Symbolfoto zum Coronavirus 
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BerlinEs klingt alarmierend: Der britische Pharmakonzern Astrazeneca hat vorsorglich eine große klinische Studie global unterbrochen, in der sein Corona-Impfstoff erprobt wird. Denn bei einer britischen Teilnehmerin sind ernsthafte gesundheitliche Probleme aufgetreten. Dass so etwas geschieht, ist jedoch nicht ungewöhnlich. Es bedeutet zu diesem Zeitpunkt keinesfalls das Aus für den Impfstoff, wohl aber eine Verzögerung. „In großen Versuchsreihen treten Erkrankungen zufällig auf, müssen aber von unabhängiger Seite untersucht werden, um das gründlich zu überprüfen“, teilte der Konzern mit.

Der Fall ist offenbar in einer Ende Mai gestarteten Studie aufgetreten, die derzeit im Vereinigten Königreich, in Brasilien und Südafrika läuft. Insgesamt sollen dabei bereits 17.000 Probanden geimpft worden sein. Es handelt sich bei dieser Studie um eine Kombination der zweiten und dritten Phase der klinischen Prüfung. Ende August startete das Unternehmen eine reine Phase-3-Studie in den USA. Dort soll der Wirkstoff AZD1222 an insgesamt 30.000 Probanden erprobt werden.

Man werde die Untersuchung beschleunigen, damit sich das Zulassungsverfahren für den Impfstoff so wenig wie möglich verzögere, teilte der Konzern mit. Astrazeneca machte zunächst keine Angaben zu der Erkrankung. Nach einer Videokonferenz mit Investoren wurde am Abend bekannt, dass die Probandin Symptome der Transversen Myelitis (TM) gezeigt hatte - eine Entzündung, die das Rückenmark trifft und durch Virusinfektionen ausgelöst werden kann. Sie erhole sich derzeit davon und könne bald entlassen werden. Außerdem stellte der Konzern klar, dass die Frau tatsächlich dem Teil der Studie angehört, der den Impfstoff erhielt, und nicht der Plazebo-Gruppe.

Ein unabhängiges Gremium prüft

Hiesige Impfstoffexperten werten die Nachricht als Indiz dafür, dass das System der Impfstoffüberprüfung funktioniert – obwohl die Branche unter großem Zeitdruck agiert. „Der Konzern geht so vor, wie es sich bei einer ordentlichen klinischen Studie gehört: Man stoppt die Studie und lässt von einem unabhängigen Gremium prüfen, ob die Nebenwirkung mit der Impfung in Zusammenhang steht oder nicht“, sagte Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, der Berliner Zeitung. Der Forscher, der an der Überprüfung des Astrazeneca-Impfstoffs in frühen klinischen Phasen beteiligt war, in die aktuellen großen Studien aber nicht mehr involviert ist, gibt zu bedenken, dass in derart großen Studien stets mit Erkrankungen zu rechnen sei.

„Es ist bedauerlich, dass eine Probandin der Studie erkrankt ist, aber es fehlen noch wichtige Informationen, um den Fall bewerten zu können. Wir brauchen zum Beispiel Erkenntnisse darüber, ob Vorerkrankungen oder Begleiterkrankungen vorliegen – vor allem sind andere Virusinfektionen abzuklären“, sagt Becker.

Der Wirkstoff AZD1222 wurde von der University of Oxford und ihrem ausgegründeten Unternehmen Vaccitech mitentwickelt. Er zählt zu den fortgeschrittenen Covid-19-Impfprojekten, denn er wird bereits in großen Studien mit Zehntausenden Probanden untersucht, befindet sich also in der letzten von drei klinischen Phasen. Weltweit haben bisher neun Impfstoffe die Phase 3 erreicht, insgesamt laufen mehr als 170 Projekte.

Auch der russische Impfstoff Sputnik V ist ein Vektorimpfstoff

AZD1222 ist ein sogenannter Vektorimpfstoff, bei dem eine gentechnisch abgeschwächte Variante eines Erkältungsvirus von Schimpansen, ein Adenovirus, das genetische Material des Spike-Proteins von Sars-CoV-2 in den Körper schleust. Nach der Impfung wird dieses Spike-Protein produziert und bereitet so das Immunsystem darauf vor, sich zu wehren, wenn es zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Corona-Infektion kommt.

Auch der russische Impfstoff Sputnik V ist ein Vektorimpfstoff – er verwendet Adenoviren, die bei Menschen vorkommen. Sputnik V machte im August Schlagzeilen, weil er offenbar zugelassen wurde, ohne Phase-3-Studien abzuwarten. Publiziert sind seit der vergangenen Woche lediglich erste Erkenntnisse über die Anwendung bei 76 Probanden. „Der aktuelle Fall zeigt, wie riskant es ist, so wie die Russen vorzugehen und einen Impfstoff freizugeben, bevor er in großen klinischen Studien erprobt ist“, sagt Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Gießen, der Berliner Zeitung.

