse führt das auf weniger Ansteckungen zurück, weil viele Menschen die Abstands-, Hygiene- und Maskenregeln in der Pandemie beherzigen würden, heißt es in der Analyse. Die deutlichen Abweichungen im Jahresvergleich könnten nicht allein durch unterschiedliche Witterungsbedingungen erklärt werden.

Konkret sei die Zahl der wegen Atemwegsinfekten krankgeschriebenen Barmer-Versicherten von Mitte August bis Anfang Oktober um 101 Prozent gestiegen - von 18.975 auf insgesamt 37.777 Versicherte. 2019 betrug der Zuwachs im gleichen Zeitraum bereits 138 Prozent (von 33.439 auf insgesamt 57.613 Menschen).

Schützen Corona-Maßnahmen demnach womöglich auch vor Grippe? Schon nach dem ersten Lockdown registrierten Hausärzte in Deutschland ein allgemein geringeres Ansteckungsrisiko mit leichten Infekten. „Dazu gehören Erkältungskrankheiten, grippale Infekte, aber auch Magen-Darm-Infekte“, sagte Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes im Juni. Grund seien Abstandsregeln und das verstärkte Hygieneverhalten.

Die Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert-Koch-Institutes veröffentlicht während der Grippe-Saison jede Woche eine Übersicht mit den gemeldeten Fällen in Deutschland. Bisher gibt es vier Berichte. Darin sind noch keine besonderen Auffälligkeiten vermerkt. „Aufgrund der geringen Zahl eingesandter Proben ist keine robuste Einschätzung zu den derzeit eventuell noch zirkulierenden Viren möglich“, heißt es im aktuellen Wochenbericht. Ein Blick auf alle europäischen Länder zeigt: „29 Länder, darunter auch Deutschland, vermerkten eine Influenza-Aktivität unterhalb des nationalen Schwellenwertes, fünf Länder berichteten über eine niedrige Influenza-Aktivität.“

Genaue Aussagen ließen sich aber noch nicht treffen. Es sei auch noch keine Prognose möglich, heißt es aus der Pressestelle des RKI auf Anfrage. Die Grippewelle habe in der Vergangenheit in Deutschland fast immer erst im Januar begonnen.

Deutlich weniger Grippe-Fälle auf der Südhalbkugel

Vielleicht hilft ein Blick auf Länder der Südhalbkugel. Dort ist der Winter bereits vorbei, die Grippesaison erfahrungsgemäß überstanden. Bekanntermaßen wird Influenza wie das Coronavirus über Tröpfcheninfektionen von Mensch zu Mensch verbreitet. Mit mehr Abstand kann sich das Risiko einer Ansteckung verringern. Auf der südlichen Erdhalbkugel konnte man das tatsächlich gut beobachten.

In Südafrika gab es deutlich weniger Grippe-Fälle. Die Epidemiologin Cheryl Cohen, Leiterin vom südafrikanischen National Institute for Communicable Diseases (NICD), wollte in einer Studie mögliche Wechselwirkungen zwischen einer Erkrankung mit dem Sars-CoV-2-Virus und der Grippe untersuchen. Aber das ging nicht. Das Fachmagazin „Science“ berichtete, dass das NICD in der Zeit von März bis August nur einen einzigen Grippefall registriert hat. „Wir führen die Grippeüberwachung seit 1984 durch, und das ist beispiellos“, sagte Cohen. Reisebeschränkungen, Schulschließungen, Abstandsregelungen und das Tragen von Masken scheinen die Ausbreitung der Grippe in Südafrika eingedämmt zu haben.

Ähnliches berichtet Korrespondentin Urs Wälterin in der taz über Australien: „Während 2019 zwischen Januar und Juni 430 Menschen an der Folge von Grippe starben, waren es in diesem Jahr gerade mal 36.“ Australien hatte teilweise strikte Ausgangssperren und Einreisebeschränkungen angeordnet, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Die soziale Distanz habe auch zu weniger Grippefällen geführt, sagte Influenza-Experte Ian Barr von der Weltgesundheitsorganisation.

„Die AHA-Regeln wirken nachweislich. Das ist zu Beginn des zweiten Lockdowns eine wichtige Botschaft“, ist Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer-Krankenkasse überzeugt. Gleichzeitig empfehlen alle offiziellen Stellen, dass sich die Menschen gegen Grippe impfen lassen. Das gilt vor allem für Risikogruppen wie Senioren und chronisch Kranke. So sollen Superinfektionen mit anderen gefährlichen Erregern vermieden und die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen Grippe möglichst gering gehalten werden.