BerlinIn einem ungewöhnlichen Schulterschluss – und mit sehr klaren Worten – warnen sechs deutsche Wissenschaftsorganisationen davor, dass sich die Pandemie auch hierzulande so dramatisch entwickelt wie in anderen Ländern Europas. „Die Situation ist ernst“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Der Anstieg der Coronavirus-Infektionen sei wegen der hohen Fallzahlen an vielen Orten nicht mehr kontrollierbar und könne eine beträchtliche Zahl von Behandlungsbedürftigen in den Krankenhäusern und einen deutlichen Anstieg der Sterbezahlen in Deutschland zur Folge haben, heißt es.

Um dies noch zu verhindern, fordern die Wissenschaftsorganisationen klare Entscheidungen und deren schnelle Umsetzung. Um die Pandemie einzudämmen, sei es zunächst vor allem notwendig, Kontakte, die ohne Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, auf ein Viertel zu reduzieren und dies in allen Bundesländern sowie in allen Landkreisen und Städten nach bundesweit einheitlichen Regeln durchzuführen.

Schnelles Handeln erforderlich

Unterzeichnet ist die sieben Seiten umfassende Erklärung von der Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie von den Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina – eine prominentere, seriösere und gewichtigere Autorenschaft kann man sich national kaum vorstellen.

„Aktuell kann die Ausbreitung des Virus in vielen Regionen von den Gesundheitsämtern aus Kapazitätsgründen nicht mehr adäquat nachverfolgt werden. Um diese Nachverfolgung wieder zu ermöglichen, müssen Kontakte, die potentiell zu einer Infektion führen, systematisch reduziert werden“, schreiben die Forscher und Wissenschaftsmanager. Nur so werde „eine Unterbrechung der Infektionsketten und ein Einhegen der Situation“ wieder möglich. „Je früher und konsequenter alle Kontakte, die ohne die aktuell geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, eingeschränkt werden, desto kürzer können diese Beschränkungen sein“, heißt es in dem Papier.

Schnelles Handeln sei auch deshalb erforderlich, weil die Fallzahlen reduziert werden müssen, bevor die Bettenauslastung in den Kliniken kritisch werde. „Im In- und Ausland ist zu beobachten, dass die unkontrollierte Ausbreitung des Virus in der jungen Bevölkerung auf die ältere übergreift und zu einer Überlastung des Gesundheitssystems zu führen droht“, schreiben die Wissenschaftler. Auf eine hohe Auslastung der Intensivbetten zu warten, bevor konsequente Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 umgesetzt werden, führe zu einer Krisensituation in der Krankenversorgung.

Drastische drei Wochen – und Maßnahmen für den gesamten Winter

Explizit betont wird, dass es entscheidend sei, zugleich deutlich, schnell und nachhaltig zu reagieren. Als Schlüssel zur Kontrolle sehen die Autoren ein starkes Drosseln ungeschützter Kontakte zwischen den Menschen und konsequentes Befolgen der AHA+L-Regeln – also Abstand, Hygiene, Alltagsmasken sowie Lüften. Wissenschaftliche Simulationen des möglichen Pandemieverlaufs zeigten, dass eine Halbierung der Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen eines jeden Einzelnen gegenwärtig nicht ausreiche, um die Zahl von Neuinfizierten pro Woche zu senken. „Die notwendige Reduktion von Kontakten ohne Vorsichtsmaßnahmen auf ein Viertel sollte in allen Bundesländern sowie in allen Landkreisen und Städten nach bundesweit einheitlichen Regeln durchgeführt werden“, schreiben die Forscher. Mithilfe einer derart drastischen Reduktion lasse sich die Pandemie eindämmen.

Und es muss schnell gehen: „Je früher eine konsequente Reduktion von Kontakten ohne Vorsichtsmaßnahmen erfolgt, desto kürzer können diese andauern und desto weniger psychische, soziale und wirtschaftliche Kollateralschäden werden diese verursachen“, heißt es. Da sich Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarn in einer etwas früheren Phase des Anstiegs der Fallzahlen befinde, bestehe jetzt noch die Chance, früher zu reagieren.

Die Wissenschaftsorganisationen schlagen eine deutliche Reduktion der Kontakte für etwa drei Wochen vor. Diese Zeit sei notwendig, um die Fallzahlen so weit zu senken, dass die  Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung wieder vollständig durchführen können. „Sobald dies möglich ist, können die Beschränkungen vorsichtig gelockert werden, ohne dass unmittelbar eine erneute Pandemiewelle droht. Das muss aber bereits jetzt vorbereitet werden“, heißt es in der Erklärung. Im Anschluss an die drastischen drei Wochen empfehlen die Wissenschaftler, eine Reihe von Maßnahmen „bundesweit einheitlich und konsequent durchzusetzen“, um die dann erreichte niedrige Fallzahl zu halten.

Für wichtig erachten sie es, stark auf Kommunikation zu setzen und der Bevölkerung „unzweideutig und bundesweit einheitlich“ die Bedeutung der AHA+L-Regeln deutlich zu machen – sowie die Nichtbeachtung konsequent zu ahnden. Auch die Nutzung der Corona-Warn-App müsse stärker propagiert werden. Für den gesamten Winter sei es darüber hinaus erforderlich, Risikogruppen durch gezielte Maßnahmen konsequent zu schützen, Masken auch in Schulen zu tragen, im privaten Bereich Feiern zu vermeiden und Kontakte weiterhin möglichst einzuschränken sowie privaten Treffen im Freien – etwa gemeinsamen Spaziergängen – den Vorzug vor Treffen in geschlossenen Räumen zu geben, Hygienekonzepte zu schärfen und zu kontrollieren.

Bereits im September hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina an Bund und Länder appelliert, klare und einheitliche Corona-Regeln für den Herbst und Winter zu formulieren. Und Mitte Oktober nach der Bund-Länder-Runde zur Pandemie nochmal konsequenteres Handeln gefordert