Grundsätzlich können ernste Nebenwirkungen wie eine Transverse Myelitis statistisch zu erklären sein – einfach weil bestimmte Erkrankungen mit einer gewissen Häufigkeit auftreten. Doch es ist auch nicht auszuschließen, dass die Impfung selbst der Auslöser ist.

Überspitzt gesagt könnte man so etwas auch beobachten, wenn man in einer Studie Schwarzbrot verabreicht.

Friedemann Weber, Virologe, Universität Gießen

Ein zufälliges Auftreten lasse sich schon durch die Tatsache begründen, dass es unter einer Million Menschen durchschnittlich ein bis acht Fälle von Transverser Myelitis gibt, erläutert Friedemann Weber. Bei einem Teil dieser Fälle sei die Ursache für die Erkrankung unbekannt, bei anderen komme es nach einer Virusinfektion zu TM. „Die Erkrankung kann bei einem Geimpften also auch ohne kausalen Zusammenhang auftreten. Überspitzt gesagt könnte man so etwas auch beobachten, wenn man in einer Studie Schwarzbrot verabreicht“, sagt der Gießener Virologe.

Zu denken gibt allerdings die Tatsache, dass vor allem Virusinfektionen die Erkrankung auslösen können. „Auch TM-Fälle durch Covid-19 sind dokumentiert, allerdings sehr selten – weltweit bislang drei Mal“, sagt Weber. Es sei also momentan nicht auszuschließen, dass die Impfung der Auslöser ist. Im Falle von AZD1222 könne es das Adenovirus sein, das die entzündliche Reaktion provoziert, aber auch das Spike-Protein von Sars-CoV-2. „Möglicherweise ist es aber auch die Kombination von beidem“, sagt Weber.

Bei einer TM greift das Immunsystem körpereigene Zellen an, und zwar die isolierende Schicht von Nervenbahnen im Rückenmark, Myelin genannt. „Normalerweise richten sich die Immunzellen nicht gegen Proteine des Körpers, durch gewisse Trigger kann es aber dazu kommen. Und zu diesen Triggern zählen Virusinfektionen, womöglich aber auch der verabreichte Impfstoff“, erläutert der Gießener Virologe Weber. So sei es zum Beispiel denkbar, dass eines der verabreichten Virusproteine einem Abschnitt des Myelins ähnelt und auf diese Weise das Immunsystem gegen körpereigene Eiweiße auf den Plan ruft.

Manche Nebenwirkungen werden in Kauf genommen

„Impfstoffforschung ist empirisch“, gibt Weber zu bedenken. Ohne Beobachtung in großen Studien ließen sich seltene oder unerwartete Nebenwirkungen nicht entdecken. Diese Erfahrung hat auch sein Kollege Stephan Becker vor fünf Jahren bei der Entwicklung eines Ebola-Impfstoffs gemacht. „Bei diesem Impfstoff, ebenfalls ein Vektorimpfstoff, traten in den Studien als unerwartete Nebenwirkungen Entzündungen in den Knien und anderen Gelenken auf“, berichtet Becker.

Die Untersuchung durch das unabhängige Sicherheitsgremium deutete damals auf einen Zusammenhang mit der Impfung hin, weil in der Gelenkflüssigkeit Impfstoffviren gefunden wurden. Zugleich habe sich gezeigt, dass die Entzündungen offenbar durch starke körperliche Aktivität direkt nach der Impfung begünstigt worden waren. „Wenn sich solche Nebenwirkungen zeigen, gilt es abzuwägen, ob man sie in Kauf nimmt oder nicht“, berichtet der Marburger Virologe. Im Falle des Ebola-Impfstoffs sei entschieden worden, diese Art von Nebenwirkung zu akzeptieren und den Impfstoff weiterzuentwickeln. Er ist inzwischen zugelassen. Becker: „Ebola ist eine Krankheit, an der 50 Prozent der Infizierten sterben. Bei Corona würde man Nutzen und Risiken anders abwägen, weil 80 Prozent der Infizierten die Erkrankung sehr gut überstehen.“

Andererseits steht die Branche natürlich unter Druck. Astrazeneca und acht weitere Pharma- und Biotech-Unternehmen hatten erst am Dienstag versichert, dass sie bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs keine Kompromisse bei der Sicherheit machen werden. Dieser ungewöhnliche Schritt erfolgte mit Blick auf Bedenken, dass es vor allem in den USA politischen Druck zwecks einer Eil-Zulassung erster Impfstoffe vor der Präsidentenwahl am 3. November geben könnte. US-Präsident Donald Trump verspricht fast täglich, dass es bis Jahresende oder möglicherweise schon bis zur Wahl einen Impfstoff geben werde. (mit dpa)