Sars-CoV-2 unter dem Mikroskop
Foto:  NIH/AFP

BerlinAnfangs waren es Berichte von Einzelfällen. Inzwischen verdichten sich die Hinweise darauf, dass sich eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 auch dann noch bemerkbar macht, wenn die Patienten schon wieder als genesen gelten. Das Spektrum dieser Spätfolgen ist groß: In der Lunge äußern sich die Nachwirkungen vor allem durch Luftnot, die nicht verschwinden will. Bei anderen Covid-Patienten, die die Krankheit überstanden geglaubt hatten, meldet sich noch wochenlang der Magen-Darm-Trakt mit Durchfällen und Bauchkrämpfen. Und wieder andere berichten von chronischer Erschöpfung (Fatigue), anhaltenden Beeinträchtigungen des Geruchs- und Geschmackssinns sowie Kopfschmerzen und Schwindel – was darauf hindeutet, dass das Nervensystem durch die Infektion in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Der 46-jährige Berliner Dimitri Boulgakov zum Beispiel gehört zu diesen Patienten. Die Nachrichtenagentur dpa hat am Montag über den Fall berichtet. Mehr als zwei Monate nach dem Ausbruch von Covid-19 gerät der eigentlich durchtrainierte Mann, der einst Profi-Balletttänzer war, beim Treppensteigen oder Fußballspielen mit seinen Söhnen noch außer Puste. Dabei war die Infektion bei ihm nicht schwer verlaufen, wie Torsten Blum, Oberarzt in der Berliner Lungenklinik Heckeshorn im Helios Klinikum Emil von Behring, bestätigt.

Eine Computertomografie-Aufnahme erklärt, warum Boulgakov so schwer Luft bekommt, wenn er sich anstrengt: Auf dem Bild finden sich viele gesunde Abschnitte, aber eingestreut auch krankhafte Veränderungen des Gewebes. Milchglasmuster nennen Ärzte diese weißen Einsprengsel. Es sind entzündliche Stellen. Daraus könnten später Narben werden, erklärt Blum. Ob das passieren wird, lässt sich dem Lungenarzt zufolge aber noch nicht sagen.

Milchglasmuster in der Lunge

„Ein solches Milchglasmuster ist ein Anzeichen dafür, dass Lungengewebe mit Sars-CoV-2 infiziert war und sich gegen den Erreger gewehrt hat“, erläutert die Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover und vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung am Standort Hannover-Braunschweig. In einigen Fällen reagiere das Immunsystem zu heftig auf die Viren, wodurch das Gewebe geschädigt wird. Im Bemühen sich zu regenerieren, könne sich die Lunge als Reaktion auf die Entzündungsreaktion zum Beispiel in Bindegewebe umbauen. „Solche Fibrosen sind gar nicht gut, denn sie beeinträchtigen auf Dauer die Funktion der Lunge. Allerdings entwickeln sie sich nur bei einem Teil der Patienten mit Milchglasmustern“, erläutert die Expertin.

Weil Sars-CoV-2 über die Atemwege in den Körper gelangt, machen sich in der Lunge überdurchschnittlich häufig Spätfolgen bemerkbar. Inzwischen ist jedoch klar, dass viele andere Organe ebenfalls betroffen sein können. Mediziner betrachten Covid-19 darum nicht mehr wie anfangs als Atemwegs-, sondern als Systemerkrankung. Und sie bemühen sich darum, einen Überblick über die Spätfolgen zu bekommen und herauszufinden, ob es sich um dauerhafte Schädigungen handelt oder nicht. „Wir alle lernen jeden Tag dazu“, sagt die Immunologin Christine Falk.

Eine der ersten ausführlichen Studien zum Thema haben kürzlich italienische Mediziner veröffentlicht. Sie hatten 143 Patienten, die schwer an Covid-19 erkrankt waren, etwa zwei Monate nach Symptombeginn untersucht und festgestellt, dass mehr als 70 Prozent noch Beschwerden hatten. Wie die Forscher im Fachmagazin Jama berichten, waren Fatigue und Atemnot bei den Genesenen immer noch die häufigsten Symptome.

Aufgrund dieser Erkenntnisse geht Christine Falk davon aus, dass mindestens jeder Zweite, der schwer an Covid-19 erkrankt war, danach noch lange mit Symptomen zu kämpfen hat. Über die Häufigkeit von Spätfolgen nach leichteren Covid-19-Verläufen gibt es der Immunologie-Professorin zufolge noch nicht so zuverlässige Daten aus großen Kohorten. „Zurzeit schätzt man, dass in dieser Gruppe die Nachwirkungen der Infektion etwa jedem Zehnten zu schaffen machen“, sagt die Expertin. In den Kliniken stelle man sich nun zunehmend auf diese Fälle ein und richte Covid-Ambulanzen ein, in denen die Betreuung der Patienten erfolgt.

Mit der Nachsorge ist das jedoch so eine Sache, denn eine echte zielgerichtete Therapie gibt es noch nicht. „Den meisten Patienten kann man nur raten, auf ihren Körper zu hören und sich zu schonen, wenn sie sich auch Wochen nach der Infektion noch erschöpft und kraftlos fühlen“, sagt Christine Falk. Darüber hinaus sei es wichtig abzuklären, ob es sich bei den Symptomen wirklich um Covid-Spätfolgen handelt oder ob womöglich eine andere ernsthafte Erkrankung dahintersteckt, etwa Krebs oder ein Autoimmunleiden.

Wenn sich das Virus in die Tiefe der Lunge hineinfrisst, wird das Räderwerk durcheinandergebracht.

Christine Falk, Immunologie-Professorin, Medizinische Hochschule Hannover

Der Expertin zufolge ist es noch unklar, ob es verbliebene Viren sind, die diese Spätfolgen auslösen. Sie hält das eher für unwahrscheinlich. Vielmehr scheint es so, dass der Infekt bestimmte Netzwerke im Körper durcheinanderbringt – und zwar so gründlich, dass diese Imbalance noch andauert, wenn die akute Infektion durchgestanden ist. Mit diesen Netzwerken meint die Immunologin das Immunsystem, das über die Lymphbahnen verbunden ist, das Nervensystem mit seinen entsprechenden Fasern und das Herz-Kreislaufsystem mit den Blutgefäßen. „Diese Netzwerke kommunizieren miteinander wie ein gut abgestimmtes Räderwerk“, erläutert sie. „Wenn sich das Virus jedoch in die Tiefe der Lunge hineinfrisst, wird das Räderwerk durcheinandergebracht.“

So sei zu erklären, dass sich ein Virusinfekt der Lunge letztendlich auch auf Prozesse auswirkt, die im Gehirn gesteuert werden – und dass auch nach Abklingen des Infekts das Blutgerinnungssystem noch derart gestört ist, dass Thrombosen oder Lungenembolien auftreten können. „Offenbar dauert es sehr lange, bis die Rädchen wieder reibungslos funktionieren“, sagt Christine Falk. Die Chance, dass sich die Netzwerke im Körper überhaupt wieder regenerieren, sei aber durchaus gegeben. „Wir gehen davon aus, dass die Symptome reversibel sind. Zumindest gibt es bisher keinen Grund dafür anzunehmen, dass das nicht so ist“, sagt sie. Für Betroffene ist also Durchhalten angesagt. „Als Ärzte müssen wir die Leute gut dabei begleiten und sie ermuntern, die Regeneration zu unterstützen, indem sie sich gesund ernähren, regelmäßig an die frische Luft gehen und ausreichend Schlaf bekommen. Das hilft auch dem Immunsystem“, sagt Christine Falk.

Warum eine Infektion mit Sars-CoV-2 bei den meisten Menschen unproblematisch verläuft, anderen aber gravierenden Probleme bereitet, ist für die Wissenschaft weiterhin ein großes Rätsel. Dass diese Viren Menschen überhaupt derart lahmlegen können, liegt daran, dass sie noch nicht lange bei uns kursieren. „Ursprünglich sind es ja Viren, die bei Fledermäusen vorkommen. Die Erreger sind also auf diese Art besonders gut angepasst“, sagt Falk. Fledermäuse haben im Vergleich zum Menschen einen hohen Energieumsatz und ihr Immunsystem reagiert sehr schnell auf Eindringlinge. „Die Zellen des Menschen sind zu langsam. Sie erlauben es dem Virus, die Kontrolle zu übernehmen“, erläutert die Immunologin.

Verändert sich das Virus?

Neueren Erkenntnissen nach bedeute diese Kontrolle nicht nur, dass die Zelle für die Vermehrung der Viren gekapert wird. „Sars-CoV-2- verändert auch die Physiologie der Zelle“, sagt Christine Falk. So könne es Schäden anrichten, bevor die infizierte Zelle dem Immunsystem signalisiert, dass es befallen ist und Hilfe benötigt. Vermutlich entstünden die gravierenden Verläufe, wenn die Viren nicht sofort im Bereich von Nase und Rache bekämpft werden, sagt die Expertin: „Dann erreichen sie auch die Lungen und es tritt ein Problem nach dem anderen auf.“

Perspektivisch gibt es zwei Möglichkeiten, dass sich dieser Zustand bessert. Zum einen ist es möglich, dass sich Sars-CoV-2 in seiner Gensequenz derart verändert, dass es sich abschwächt und den Menschen nicht mehr so stark krank macht. Doch Coronaviren gelten als genetisch recht stabil, deshalb ist diese Entwicklung derzeit nicht wahrscheinlich. Die andere Möglichkeit, die Corona-Krise zu überwinden, sind antivirale Medikamente, vor allem aber Impfstoffe. „Mit Blick auf Impfstoffe ist die genetische Stabilität wiederum von Vorteil. Gegen Corona wird man - hoffentlich - nicht wie gegen Influenza ständig neue Impfstoffmixturen zusammenstellen müssen“, sagt Christine Falk.

Wann die ersten Impfstoffe für die breite Bevölkerung zur Verfügung stehen werden, lässt sich nicht genau sagen. Ermutigend ist jedoch, dass die ersten Test-Vakzine nun bereits in die heiße Phase der klinischen Erprobung gehen. Die US-Firma Moderna und auch das Mainzer Unternehmen Biontech, das mit dem Pfizer-Konzern kooperiert, kündigten am Dienstag große klinische Studien mit jeweils bis zu 30.000 Probanden an. Wenn alles gut läuft, will Biontech bereits im Oktober ein Zulassungsverfahren einleiten. Vielleicht kommen schützende Impfstoffe also doch etwas früher als gedacht.  (mit dpa)